Klimawandel und Abwärme treiben Ausbreitung von Schadweichtieren voran
Wissenschaftler warnen vor der Nordwanderung thermophiler Süßwassermollusken. Erwärmte Gewässer durch Industrieabwässer schaffen Rückzugsräume für invasive Arten, die technische Infrastruktur gefährden.
Die Ausbreitung wärmeliebender Süßwassermollusken in nördliche Regionen wird nicht nur durch den Klimawandel, sondern auch durch künstlich erwärmte Gewässer vorangetrieben. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher des Biogeografie- und Genressourcen-Instituts der Akademie der Wissenschaften. Besonders problematisch ist demnach die Fluss-Dreissena, eine invasive Muschelart, die sich an technischen Anlagen festsetzt und diese beschädigt.
Nach Angaben der Forscher transformieren erwärmte Abwässer aus Industrieanlagen und Kraftwerken natürliche Lebensräume. Diese thermisch veränderten Gewässer dienen eingewanderten Arten als sogenannte Refugien – als Schutzräume, in denen sie sich etablieren und vermehren können. Im Gegensatz zu Insekten, die zwar in nördliche Gebiete fliegen, dort aber aufgrund unzureichender Temperaturen keine stabilen Populationen bilden können, finden Mollusken in erwärmten Gewässern geeignete Fortpflanzungsbedingungen.
Die meisten Zweischaler sind thermophil. Für viele Arten liegt die Fortpflanzungsschwelle zwischen 12 und 15 Grad Celsius. Einige Arten wie die Körbchenmuschel überwintern nur in dauerhaft erwärmten Gewässern. Die Dreissena hingegen vermehrt sich auch im Hauptgewässer und hat sich in der Region Archangelsk bereits seit dem späten 19. Jahrhundert etabliert. Die ersten Funde gehen auf das Jahr 1897 zurück, als die Muschel über den Sewerodwinsk-Kanal und die Wolga vom Kaspischen Meer eingewandert war.
Die Populationsdichte in den nördlichen Gewässern bleibt vergleichsweise gering. Während in südlichen Regionen bis zu mehrere zehntausend Tiere pro Quadratmeter vorkommen können, ist die Dichte in den nördlichen Verbreitungsgebieten deutlich bescheidener. Dennoch verursacht die Muschel auch in kleinen Mengen erhebliche Probleme. Sie bildet sogenannte Bewuchs-Kongregationen an Fischernetzen, Schiffen, Wasserbauwerken und sogar an U-Booten. Wenn diese Strukturen zusätzlich durch Abwärme erwärmt werden, kann der Bewuchs kritische Ausmaße annehmen.
Zur Bekämpfung der Dreissena werden verschiedene Methoden eingesetzt: mechanische Reinigung, Abschaben, spezielle Anstriche und sogar Chlorbehandlung. Letztere ist jedoch für Ökosysteme äußerst schädlich. Die Muschel toleriert zudem Salzgehalte von bis zu 14 Promille und besiedelt daher auch marine Objekte. Wissenschaftler vermuten, dass die genetische Struktur der Populationen deren Ausbreitung begünstigt. Einige Exemplare weisen Hybridformen auf, möglicherweise mit Genfragmenten der Art Dreissena rostriformis. Diese Hybridisierung könnte der Muschel einen Vorteil verschaffen und die Anpassung an härtere Bedingungen ermöglichen.
Aktuell untersuchen die Forscher die genetische Struktur von Populationen in der Nähe von Kernkraftwerken. Ziel ist es herauszufinden, welche Mutationen oder Hybridisierungen den Tieren erlauben, niedrige Wintertemperaturen zu überstehen und sich aktiv fortzupflanzen. Die thermische Verschmutzung von Gewässern führt demnach zu periodischen oder dauerhaften Temperaturerhöhungen über das natürliche Niveau hinaus. Die Sauerstofflöslichkeit nimmt ab, die chemische und mikrobiologische Zusammensetzung des Wassers verändert sich, natürliche Ökosystemfunktionen werden gestört. Thermosensible Arten sterben ab, während thermophile Arten wie die Dreissena verstärkt gedeihen.