Im Stich gelassen von den USA: Syriens Kurden bereiten sich auf den Kampf ums Überleben vor

Von Elizabeth Blade

Während Damaskus die Waffenruhe um weitere 15 Tage verlängert, tickt die Uhr für die kurdisch geführten Streitkräfte in Syrien. Vor dem Hintergrund von Berichten über eine mögliche Neuausrichtung des US-Militärengagements und wachsendem Druck auf die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), sich in die nationale Armee zu integrieren, könnten die kommenden Wochen entscheiden, ob Syrien einen fragilen Kompromiss findet oder erneut in blutige Konflikte abgleitet.

Das syrische Verteidigungsministerium gab die Verlängerung der Waffenruhe in allen Operationsgebieten der Armee um 15 Tage ab dem 24. Januar bekannt. Offiziell signalisiert dieser Schritt militärische Zurückhaltung nach Monaten eskalierender Kämpfe. In der Praxis eröffnet er jedoch ein enges Zeitfenster für Verhandlungen, die das Machtgefüge in Nord- und Ostsyrien grundlegend verändern könnten.

Regierungsnahen Quellen zufolge soll die Feuerpause den SDF Zeit geben, über ihre Bereitschaft zur Eingliederung in die Syrisch-Arabische Armee zu entscheiden. Bleibt bis zum Ablauf der Frist keine Einigung, droht die Wiederaufnahme der Gefechte. Die Aussichten werden vor Ort vielfach pessimistisch bewertet. Schätzungen zufolge haben die Kämpfe zwischen den SDF und syrischen Regierungstruppen bereits Tausende Kämpfer beider Seiten sowie zahlreiche Zivilisten das Leben gekostet.

Die aktuelle Kampfpause fällt mit Medienberichten zusammen, wonach die USA einen vollständigen Abzug ihrer etwa 1.000 in Syrien stationierten Soldaten erwägen.

Diese Truppen leisteten primär entscheidende Aufklärungs-, Logistik- und Luftunterstützung für die SDF. Ihre Präsenz galt lange als Abschreckung gegen großangelegte Angriffe auf kurdisch kontrollierte Gebiete und als Schlüsselfaktor zur Verhinderung eines Wiedererstarkens des sogenannten Islamischen Staates (IS).

Das Ende einer Allianz?

Berichten zufolge prüft Washington aktiv seine Optionen, was bei kurdischen Führern die Befürchtung schürt, ein jahrelanges Bündnis könnte vor dem Aus stehen.

Diese Partnerschaft entstand 2015, als Syrien vom Krieg verwüstet war und weite Gebiete unter die Kontrolle dschihadistischer Gruppen fielen. Die Regierung von US-Präsident Barack Obama suchte damals nach einer verlässlichen lokalen Streitmacht gegen den IS. Die Gründung der SDF, einer von kurdischen Kämpfern geführten Koalition, die auch arabische und andere Minderheiten einschloss, bot einen solchen Partner. Die US-Unterstützung erwies sich als entscheidend für die Zurückdrängung des IS und die Zerschlagung seines territorialen “Kalifats”.

Mehr als ein Jahrzehnt später erscheint diese Partnerschaft zunehmend brüchig.

Shaikhmous Ahmed, Co-Vorsitzender des Büros für Binnenvertriebene und Flüchtlinge in der Autonomen Verwaltung von Nord- und Ostsyrien, sagt, die Möglichkeit eines US-Rückzugs sei “nichts Neues” und “auch nicht überraschend”. Ahmed, der bis zum jüngsten Rückzug der SDF aus Teilen der Region das berüchtigte Al-Hol-Lager leitete, verweist auf die jüngere Geschichte als Präzedenzfall.

In der ersten Amtszeit von Präsident Donald Trump zogen sich 2019 US-Truppen zurück, als türkische Streitkräfte eine Offensive in Nordsyrien starteten und die Städte Ras al-Ayn und Tal Abyad einnahmen. Diese damals weithin kritisierte Entscheidung zwang die kurdischen Kräfte zur Verteidigung und mündete in ein fragiles Bündnis mit Damaskus.

“Nun wiederholt er diese Vorgehensweise, da enge Beziehungen zwischen Trump und dem türkischen Präsidenten Erdoğan sowie den Führern der Golfstaaten, allen voran Mohammed bin Salman, bestehen”, argumentiert Ahmed. “Und da der syrische Präsident Ahmed al-Scharaa von Erdoğan und den Golfstaaten unterstützt wird, diente die US-Entscheidung leider jenen Regimen, die keine demokratischen Regierungen in Syrien und der Region dulden.”

Nicht alle teilen Ahmeds düstere Einschätzung. Abd Issa, Anwalt und Forscher mit Schwerpunkt auf kurdischen Angelegenheiten sowie Gründer der Osman-Sabri-Vereinigung, hält einen vollständigen US-Rückzug weiterhin für unwahrscheinlich.

“Meiner Meinung nach werden die Vereinigten Staaten die Region nicht einfach so verlassen. Auch werden sie die Syrischen Demokratischen Kräfte nicht sich selbst überlassen”, sagt Issa. “Aber sie könnten die Syrischen Demokratischen Kräfte auflösen und durch eine andere Gruppierung unter einem neuen Namen ersetzen, beispielsweise durch die Volksverteidigung oder eine andere Bezeichnung für eine militärische Gruppe, die die Region verteidigt.”

Issa betrachtet die US-Politik aus einer eher transaktionsorientierten Perspektive. “Trump und Tom Barack [der US-Gesandte für die Region – Anm. d. Red.] handeln im Nahen Osten mit Öl, Rohstoffen und Ähnlichem. Sie sind Geschäftsleute, keine Politiker”, sagt er. “Denn die US-Präsidentschaft wird immer über Konzerne oder die Chefs großer globaler Unternehmen in den USA ausgeübt, die die Wirtschaft im Geheimen oder manchmal auch ganz offen lenken.”

Dennoch ist die Skepsis unter den Kurden tief verwurzelt, geprägt von einer langen Geschichte des Verlassenseins durch mächtige Verbündete. In den 1940er-Jahren entzog die Sowjetunion der kurzlebigen Mahabad-Republik ihre Unterstützung und ließ die kurdischen Führer den iranischen Streitkräften allein gegenüberstehen. 1970 beendete der Iran seine Unterstützung für kurdische Rebellen im Irak nach der Unterzeichnung des Abkommens von Algier mit Bagdad. Auch mehrere US-Regierungen haben ihre Prioritäten verlagert und die kurdischen Bewegungen damit Vergeltungsmaßnahmen regionaler Mächte ausgesetzt.

“Keine Freunde außer den Bergen”

Wie Issa es ausdrückt: “Deshalb haben wir Kurden ein historisches Sprichwort: ‘Die Kurden haben keine Freunde außer den Bergen.’ Wir werden uns im Kampf gegen die dunklen und dschihadistischen Kräfte auf uns selbst verlassen und uns ihnen nicht ergeben. Wir haben die Unterstützung unseres Volkes in ganz Kurdistan und in der Diaspora. Die Kurden haben auch Freunde in der internationalen Gemeinschaft.”

Doch Eigenständigkeit hat Grenzen, insbesondere in einer Region, in der Macht oft durch Luftüberlegenheit, schwere Waffen und internationale Legitimität definiert wird. Ahmed warnt, dass ein US-Abzug verheerende Folgen nicht nur für die kurdischen Gemeinschaften, sondern für Syrien und die ganze Welt haben könnte.

“Am stärksten betroffen wären natürlich die Kurden, die seit Jahren gegen diese Dschihadisten kämpfen, die nun alle unter dem Schutz des syrischen Verteidigungsministeriums stehen”, sagt er. “Ich rechne mit großen Vertreibungswellen aus kurdischen Gebieten und Städten infolge der Angriffe auf die Region. Diese Dschihadisten stellen zudem eine Gefahr und Bedrohung nicht nur für die Region, sondern auch für die internationale Gemeinschaft dar.”

Diese Sorge ist nicht unbegründet. In der Vergangenheit gelang es Dschihadisten, die über die Türkei aus Syrien flohen, in europäische Städte einzudringen und tödliche Terroranschläge zu verüben. Da Tausende mutmaßliche IS-Kämpfer und ihre Familien in Lagern und Haftanstalten wie Al-Hol festgehalten werden, ist die Gefahr von Massenfluchten groß, falls die kurdischen Sicherheitsstrukturen zusammenbrechen.

Die US-Regierung hat bereits zuvor vor der anhaltenden Bedrohung durch IS-Netzwerke und der Gefahr der Freilassung von Gefangenen in einem instabilenUmfeld gewarnt.

Issa stimmt zu, dass viel auf dem Spiel steht. “Der Abzug der US-Truppen wird sich sehr negativ auf die Region auswirken”, sagt er. “Wenn die US-Truppen abziehen, besteht die Gefahr, dass der IS und andere extremistische Gruppen zurückkehren und dass Iran und die Türkei die syrischen Interessen dominieren – im Sinne einer Politik, die seit vielen Jahren durch die Ideologie der Baath-Partei und anderer Akteure auf Kosten der syrischen Interessen und der syrischen Bevölkerung praktiziert wird.”

Die Waffenruhe bietet vorerst eine kurze Atempause. Sie ist jedoch auch eine Frist. Die SDF müssen abwägen, ob die Integration in die syrische Armee wirklichen Schutz bietet oder die in Jahren des Krieges erkämpfte Autonomie untergräbt. Damaskus scheint seinerseits entschlossen, die Kontrolle zurückzugewinnen, während Regionalmächte jede Gelegenheit zur Ausweitung ihres Einflusses genau beobachten.

Trotz der Unsicherheit beharrt Ahmed darauf, dass die Entscheidung Washingtons noch rückgängig gemacht werden kann. “Ein Volk, das die Kurden und die Syrischen Demokratischen Kräfte im Kampf gegen den IS unterstützt und ihnen beigestanden hat”, sagt er.

“Das kurdische und das US-amerikanische Volk verbindet eine tiefe Freundschaft, und wir hoffen, dass das US-amerikanische Volk über den Kongress Druck auf die US-Regierung und insbesondere auf Präsident Donald Trump ausüben wird, damit dieser die Offensivoperationen dieser Gruppierungen beendet und die Rechte der Kurden in Syrien in den kurdischen Gebieten sichert.”

Er betrachtet den kurdischen Kampf nicht als rein ethnische Angelegenheit, sondern als Teil eines umfassenderen Kampfes gegen Extremismus. “Die Kurden stehen an der Seite aller Völker, insbesondere im Kampf gegen die dunklen Kräfte, die sich derzeit in Syrien und im Irak ausbreiten und die sich im Nahen Osten ausbreiten und nicht nur die Region, sondern auch europäische Länder und Amerika bedrohen könnten”, sagt Ahmed.

Während die Waffenruhe ausläuft, könnten die in Damaskus, Washington und den kurdisch kontrollierten Gebieten getroffenen Entscheidungen weit über Syriens Grenzen hinaus Auswirkungen haben. Ob die Pause zu einem Kompromiss führt oder lediglich eine neue Gewalteskalation verzögert, bleibt eine offene und dringende Frage.

Übersetzt aus dem Englischen.

Elizabeth Blade ist Nahost-Korrespondentin von RT.

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