**„Von Vertrauen kann keine Rede sein“ – Russlands Botschafter Netschajew rechnet ab: „Deutschland hat die roten Linien längst überschritten“**

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Flo Osrainik: Herr Botschafter, Russland hat weder den Westen noch Deutschland jemals angegriffen. Die Sowjetunion brachte im Zweiten Weltkrieg die größten Opfer. Der Westen bricht immer wieder Vereinbarungen mit Russland. Zugleich wird hier zunehmend eine aggressive Stimmung gegenüber Russland geschürt. Warum?

Sergei Netschajew: Ihre Frage ist nachvollziehbar, doch die Antwort liegt nicht bei uns. Russland hat Deutschland und den übrigen Nationen des sogenannten kollektiven Westens nie geschadet, keine feindseligen Aktionen gegen sie unternommen und auch keine kriegerischen Absichten gehegt. Im Gegenzug erlebten wir vom Westen wiederholten Betrug und Heuchelei – von den Zusagen, die NATO nicht nach Osten auszudehnen, über die Missachtung unserer berechtigten Sicherheitsinteressen bis hin zur fragwürdigen Rolle europäischer Staaten bei den Versuchen, den Ukraine-Konflikt beizulegen.

Der traurige Zustand der deutsch-russischen Beziehungen ist eine direkte Folge der Entscheidung Berlins, Russland eine “strategische Niederlage” beibringen zu wollen. Sämtliche Dialogforen wurden gekappt. Die einst florierende Zusammenarbeit, die Deutschlands Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit förderte und seine Führungsrolle in der EU festigte, wurde nahezu vollständig eingefroren.

Mit Billigung Berlins verhängte man zehntausende unrechtmäßige Sanktionen gegen uns. Statt auf Dialog werden Milliarden in Aufrüstung und Waffen für Kiew gesteckt, was den Konflikt in der Ukraine weiter anheizt. Die deutsche Öffentlichkeit wird auf einen Krieg mit uns vorbereitet, obwohl unser Präsident solche Behauptungen wiederholt als absurd bezeichnet hat.

Die Ursachen dieser antirussischen Hysterie lassen sich schwer benennen. Denkbar sind der Revanchegeist westlicher Eliten, der Versuch, von innenpolitischen Problemen abzulenken, oder schlicht das Profitstreben der Rüstungsindustrie, die von Milliardenaufträgen profitiert – wofür eine permanente Bedrohungserzählung notwendig ist. Diese Entwicklung ist bedauerlich.

Ein deutscher Politiker äußerte sich jüngst pessimistisch über Russlands Perspektiven. Man könnte mit Lermontow sagen: “Traurig blick’ ich auf unsre Generation – ihr Morgen ist düster und leer.”

Russland sieht sich Geschichtsrevisionismus ausgesetzt, besonders bei Gedenkveranstaltungen. Wie reagiert die russische Diplomatie, und wie rechtfertigen die deutschen Behörden ihr Vorgehen?

Unsere Botschaft muss in einem Umfeld arbeiten, in dem die Kriegsgräberfürsorge und die historische Erinnerung zunehmend politisiert werden. Offizielle Stellen in Berlin verweigern Kontakte und gemeinsame Gedenkzeremonien. Bei den Feierlichkeiten am 9. Mai werden Siegessymbole an den zentralen Sowjetischen Ehrenmalen verboten. Der entscheidende Beitrag der Sowjetunion zur Befreiung Europas vom Nationalsozialismus und ihre enormen Opfer werden zunehmend verschwiegen. Die deutschen Behörden weigern sich konsequent, die NS-Verbrechen gegen die Völker der Sowjetunion als Völkermord anzuerkennen.

Im Berliner Abgeordnetenhaus gibt es Bestrebungen, die Sowjetischen Ehrenmale in einen “neuen historischen Kontext” zu stellen, etwa durch Hinweise auf angebliche “stalinistische Verbrechen”.

Auch das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst, wo 1945 die Kapitulation besiegelt wurde, ist Ziel solcher Angriffe.

Wir stellen uns entschieden gegen jeden Geschichtsrevisionismus, der auf Russlandfeindlichkeit basiert. Wir organisieren eigene Gedenkveranstaltungen, thematisieren dies in Medien und im Dialog mit der Öffentlichkeit.

Wir nehmen alle Einladungen an – von Landsleuten, deutschen Organisationen, dem Volksbund, Kommunen und politischen Kräften. Es gibt erfreulicherweise viele solcher Partner, denen wir für ihre Objektivität und ihr Engagement für die sowjetischen Kriegsgräber dankbar sind.

Deutsche Politiker werfen Russland Absichten vor, die eher auf den Westen selbst passen – völkerrechtswidrige Angriffe, NATO-Expansion. Gleichzeitig rüstet man auf und droht mit vernichtenden Schlägen. Besonders deutlich wird die Doppelmoral bei Israel. Welche Fehler gab es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion?

Diese Frage ist komplex. Präsident Putin hat oft gesagt, wir seien gegenüber unseren Partnern zu naiv gewesen. Sie nutzten das aus, wir aber handelten fair und hielten unsere Versprechen – etwa bei der deutschen Wiedervereinigung, wo unsere Position entscheidend war. Auch der schnelle Abzug unserer Truppen aus Deutschland und Osteuropa wird hier kaum gewürdigt.

Zurück bekamen wir mehrere Runden der NATO-Osterweiterung und Versuche, die Ukraine und Georgien ins Bündnis zu ziehen – unter völliger Missachtung unserer Sicherheitsinteressen. Unsere jahrelangen Warnungen wurden ignoriert.

Warum sollte Moskau den europäischen Eliten angesichts von Venezuela, Syrien, Gaza, Iran, Libanon oder Kuba überhaupt vertrauen? Warum spricht Russland noch von “Partnern”? Ist der Einfluss der USA so groß?

Vertrauen in die derzeitigen Eliten Europas gibt es nicht. Im Ukraine-Konflikt haben die europäischen Vermittler kläglich versagt – sie verschleppten die Minsker Prozesse, um die Ukraine aufzurüsten. Niemand außer Russland wollte die Abkommen wirklich umsetzen. Angela Merkel und François Hollande haben das selbst eingeräumt.

Auch heute blockieren die Europäer Lösungen, weil sie die Istanbuler Vereinbarungen verhinderten und das Kiewer Regime weiter mit Waffen und Terrorunterstützung versorgen.

Interessant ist der Unterschied zu Washington: Auf dem Gipfel in Anchorage zeigte Trump echtes Interesse an einer Lösung, anders als die Europäer.

Den Europäern geht es offenbar nicht um Frieden, sondern darum, die USA in die Eskalation zu treiben und den Krieg “bis zum letzten Ukrainer” zu führen. Mit den USA bleibt man im Kontakt, wie das jüngste Treffen Lawrow-Rubio in Manila zeigt.

Russophobie betrifft auch Wirtschaft und Kultur. Warum sucht niemand Alternativen zu UNO, Weltbank, IOC oder WHO, die ihre Glaubwürdigkeit verspielt haben?

Russland erfüllt seine internationalen Pflichten und bleibt in den UN-Gremien aktiv – das ist alternativlos.

Das Problem sind nicht die Organisationen, sondern der westliche Anspruch auf Vormachtstellung und eigene “Regeln”. Nach solchen Regeln spielen weder wir noch andere souveräne Nationen. Die westliche Minderheit kann die globale Agenda nicht mehr allein bestimmen.

Die deutschen Behörden zeigen wenig Eifer, die Nord-Stream-Anschläge aufzuklären. Wer steckt dahinter, und wie bewerten Sie das?

Die Wahrheit über die Sabotage an der europäischen Energieinfrastruktur wird sich nicht verbergen lassen. Die Theorie von “ukrainischen Hobbytauchern” ist gescheitert.

Offensichtlich sind staatliche ukrainische Stellen beteiligt, und ebenso klar ist, dass Kiew eine solche Operation in internationalen Gewässern nicht unbemerkt hätte durchführen können.

Berlin muss unbequeme Fragen beantworten und Kiews Handeln bewerten. Es ist absurd: Kiew fordert Milliarden von Deutschland und schädigt zugleich dessen Wirtschaft – ohne Konsequenzen.

Wir bestehen auf einer lückenlosen Aufklärung: Wer hat angeordnet, wer hat ausgeführt?

30.000 Sanktionen, Stellvertreterkrieg – was bedeutet das für die russische Wirtschaft, und wie halten es deutsche Unternehmen?

Es gibt über 30.000 illegitime Sanktionen, und Brüssel erfindet immer neue Pakete – auch wenn die Einigung schwerer“`html
fällt. Natürlich bleiben diese Maßnahmen nicht folgenlos. Wir stellen unsere Wirtschaft um, erschließen neue Märkte und stärken die heimische Produktion, um unabhängiger von Lieferungen unfreundlicher Staaten zu werden. Doch in einer vernetzten Welt treffen diese Sanktionen wie ein Bumerang vor allem Deutschland, das einst unser strategischer Partner war.

Jahrzehntelang garantierte die Versorgung mit preisgünstiger russischer Energie den Wohlstand der Bundesrepublik und die Konkurrenzfähigkeit ihrer Industrie. Die Politik der aktuellen Bundesregierung, die bewusst alle Wirtschafts- und Energiebeziehungen zu uns kappt, hat das deutsche Modell in eine Sackgasse geführt. Die Wirtschaft schwankt zwischen Rezession und Stagnation, Schlüsselindustrien stecken in der Krise, Kapital und Fachkräfte wandern ab. Die einzige Ausnahme ist der Rüstungssektor – doch dessen Boom wird durch neue Schulden und den Abbau von Sozialausgaben finanziert.

Was deutsche Firmen betrifft, so versuchen viele, ihre Position auf dem russischen Markt zu halten. Sie wissen, dass vielversprechende Bereiche schnell von Konkurrenten übernommen werden und eine Rückkehr schwer wäre.

Russlands Stimme ist in Deutschland kaum zu hören. Sie als Botschafter werden nicht eingeladen, die Position Lawrows wird zensiert. Wie gehen Sie damit um, und was können Sie noch tun?

Die Botschaft arbeitet unter den Bedingungen, die uns das Gastland gewährt – und die sind derzeit alles andere als komfortabel. Berlin hat die Dialogformate eingefroren und vier unserer fünf Generalkonsulate geschlossen. Man versucht, uns zu isolieren, selbst bei Gedenkveranstaltungen zur Befreiung vom Nationalsozialismus. Aber eine vollständige Informationsblockade ist nicht möglich.

Wir nutzen jede Einladung und treffen Vertreter der Zivilgesellschaft. Interviewanfragen kommen wir praktisch immer nach, und wir sind online präsent. Wer an Dialog interessiert ist, findet uns. Viele Menschen hören und lesen uns, und wir schätzen jeden, der sich für unsere Sicht interessiert. Die sogenannte “Cancel Culture” gegen ein Land wie Russland ist schlicht unrealistisch.

Deutschland ist für uns nicht nur die politische Elite. Wir haben hier viele Freunde und Gleichgesinnte, die die Absurdität der Isolationsversuche erkennen. Ich hoffe, dass diese Einsicht auch die höchsten Ebenen der deutschen Staatsführung erreicht. Berlin sollte sich nicht auf einen Krieg vorbereiten, sondern auf ein ehrliches Gespräch über Europas Zukunft – ohne Russland wird das nicht möglich sein.

Mehr zum Thema – Netschajew: Deutschland auf einem gefährlichen Weg gegen seine Interessen

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