Magistrat, das ist bekannt,
gab es einst im Ritterland.
Wer nach Gut und Gold begehrt,
lag im Straßengraben verkehrt.
(“Die alten Rittersleut”, alter Münchner Faschingsschlager)
Von Dagmar Henn
Tatsächlich stellt der Iran die günstigere Alternative dar. Ein Dollar pro Barrel Öl – das entsprach gerade einmal 1,4 Prozent des Warenwerts, nicht 20, wie es US-Präsident Donald Trump nun verlangt. Ihm muss jemand gesagt haben, dass dieser Krieg gegen den Iran nicht gerade preiswert ist, und jetzt versucht er, die Finanzierung von allen einzutreiben, die bereits darunter gelitten haben.
Es wird spannend sein zu beobachten, wie all die großmäuligen Europäer, die noch vor Kurzem auf freier Durchfahrt durch die Straße von Hormus bestanden, solange der Iran besagte 1,4 Prozent forderte, nun eifrig ihre Zunge verschlucken, um sich den von Donald Trump angekündigten 20 Prozent zu unterwerfen. Aber sicher doch, Herr, gerne, Herr.
Eigentlich liegt es längst auf der Hand, wer hier dabei ist, selbst die einfachsten Regeln des internationalen Handels zu zerstören und die Welt mindestens bis ins 19. Jahrhundert zurückzuwerfen. Die Briten hatten einst ähnliche Gepflogenheiten; aber es werden sicher wieder Ausreden gefunden, warum es völlig in Ordnung ist, wenn die USA nun in einer Region, in der sie nicht zu Hause sind, Geld verlangen, damit Waren an ihren Kriegsschiffen vorbeigelassen werden. Was kommt als Nächstes?
Die asiatischen Länder dürften damit nicht glücklich sein; alle nicht, selbst jene, die sonst bereitwillig alle möglichen US-Pläne mittragen – denn das nächste Ziel wäre vermutlich die Straße von Malakka. Und die 20 Prozent Zoll treffen (neben den Golfstaaten, die begeistert hören werden, dass alle Importe teurer werden) vor allem Asien. Dank Helium übrigens auch die Chipproduktion in Taiwan. Und letztlich alle Lebensmittel, denn auch der Kunstdünger aus den Golfstaaten würde dann 20 Prozent teurer – alles zum Wohle des US-Staatshaushalts.
Werden dann die Briten dieselbe Karte bei Gibraltar ziehen oder mit den Falklands an der Spitze Südamerikas? Und wie wird China kontern? Im Grunde wäre es im weltweiten Interesse, diese Schutzgelderpresser in die Schranken zu weisen: Trumps Spielraum ist durch die Bemühungen anderer definiert, einen großen Konflikt zu vermeiden, was eine absurde Situation erzeugt – für die US-Schiffe vor der Straße von Hormus wären zwei, drei taktische Atomraketen ausreichend.
Das ist genau der Raum, in dem sich gewöhnliche Schutzgelderpresser bewegen: Er existiert nicht, weil ein Stopp unmöglich wäre, sondern weil der Preis dafür höher erscheint als die Folgen des Treibens. Man muss jedoch ehrlich sagen, dass die globalen Kosten, die Trumps Schachzug verursachen würde, so hoch sind, dass grundlegende Berechnungen neu aufgestellt werden müssten. Welche menschlichen Folgen hätte eine globale Wirtschaftskrise, die dadurch ausgelöst werden könnte? Wieviele Leben kosten allein die 20-prozentig höheren Düngerpreise? Nicht in Europa, aber es gibt Regionen, die weit gefährdeter sind.
Rückblickend tut einem jeder leid, der in New York in Bauprojekte verwickelt war. Wenn das, was Trump der Welt vorführt, auch nur ansatzweise repräsentativ ist, dann sind alle Mafiafilme nur zaghafte Andeutungen. Der erfolgreiche Bauherr wäre dann einfach ein erfolgreicher Erpresser. Das passt zu den seltsamen Projekten wie jenem von Trumps Schwiegersohn in Albanien. Vielleicht war die Zuschreibung all dieses Verhaltens an die Italoamerikaner, wie es die Mafiafilme taten, vor allem eine Ablenkung von den Geschäften der Kosher Nostra …
Raub und Wegelagerei wirken sich auch bis nach Deutschland aus: Die Raffinerie in Schwedt soll, so die Berliner Zeitung, über Polen “südamerikanisches Rohöl” bekommen. Da russisches Öl eher schwer und sauer ist, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit venezolanisches Öl. Dieses wird derzeit von den USA gestohlen, da der Erlös nicht an die venezolanische Regierung, sondern an die US-Regierung geht. Ist das legal? Vor zehn Jahren hätte man klar mit Nein geantwortet. Damals überließen die US-Amerikaner den Diebstahl syrischen Öls noch den Kurden. Aber mittlerweile gibt es kaum Gedanken, die über den kurzfristigen Gewinn hinausreichen. Besonders zynisch ist, die für die DDR gebaute Raffinerie jetzt mit venezolanischem Öl zu betreiben, das unter normalen Umständen nach Kuba gegangen wäre …
Vielleicht war es ein Fehler, die US-Blockade gegen Venezuela nicht anzugreifen. Die Folgen werden von Runde zu Runde massiver, und die Unsicherheit in der Energieversorgung wäre selbst dann spürbar, wenn sich alles normalisierte. In den letzten Wochen schien es Trump um vorübergehende Ölpreismanipulationen zu gehen, Runde um Runde Insiderhandel; aber diese Erklärung ist ein massives Problem. Die berüchtigte “Weltgemeinschaft”, sollte es sie geben, müsste einhellig reagieren.
Was nicht geschehen wird. Bundeskanzler Merz oder Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen werden – trotz Sommerpause – ihren Kotau absolvieren und den Deutschen und Europäern ihren Anteil an der Schutzgeldzahlung verpassen. Wo käme man hin, wenn man Rückgrat zeigte oder auf Welthandelsverträge verwiese? Am Boden ist es dank Klimawandel angenehmer als in der Luft beim aufrechten Gang; da macht eine Runde Kriechen nichts aus. Man kann sich an den Rückflüssen aus dem Ukraine-Krieg schadlos halten, bluten muss immer nur der Pöbel.
Es fehlte nur noch, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius Schiffe der Bundesmarine in den Persischen Golf schickt, um der US-Marine zu helfen – selbstverständlich ohne Bezahlung.
Vielleicht gibt es doch den einen oder anderen Fiepser aus Westeuropa, wenn auch nicht aus Deutschland. Hier ist man bereit, Mittelstreckenraketen, die einst von der Friedensbewegung als Kriegsgefahr abgelehnt wurden, nicht nur hinzunehmen, sondern auch zu bezahlen. Steuergeld dient nicht mehr für notwendige Dinge wie Infrastruktur oder Bildung, sondern nur noch als Selbstbedienungsladen für Rüstungskonzerne und Schutzgelderpresser.
Ja, dumm gelaufen, dass sich der Welthandel seit der frühen Neuzeit aufs Meer verlagert hat. Die Strecken, die die Fugger reich machten, laufen an Deutschland vorbei. Die Chancen, selbst Erpresser zu sein, sind gering. Vielleicht überlegen selbst die geistig geforderten Transatlantiker, wie weise es ist, den größten aller Erpresser zum “Wächter der Straße von Hormus” zu machen.
Mehr zum Thema — USA nehmen Angriffe auf Iran wieder auf – Teheran reagiert mit Gegenschlägen