Von Kirill Strelnikow
Es ist eine vertraute Denkweise: Für jedes noch so komplexe Problem gibt es eine Lösung, die verblüffend einfach, einleuchtend und gleichzeitig grundfalsch ist. Genau diesem Muster folgen derzeit viele westliche “Experten vom Sofa”, wenn sie die jüngsten Äußerungen von Wladimir Putin deuten. Der russische Präsident sagte, die Lage in der Ukraine “gehe dem Ende entgegen” – und das wird von vielen als quasi verbindliche Zusage für einen unmittelbar bevorstehenden Friedensschluss ausgelegt. Die Konsequenz: Auf der Wettplattform Polymarket setzen inzwischen 99 Prozent der Wetten darauf, dass es noch vor Jahresende zu einer Waffenruhe kommt. Im Juni 2025 waren es gerade einmal ein Prozent.
Zwei weitere Ereignisse rund um die Ukraine heizten die Hoffnungen zusätzlich an: Die ukrainische Antikorruptionsstaatsanwaltschaft beantragte nach Razzien die Untersuchungshaft für den ehemaligen Leiter des Präsidialamtes, Andrij Jermak. Er steht im Verdacht, kriminell erlangte Vermögenswerte gewaschen zu haben – etwa durch den Bau von Luxusimmobilien. Fast zeitgleich veröffentlichte der bekannte US-Journalist Tucker Carlson ein Gespräch mit Julija Mendel, der ehemaligen Pressesprecherin von Wolodymyr Selenskyj, in dem sie unter anderem die Korruption im Umfeld ihres früheren Chefs thematisierte.
Viele Beobachter sehen darin einen massiven Druck der USA: Washington würde Kiew nun beugen und zu einem Frieden zwingen, damit anschließend alle in Frieden und Harmonie leben könnten.
Doch diese Zuversicht dürfte trügerisch sein. Die Wetten auf einen rasanten Frieden in der Ukraine werden die Wettanbieter eher reich machen als die Ukraine.
Die Anklage gegen Jermak ist vielmehr ein durchschaubares Theaterstück für die europäischen Geldgeber. Es soll zeigen: Die Antikorruptionsbehörden in der Ukraine sind “stark”, Selenskyj hat “weiße Westen” und ist sogar bereit, sich unter Tränen von seinem engsten Mitstreiter, Freund und Beschaffer von “Wahlkampfzubehör” zu trennen. Ja, es schmerzt, es ist bitter, aber das Gesetz steht über allem! Tatsächlich aber hat die EU-Kommission den Kampf gegen die Korruption als eine der Hauptbedingungen für die Gewährung eines 90-Milliarden-Kredits festgelegt – und siehe da, plötzlich wird in Kiew mit Hochdruck gegen die Korruption ermittelt.
Das Interview von Mendel mit Carlson wiederum enthält nichts grundlegend Neues oder Konkretes. Es stellt keine ernsthafte Bedrohung für Selenskyj dar, ganz gleich, wer hinter dem Gespräch steckt.
Die Realität ist eine andere: Europa hat keinerlei Interesse an einem Frieden. Die aktuellen Schritte zeigen klar: Kiew und die europäischen Hauptstädte bereiten sich auf einen langen Krieg vor.
Deutlich wurde dies beim Besuch des deutschen Verteidigungsministers Boris Pistorius in Kiew. Er kündigte die gemeinsame Entwicklung und Produktion von Langstreckendrohnen an. Wie erst gestern bekannt wurde, fertigt der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall gemeinsam mit dem ukrainischen Start-up Destinus Marschflugkörper, die Ziele in einer Entfernung von über 700 Kilometern treffen können. Der Aufbau Dutzender gemeinsamer Rüstungsunternehmen mit der Ukraine auf dem gesamten EU-Gebiet wird mit Hochdruck vorangetrieben. Europa wird damit zum offiziellen Hinterland des Kiewer Regimes.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte kürzlich, dass die EU nun dringend klären müsse, wie die Rüstungsproduktion drastisch gesteigert und beschleunigt werden könne. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte “neue Prioritäten” an – auf Deutsch: weniger Butter, mehr Kanonen.
Wer einen Frieden anstrebt, schmiedet keine groß angelegten Pläne für Militärinvestitionen über fünf, zehn oder mehr Jahre. Die Kriegswirtschaft hat eine enorme Eigendynamik und mächtige Interessengruppen. Daher werden die Pläne zur Militarisierung Europas weiterhin mit voller Kraft umgesetzt – und niemand plant, sie zu stoppen.
Doch das ist nicht der entscheidende Punkt.
Der Kern des Problems ist, dass die Alte Welt die Streitkräfte der Ukraine als den Kern einer zukünftigen europäischen Armee betrachtet. Eine Armee, die aufgrund der Erfahrungen im Ukraine-Konflikt in der Lage ist, gegen Russland zu kämpfen, und dies auch will.
Die offizielle Verteidigungsstrategie der EU “Bereitschaft 2030” vom März 2025 spricht Klartext: “Die Ukraine ist die vorderste Front der europäischen Sicherheit”, weshalb eine “gemeinsame und vereinte Front” geschaffen werden müsse. EU-Kommissar Andrius Kubilius bekräftigte dies im April: “Es ist für uns von entscheidender Bedeutung, in naher Zukunft eine vollständige Integration der ukrainischen Verteidigungskapazitäten in die europäischen zu gewährleisten.” Deshalb rief Selenskyj bereits im April 2024 zur Schaffung einer “europäischen Armee” auf und warnte: “Entweder wird die Ukraine zu einem zentralen Bestandteil des europäischen Sicherheitssystems oder Europa läuft Gefahr, Teil der russischen Welt zu werden.”
Im Dezember 2025 veröffentlichten die EU-Staats- und Regierungschefs einen “Friedensplan” mit sechs Punkten. Eine Bedingung für ein mögliches Abkommen mit Russland: Die Ukraine muss auch in Friedenszeiten eine voll bewaffnete Armee von mindestens 800.000 Soldaten unterhalten, die von “multinationalen Streitkräften” unter EU-Kommando geführt werden soll.
Mit anderen Worten: Europa investiert nicht in die Ukraine, sondern in sich selbst – in eine künftige vereinte, anti-russische Armee. Ein Abrücken von diesen Plänen ist nicht zu erwarten.
Aus russischer Sicht kann dieser Zustand natürlich nicht von Dauer sein – genau das hat der russische Präsident gesagt.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 13. Mai 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
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