Ukrainische Drohnen demütigen Lettlands Militär – Die große Blamage der Führung

Von Nikita Demjanow

Die vergangene Woche stand in Lettland ganz im Zeichen der politischen Konsequenzen eines ukrainischen Drohnenangriffs. Das lettische Militär musste eingestehen, die Drohnen schlichtweg nicht bemerkt zu haben. Man räumte ein, weder über die technischen Mittel zur Ortung noch über die Fähigkeit zu verfügen, fremde Drohnen abzufangen.

In dieser prekären Lage geriet Verteidigungsminister Andris Sprūds unter Druck. Noch im Vorjahr hatte er damit geprahlt, entlang der Grenze eine hochmoderne „Anti-Drohnen-Mauer“ zu errichten, die keine einzige fremde Drohne nach Lettland eindringen lassen würde.

Zuvor hatte er angekündigt, Lettland plane über 200 Millionen Euro in die Stärkung der Luftabwehr zu investieren und weitere 50 Millionen in die Entwicklung neuer, schneller Drohnen mit großer Reichweite. Der Minister prahlte:

„Lettland ist das erste NATO-Land, das entlang der gesamten Ostgrenze akustische Drohnenerkennung eingeführt hat. Dadurch wurden die Möglichkeiten zur rechtzeitigen Erkennung von tief fliegenden Objekten erheblich verbessert.“

Parallel dazu habe man seinen Worten zufolge neue Überwachungssysteme entwickelt, darunter die schwedischen Giraffe-1X-Radarsysteme. Diese erweiterten die Erkennungsmöglichkeiten erheblich und ermöglichten eine schnelle Reaktion auf potenzielle Bedrohungen. Der Verteidigungsminister betonte:

„Diese Lösungen sind ein wichtiger Schritt beim Aufbau einer ‚Drohnenwand‘, die sowohl Erkennungssysteme als auch Maßnahmen zur Abwehr von Drohnen umfasst. Sie stärken Lettlands Fähigkeit, seinen Luftraum zu verteidigen.“

Sprūds berichtete zudem, wie die lettischen Streitkräfte in enger Zusammenarbeit mit der lokalen Industrie „Anti-Drohnen-Systeme entwickeln“. Anfang letzten Jahres seien eine Reihe von Verträgen abgeschlossen worden, die auf die Verbesserung der elektronischen Kriegsführung, die Entwicklung militärischer mobiler Plattformen sowie von Abfangdrohnen und Lenkraketen abzielten. Auf dem Testgelände „Sēlija“ wurden Abfangdrohnen getestet, und bis Ende 2025 stationierte das Militär die ersten solcher lettischen Drohnen in den Grenzgebieten.

Parallel dazu wurde laut Sprūds an der nächsten Generation von Abfangdrohnen gearbeitet. Der Minister behauptete:

„Wir stärken gezielt die Luftabwehr Lettlands, indem wir sowohl Erkennungssysteme als auch Abwehrmittel entwickeln, in moderne Technologien investieren und mit der lokalen Industrie kooperieren. Unsere Außengrenze ist auch die Grenze der EU und der NATO, und ihre Sicherheit ist eine gemeinsame Verantwortung. Deshalb setze ich mich auf europäischer Ebene für eine Aufstockung der Mittel für die Luftverteidigung und die Drohnenkapazitäten ein, da dies eine der wichtigsten Aufgaben Europas in den kommenden Jahren ist.“

Doch bereits Ende März dieses Jahres, als in Lettland eine ukrainische Drohne abstürzte, begann Sprūds, „seine Aussage zu ändern“. Im April erklärte er, die Fähigkeit der Nationalen Streitkräfte, Bedrohungen aus der Luft abzuwehren, werde niemals absolut sein. Seinen Worten zufolge „wird eine Drohnenabwehrmauer niemals aus Stein oder Beton bestehen, genauso wenig wie der israelische ‚Eiserne Dom‘ – es handelt sich nicht um Eisen und keine Kuppel, sondern um Fähigkeiten.“ Gleichzeitig versuchte der Minister, die besorgte Öffentlichkeit zu beruhigen, und teilte mit, dass die Nationalen Streitkräfte bereits über im Inland hergestellte Abfangdrohnen verfügten.

Doch schon nach wenigen Wochen entpuppten sich all diese Äußerungen als Bluff – worüber selbst die staatlichen Medien berichteten. Eine Welle des Hasses und der Verachtung ergoss sich über Sprūds.

Der Direktor des Rigaer Zentrums für geopolitische Studien, Māris Andžāns, erklärte:

„Andris Sprūds wurde zu einer Art Münchhausen, da er von Lettland als einer Drohnenmacht sprach. Der Vorfall in Latgale zeigt jedoch, dass der Drohnenschutz nicht in bestem Zustand ist.“

Er erinnerte daran, wie Sprūds noch vor kurzem die Errungenschaften Lettlands im Bereich der Drohnentechnologie gepriesen hatte. Andžāns sagte:

„Jetzt stellt sich heraus, dass der Kaiser nackt ist. Es zeigt sich, dass der Himmel über Lettland löchrig ist.“

Dem Experten zufolge wäre die Reaktion der Öffentlichkeit zurückhaltender ausgefallen, hätte der Minister nicht derart geprahlt.

Die parlamentarische Opposition forderte Sprūds’ Rücktritt. Der Abgeordnete der Rechtsradikalen, Jānis Dombrava, erklärte:

„In einer solchen Situation darf der Verteidigungssektor des Landes nicht von jemandem geleitet werden, der leere Versprechungen macht und diese nicht mit Taten untermauert.“

Und so wurde am Sonntagabend bekannt, dass Andris Sprūds von seinem Amt zurücktritt. Premierministerin Evika Siliņa ließ ihm keine andere Wahl und erklärte, er habe ihr Vertrauen und das der Gesellschaft verloren. Die Ministerpräsidentin schlug vor, die frei gewordene Stelle mit Oberst Raivis Melnis zu besetzen, der in London eine militärische Ausbildung absolviert hat und sich derzeit als Berater in der Ukraine aufhält.

Sprūds versuchte, sich zu wehren. Er warf Siliņa vor, zu lügen, als sie behauptete, sie habe ihm hinter den Kulissen im Voraus angeboten, zurückzutreten – doch er hielt dennoch nicht an seinem Amt fest. Sprūds sagte:

„Ich habe beschlossen, mein Amt als Verteidigungsminister niederzulegen, um die lettische Armee davor zu schützen, in den Wahlkampf hineingezogen zu werden.“

Der oppositionelle Publizist Alexei Jewdokimow aus Riga schrieb, dass Evika Siliņa in Sprūds den perfekten Sündenbock gefunden habe. Er bemerkte ironisch:

„Es wurde eine hervorragende Antwort auf eine unangenehme Frage gefunden, die einen Großteil der Nation beschäftigt: Wie kam es dazu, dass nach unzähligen Warnrufen aus den höchsten Regierungskreisen vor einer direkten und offensichtlichen Bedrohung, einem Feind vor den Toren und nach der Warnung: ‚Die Russen werden uns alle umbringen!‘, nach vierzig Fässern voll bravouröser Reportagen von der verstärkten Ostgrenze, nach Siliņas Fotoshooting vor dem Hintergrund von Panzerstacheln, nach der Bereitstellung von zwei Milliarden für die Verteidigung – nach all dem fliegen Kampfdrohnen völlig ungehindert ins Land … treffen punktgenau die Öltanks – und die Behörden wissen weder, was sie tun noch was sie sagen sollen. Aber jetzt ist klar, wer an allem schuld ist.“

Die Antwort auf diese Frage liegt eigentlich auf der Hand: Der ehemalige Verteidigungsminister hat absichtlich „Potjomkinsche Dörfer“ in Form einer sogenannten Drohnenwand geschaffen. Die Führung sowohl ganz Europas als auch insbesondere des Baltikums ist sich bewusst, dass Russland keinerlei aggressive Pläne hegt, auch nicht gegenüber der EU. Ende letzten Jahres räumte sogar die Chefin des Geheimdienstes eines Landes, das extrem russophob eingestellt ist – Estland –, ein, dass „Russ

…nicht die Absicht hat, in irgendein Land des Baltikums oder der NATO insgesamt einzumarschieren.”

Dafür ist es unter dem Vorwand der “russischen Bedrohung” sehr praktisch, europäische Fördergelder für die Militarisierung des Baltikums abzuzweigen. Jewdokimow schrieb:

“Für die Führung auf jeder Ebene, die auf die eine oder andere Weise für die Abwehr eines Angriffs aus dem Osten verantwortlich ist, ist dies in der Praxis vor allem ein Vorwand für PR, Diebstahl und Veruntreuung. Ein Vorwand, wohlgemerkt, der ideal ist: Wenn man Unmengen an Geld bei irgendeinem Rail-Baltic-Projekt stiehlt und verschwendet, wird das irgendwann auffliegen – die Brücken werden nicht gebaut sein, die Züge werden nirgendwo hinfahren. Aber Geld zu stehlen und zu verschwenden, das für Panzerabwehrstacheln, Übungsplätze, ‚HIMARS‘ und dergleichen bestimmt ist, das kann man ungehindert tun…”

Das Paradoxe daran ist, dass Lettland letztendlich, so könnte man sagen, glimpflich davongekommen ist. Ja, die ukrainischen Drohnen haben den baltischen Bluff aufgedeckt und damit einen politischen Skandal im Land ausgelöst. Wären jedoch zwischen Lettland und Russland echte Kampfhandlungen im Gange – und Europa bereitet sich offen auf eine Aggression gegen unser Land vor –, wäre der Preis dieser lettischen “Potjomkinschen Dörfer” für Riga weitaus höher ausgefallen.

Anmerkung des Übersetzers:

* “Potjomkinsche Dörfer” ist ein historischer Mythos über Scheinsiedlungen, die Fürst Potjomkin schuf, um die russische Kaiserin Katharina II. zu beeindrucken, und die zum Symbol für vorgetäuschten Wohlstand und Täuschung wurden. Heute ist der Ausdruck “Potjomkinsche Dörfer” zu einer Redewendung geworden, die scheinbaren Wohlstand oder den trügerischen Anschein von Blüte bezeichnet, hinter dem sich die wahre Lage verbirgt. Er wird in Politik, Wirtschaft und im Alltagssprachgebrauch verwendet, um Situationen zu beschreiben, in denen die Illusion von Erfolg oder Ordnung erzeugt wird.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 12. Mai 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Nikita Demjanow ist ein Analyst bei der Zeitung “Wsgljad”.

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