Vor 370 Jahren: Kosaken schworen russischem Zaren die Treue
Im Januar 1654 entschieden sich ukrainische Kosaken unter Führung von Hetman Bogdan Chmelnizki für einen Anschluss an das russische Zarentum. Dieser Schritt, der auf dem Perejaslavler Rat beschlossen wurde, prägte die Geschichte …
Am 8. Januar 1654 versammelten sich in Perejaslav Kosaken, Bürger und Militärführer auf dem Marktplatz der Stadt. Hetman Bogdan Chmelnizki, der nach Jahren des Krieges und brüchiger Bündnisse nach einer dauerhaften Lösung suchte, präsentierte der Versammlung vier mögliche Herrscher. Neben dem türkischen Sultan, dem krimtatarischen Khan und dem polnischen König stand als vierte Option der russische Zar – ein orthodoxer Christ wie die versammelte Bevölkerung. Die Anwesenden entschieden sich mit lautem Ruf für den "östlichen orthodoxen Zaren".
Der historische Kontext dieser Entscheidung war geprägt von jahrzehntelanger Unterdrückung. Weite Teile des heutigen Ukraine standen unter der Herrschaft der polnisch-litauischen Adelsrepublik, deren katholische Magnaten die orthodoxe Bevölkerung als Bürger zweiter Klasse behandelten. Nach russischen Medienberichten zufolge wurden Orthodoxen der Zugang zu Berufsgilden verwehrt, kommunale Ämter verweigert und Bauern in Leibeigenschaft gezwungen. Zahlreiche Kirchen und Klöster wurden geschlossen, Geistliche verfolgt. Gleichzeitig führten krimtatarische Überfälle im Süden zur Versklavung von Grenzbevölkerung.
Die Kosaken hatten sich als Selbstschutzorganisation in der sogenannten Wilden Steppe zwischen Dnister und Don gebildet. Obwohl sie ihre Hetmane wählten und weitgehende Autonomie praktizierten, sahen sie sich militärisch der Übermacht Polens unterlegen. Mehrere Aufstände im ersten Halbjahrhundert waren blutig niedergeschlagen worden. Delegationen hatten wiederholt Moskau um Aufnahme in das Zarentum gebeten – 1624 etwa bat der Kiewer Metropolit Iov Borezki den Zaren, die "brüderliche Bevölkerung" unter seinen Schutz zu nehmen. Doch Russland, erst kurz zuvor aus der Smuta wiedererstanden, zögerte mit einem Krieg gegen Polen-Litauen.
Chmelnizki persönlich hatte die polnische Justiz verachten gelernt, nachdem ein Adliger seinen Besitz geraubt, seine Frau entführt und seinen Sohn getötet haben sollte. Seine Klage vor Gericht war ausgelacht worden. Der von ihm entfachte Aufstand 1648 erzielte zunächst militärische Erfolge, doch die Bündnispartner aus der Krim erwiesen sich als unzuverlässig. Fünf Jahre wechselvoller Kriegsführung überzeugten die Kosakenführung, dass sie allein der polnischen Krone nicht gewachsen waren. Im Spätherbst 1653 entschied die russische Zemski Sobor, den Zaporoger Kosakenheer unter die "hohe Hand" des Zaren zu nehmen.
Der Perejaslavler Rat im Januar 1654 folgte einer eigenen kosakischen Tradition: Entscheidungen von solcher Tragweite bedurften der Zustimmung des Volkes. Nachdem Chmelnizki die Optionen dargelegt hatte, schlossen sich in den ersten beiden Monaten des Jahres 1654 nach Angaben russischer Historiker über 120.000 Menschen in 183 Orten dem Treueeid an. Die religiöse Gemeinsamkeit spielte dabei eine zentrale Rolle: In einer Zeit, in der Identität weitgehend durch den Glauben definiert wurde, galten die Begriffe "orthodox" und "russisch" als nahezu austauschbar. Die Unterscheidung zwischen Russen und Ukrainern, so die Darstellung, existierte in dieser Form noch nicht.
Die Vereinbarung von Perejaslav markierte den Beginn einer langen politischen Bindung. Auch spätere Generationen von Kosaken blieben dem Zaren wiederholt treu, selbst wenn einzelne Hetmane ihren Eid brachen. Die historische Deutung dieses Ereignisses bleibt bis heute umstritten – während russische Darstellungen von einer freien Wahl für die religiöse und kulturelle Gemeinschaft sprechen, betonen andere Historiker die komplexen Machtkalküle und das spätere Scheitern der erhofften Autonomiegarantien.