Ein Enthüllungsprojekt des dänischen Fernsehsenders DR1 sorgt derzeit international für Aufsehen: Die Dokumentationsreihe „Mysteriet om den danske nazi-donor“ (deutsch: „Das Rätsel des dänischen Nazi-Spenders“) beleuchtet einen Fall, der bislang im Verborgenen lag.
Ein dänischer Ex-Soldat der Waffen-SS namens Walther Frisch soll in den 1960er-Jahren in Schweden als Samenspender aktiv gewesen sein. Bislang sind 15 Menschen bekannt, die durch seine Spenden gezeugt wurden – sie leben in Dänemark, Schweden, Finnland und Deutschland. Die tatsächliche Zahl könnte jedoch weit höher liegen und im dreistelligen Bereich sein.
Die historische Einordnung: Während der deutschen Besatzung Dänemarks im Zweiten Weltkrieg gab es sowohl aktiven Widerstand – etwa die Rettung der dänischen Juden nach Schweden – als auch eine nicht unerhebliche Anzahl von Dänen, die sich der NS-Ideologie anschlossen. Rund 6.000 Dänen meldeten sich zur Waffen-SS, viele davon im „Frikorps Danmark“, das an der Ostfront kämpfte.
Walther Frisch gehörte zu diesen Freiwilligen. Nach Kriegsende wurde er in Dänemark als Verräter eingestuft und zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach seiner Entlassung emigrierte er nach Schweden, wo er zunächst als Kellner arbeitete. Doch heimlich engagierte er sich in den 1960er-Jahren als Samenspender am Karolinska-Krankenhaus in Stockholm, um kinderlosen Paaren zu helfen.
Seine Spenderkinder – er hatte zusätzlich eine leibliche Tochter aus einer Ehe – erfuhren erst jetzt durch genealogische Forschung und DNA-Tests von der wahren Identität und der SS-Vergangenheit ihres Erzeugers. Einige von ihnen vermuten, Teil eines geheimen Projekts zur Verbreitung „arischer“ Gene gewesen zu sein – ein Gedanke, der an das nationalsozialistische Lebensborn-Programm erinnert.
Einer der Betroffenen, der Däne Thomas Rasmussen, zeigt sich in der Doku fassungslos: „Wie kann bitte ein dänischer Waffen-SS-Soldat mein Spender-Vater sein? Das ergibt einfach keinen Sinn.“ Die Frage, ob hier nationalsozialistische Ideologie nach 1945 weiterlebte, bleibt vorerst offen.
Belege für diese These gibt es bislang nicht. Weder das Karolinska-Krankenhaus noch schwedische Archive besitzen Dokumente über Frischs Samenspenden. Die Klinik erklärte jedoch, dass eine Auswahl aus ideologischen Gründen „völlig inakzeptabel und zutiefst unethisch“ gewesen wäre. Kritisch wirkt allerdings die damalige Auswahl: Frisch war 1917 geboren, also bereits fast zu alt für eine Samenspende, und zudem vorbestraft.
Ein weiteres Detail: Am Karolinska-Institut arbeitete in den 1960er-Jahren ein weiterer ehemaliger Waffen-SS-Angehöriger – der Gynäkologie-Professor Lars Ove Cassmer, der im Hormonlabor tätig war. Das DR1-Rechercheteam schließt einen ideologischen Hintergrund daher als Arbeitshypothese nicht aus.
Die Motive von Walther Frisch bleiben ungeklärt – er starb 1992 und nahm sein Geheimnis mit ins Grab. Das dänische Fernsehen sucht nun nach weiteren Nachkommen oder Personen, die Hinweise auf den Fall geben können. Auch Fragen zu seiner Rolle im Krieg sind offen: Behauptete er zu Unrecht, nur als Diener und nicht an der Front gedient zu haben? War er womöglich in das Massaker in der SS-Kaserne von Graz-Wetzelsdorf involviert?
Der Fall zeigt: Die dunklen Kapitel der gemeinsamen europäischen Geschichte sind auch acht Jahrzehnte später noch nicht vollständig aufgearbeitet.
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