Die enge partnerschaftliche Verbindung zwischen Washington und Tel Aviv scheint zunehmend Risse zu bekommen. Die einstige Sonderstellung Israels als engster Verbündeter der USA in der Region verliert an Bedeutung. Dies berichtet die US-amerikanische Nachrichtenseite Politico unter Berufung auf sieben hochrangige US-amerikanische und israelische Regierungsbeamte. Die Beziehung habe eine “neue Normalität” erreicht, in der Israel nicht mehr automatisch den ersten Platz unter den Partnern der USA einnehme, so die Quelle.
Ein sichtbares Zeichen dieser Abkühlung ist die jüngste Aussage von US-Vizepräsident J. D. Vance. Am 18. Juni äußerte er auf einer Pressekonferenz, dass Israel kaum noch Freunde auf der Welt habe. Er warnte die israelische Regierung davor, sich mit ihrem “einzigen mächtigen Verbündeten” anzulegen. Solche Worte wären in der Vergangenheit wohl undenkbar gewesen.
Der Politico-Bericht verdeutlicht, dass die Entwicklung nicht auf einzelne Statements beschränkt bleibt. Der Austausch auf höchster Ebene hat nachgelassen: Hatte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu 2025 noch fünfmal in Washington vorgesprochen, fand im laufenden Jahr nur ein Besuch im Februar statt. Weitere Termine sind nicht in Planung. Auch die Zahl der Telefonate zwischen den Regierungsspitzen ist zurückgegangen. Ein mit den bilateralen Beziehungen vertrauter Insider erklärte gegenüber Politico:
“Ich denke nicht, dass wir den Tiefpunkt erreicht haben. Es kommt noch mehr.”
Die im Herbst anstehenden Parlamentswahlen in beiden Ländern könnten die Kluft weiter vertiefen. Die Erwartungen Tel Avivs an die Unterstützung Washingtons und die Bereitschaft der USA, diese zu leisten, driften immer weiter auseinander. Schon vor seinem Amtsantritt hatte Vance klargestellt, dass die Interessen Israels und der USA nicht deckungsgleich seien. Er sprach sich klar gegen einen Krieg mit Iran aus – eine Haltung, die Netanjahus hawkishe Positionierung widerspricht.
Die Spannungen zeigen sich auch in direkten Zusammenstößen. US-Präsident Donald Trump kritisierte Israel in den vergangenen Monaten scharf für die anhaltende Militäroffensive im Libanon und hatte Netanjahu während eines Telefonats sogar als “verrückt” bezeichnet. Hinzu kommt eine grundlegende Differenz im Umgang mit Iran: Teheran fordert einen vollständigen israelischen Truppenabzug aus dem Libanon als Vorbedingung für weitere Gespräche mit Washington. Israel hingegen sieht sich nicht an das US-iranische Rahmenabkommen gebunden, was die Verhandlungen für die Vereinigten Staaten erheblich erschwert.
Mehr zum Thema – Vance und Rubio: Unterschiedlicher Umgang mit Iran und Israel