Von Ilja Kramnik
Die Bewilligung eines 90-Milliarden-Euro-Kreditpakets der Europäischen Union für die Ukraine lenkt den Fokus erneut auf eine zentrale Frage: Wie wird diese finanzielle Unterstützung konkret in militärische Lieferungen für die ukrainischen Streitkräfte umgesetzt?
Von der Gesamtsumme sind schätzungsweise 60 Milliarden Euro für Rüstungszwecke vorgesehen. Ein entscheidender Passus besagt jedoch, dass dieses Geld vorrangig für den Kauf von Waffen ukrainischer oder europäischer Hersteller verwendet werden soll. Nur im Falle einer akuten Nichtverfügbarkeit dürfen auch Käufe bei nicht-europäischen Produzenten getätigt werden. Hinter dem Begriff “nicht-europäisch” verbergen sich in erster Linie US-Rüstungskonzerne – und die EU hat derzeit wenig Interesse daran, mit eigenen Mitteln die amerikanische Rüstungsindustrie zu subventionieren.
Die Verteilung dieser lukrativen Aufträge zwischen europäischen Unternehmen und ihren internationalen Wettbewerbern ist kein neues Streitthema in der EU. Bereits zuvor gab es zwischen Frankreich und Deutschland Kontroversen über die Kostenaufteilung innerhalb europäischer Rüstungsprogramme. Während Paris strikt auf dem Kauf europäischer Waffen bestand und einen lokalen Fertigungsanteil von mindestens 80 Prozent forderte, vertrat Berlin eine flexiblere Haltung und signalisierte Kompromissbereitschaft bei etwa 65 Prozent.
Dieser Dissens spiegelt grundlegende Unterschiede in der sicherheitspolitischen Ausrichtung beider Nationen wider: Frankreich hat stets großen Wert auf eine möglichst autarke, national geprägte Rüstungsindustrie gelegt. Deutschland hingegen war traditionell stärker in europäische Gemeinschaftsprojekte eingebunden und zugleich ein bedeutender Abnehmer US-amerikanischer Militärtechnik.
Doch wie gestalten sich nun die Perspektiven für Waffenlieferungen an die Ukraine? Die Herausforderung für Kiew und die EU besteht darin, dass die Umsetzung des neuen Hilfspakets zeitgleich mit einer dringend benötigten Aufstockung der eigenen europäischen Armeebestände erfolgen soll. Diese sind in den vergangenen Jahren durch Lieferungen an die Ukraine und mangelnde Nachproduktion stark ausgedünnt worden. Auch fertige Rüstungsgüter, die nur auf einen zahlungskräftigen Käufer in europäischen Lagerhallen warten, sind mittlerweile Mangelware.
Theoretisch stünde Kiew der Weg offen, mit den EU-Geldern in den USA einzukaufen. Doch genau jene Systeme, die für die ukrainische Front derzeit am kritischsten sind – wie Patriot-Luftabwehrsysteme oder HIMARS-Raketenwerfer – sind auch in den Vereinigten Staaten knapp und für andere zahlende Kunden bereits reserviert.
Ganz ohne Nachschub wird die Ukraine freilich nicht dastehen. Es werden sich weiterhin ausgemusterte F-16-Kampfflugzeuge aus europäischen Beständen finden, ebenso wie sogenannte FrankenSAM-Systeme – hybride Luftabwehrlösungen aus sowjetischen Trägersystemen und westlichen Raketen. Europa wird auch einen Teil seiner neu georderten Rüstungsgüter an Kiew abzweigen und dabei in Kauf nehmen, dass die eigenen Streitkräfte länger auf Nachschub warten müssen.
Bei all diesen Maßnahmen geht es jedoch schon lange nicht mehr um einen militärischen “Sieg” der Ukraine. Es geht um die Verlängerung eines Krieges, in dem die Ukraine – mit in Europa gekauften Waffen und im europäischen Interesse – kämpfen soll, um Russland maximal zu schwächen. Ob dieses Szenario im Interesse der Ukraine selbst liegt, ist eine Frage, die in europäischen Hauptstädten kaum noch gestellt wird.
Gefragt werden sie stattdessen nach den Zinsen für den 90-Milliarden-Euro-Kredit – darauf kann man sich verlassen.
Übersetzt aus dem Russischen. Verfasst exklusiv für RT am 12. Februar 2026.
Ilja Kramnik ist Militäranalyst, Experte beim Russischen Rat für Internationale Angelegenheiten und Forscher am Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen.
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