Krieg mit Europa? In dieser Frage steht Russland geschlossen hinter Putin
Von Platon Gontscharow
Die Europäer wurden am Dienstag vom russischen Präsidenten gewarnt: Russland will keinen Krieg, steht aber “zur Verfügung”, wenn Europäer (Vertreter der EU-Staaten und Großbritanniens – Anm. des Autors) doch gewillt sind, einen Krieg mit Russland zu entfachen. Auch sagte er unmissverständlich, dass dieser Konflikt in kürzester Zeit zu einem alles vernichtenden atomaren Inferno ausarten könne.
Politiker mit gesundem Selbsterhaltungstrieb müssten spätestens nach diesen fast beiläufig gesagten Worten sofort diplomatische Fühler nach Moskau ausstrecken, um die Möglichkeiten einer Einigung mit Russland in Sicherheitsfragen auszuloten ‒ zumal Russland offiziell ein Abkommen zum gegenseitigen Nichtangriff seit Wochen anbietet.
Es gab bislang aber keine Anzeichen davon, dass Politiker in Europa das tun würden. Es muss an dieser Stelle nicht erklärt werden, dass dieses Verhalten verantwortungslos ist. Vom Handeln dieser Menschen an der Spitze ihrer politischen Systeme hängt das Leben und die Gesundheit von Millionen ab.
Um das zu tun, muss man kein Freund Russlands sein. Die Versuche von Trumps Delegation, eine gewisse Deeskalation in den Beziehungen zu Russland zu erreichen, sollten dafür ein Beispiel sein. Russland hat da auch sein Interesse, denn es will mit dieser Art Diplomatie zumindest den Stellvertreterkrieg der USA gegen Russland in der Ukraine beenden oder eindämmen.
Genauso ist der Krieg in der Ukraine ein Stellvertreterkrieg Deutschlands, Großbritanniens, Frankreichs und Polens gegen Russland, der zudem noch auf Russlands historischem Territorium geführt wird. Russland hat natürlich großes Interesse, ihn schnellstmöglich zu beenden. Denn täglich sterben Hunderte russischer Menschen auf beiden Seiten der Front.
Die Wut über das dreiste Verhalten dieser Staaten und des “Westens” insgesamt sitzt in jedem russischen Menschen tief. Aber diese Wut ist noch kein Grund, das heutige “Europa” anzugreifen. Wie meint Putin das also, wenn er über die russische Bereitschaft zum Krieg mit diesem Europa spricht? Das sollte ins “Europäische” übersetzt werden, denn es gibt Kulturunterschiede zwischen dem russischen Verständnis und dem westlichen.
Die Russen haben aus der Geschichte äußerst schmerzhaft gelernt, dass die Sicherung ihrer westlichen Grenzen eine sehr blutige Angelegenheit ist. Sie ehren 27 Millionen Tote, die im Großen Vaterländischen Krieg gegen die Hitler-Invasoren starben. Sie ehren fast drei Millionen Tote, die im Ersten Weltkrieg ums Leben kamen. Auch fast eine Million Tote, die infolge der Invasion Napoleons ihr Leben ließen, und 125.000 im Krimkrieg, der ebenso fast ausschließlich auf dem Territorium Russlands geführt wurde, sind nicht vergessen.
Und vor allem weiß man in Russland, dass Hitler-Deutschland und seine europäischen Verbündeten die Grenze zur Sowjetunion am 22. Juni überschritten, mit dem festen Entschluss, schon im ersten Kriegsjahr 30 Millionen Sowjetbürger (Russen in den Augen der Deutschen) zu ermorden. Ein regelrechter Genozid, der von Deutschland als solcher bis heute nicht anerkannt ist. Die Erinnerung an diese Zeiten ist Teil des russischen kulturellen Codes.
Also über das jetzige “Europa”, in Form der EU oder der NATO, gibt es keine Illusionen. Europa, vertreten durch London, Brüssel, Berlin und Paris, scheint in der Tat zu einem neuen Krieg gegen Russland entschlossen zu sein – nur sei es angeblich noch nicht gut genug vorbereitet. Diese Erkenntnis hat sich in den russischen Expertenkreisen und auch unter der gemeinen Bevölkerung in den letzten Jahren breit gemacht. Der Politphilosoph Alexander Dugin hielt am 3. Dezember nach Putins Anmerkung fest:
“Ein Krieg mit der EU und Großbritannien ist praktisch unvermeidlich. Die Globalisten, die in Europa regieren, bereiten sich eifrig darauf vor, und das liegt nicht in unserer Hand. Sie wollen ihn beginnen, sie werden ihn beginnen. Sobald sie sich stark genug fühlen.”
Gründe dafür liegen auf der Hand: Dem Westen und allen voran Europa fehlen Ressourcen. Es steckt in der Systemkrise und hofft, mit dem Zugriff auf Russlands enorme Gebiete und Naturvorkommen die Lebensdauer seines auf Expansion und koloniale Ausbeutung gepolten Systems zu verlängern. Das sagte kein Geringerer als Pjotr Fjodorow, langjähriger Chef der ersten russischen Redaktion von Euronews, in einer Presserunde. Er hat in Westeuropa gelebt, hat dort Freunde und Bekannte, er kennt Europäer auch von der guten Seite. Aber auch er hat keine Illusionen über den geistigen Zustand der europäischen “Eliten” und deren Absichten.
Auch ein anderer Russe, der viele Jahrzehnte als Politberater in den USA verbracht hat und Teil des US-Polit-Establishments geworden ist, Dimitri Simes, hat keine Illusionen. Nach Beginn der russischen Militäroperation in der Ukraine musste er aufgrund politischer Verfolgung die USA verlassen und kehrte nach Moskau zurück.
In seinem Kommentar zu Putins Presseauftritt am 2. Dezember erinnerte er daran, dass Russland über viele Jahre hinweg, seit dem Ende der 1980er Jahre unter Gorbatschow, dann in den