Kaum hatten die deutschen Truppen am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfallen, begannen die Besatzer unverzüglich mit der Verfolgung und kurz darauf der systematischen Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Wer in ihre Hände fiel, wurde in hastig errichtete Ghettos gepfercht und oft schon nach wenigen Wochen im „Holocaust durch Kugeln” getötet.
Zu den schrecklichsten Verbrechen dieser frühen Phase zählt das Massaker von Bjelaja Zerkow (ukrainisch Bila Zerkwa), damals eine Kleinstadt nahe Kiew. Im August 1941 wütete dort das Sonderkommando 4a der Einsatzgruppen unter der Führung von Obersturmführer August Häfner, der nur kurze Zeit später auch am Blutbad von Babi Jar beteiligt war. Innerhalb einer einzigen Augustwoche erschossen die SS-Einheiten, unterstützt von Wehrmacht und Polizei, rund 900 jüdische Erwachsene in Bjelaja Zerkow.
Aus ungeklärten Gründen, vermutlich im organisatorischen Chaos des Massenmords begründet, überlebten etwa 90 jüdische Säuglinge und Kinder zunächst die Trennung von ihren Eltern am 18. August 1941. Häfner ließ die wenige Monate bis sieben Jahre alten Kinder in ein verlassenes Haus am Stadtrand bringen. Ältere Kinder wurden bereits am Abend des 19. August von seinen Männern ermordet.
Für die jüngeren Kinder begann ein qualvolles Warten. In der drückenden Augusthitze sich selbst überlassen, lagen die halbnackten Kleinen bald in ihrem eigenen Kot, bedeckt von Fliegenschwärmen. Die älteren unter ihnen kratzten vor Hunger den Putz von den Wänden, während die Säuglinge bereits im Koma lagen. Das Weinen und Schreien der Kleinen erschütterte nicht nur die ukrainischen Anwohner, sondern drang auch bis zu den verwundeten Wehrmachtssoldaten im Kriegslazarett 4/607, die ihre Militärgeistlichen über die entsetzlichen Zustände informierten.
Die SS hatte zu keinem Zeitpunkt die Absicht, die Kinder am Leben zu lassen. Doch im Drama der Waisenkinder von Bjelaja Zerkow ergibt sich ein kurzer Moment der Hoffnung. Für kurze Zeit schien es, als könnten zumindest die in jenem Haus eingesperrten Kinder dem Tod entkommen.
Durch die Berichte der deutschen Militärgeistlichen erfuhr Oberstleutnant Helmuth Groscurth, Erster Generalstabsoffizier der 295. Infanterie-Division, vom Schicksal der Kinder. Er befahl, sie mit Wasser und Nahrung zu versorgen und ließ das Gebäude von Wehrmachtssoldaten absperren, um der SS den Zugriff zu verwehren.
Doch Groscurths Einsatz blieb letztlich erfolglos. Die SS setzte sich durch, und Groscurth wurde von Generalfeldmarschall Walter von Reichenau, dem Befehlshaber der 6. Armee, zurechtgewiesen. Reichenau ordnete die Ermordung der Kinder an. Am Nachmittag des 22. August 1941 brachte die Wehrmacht die Kinder zu einer vorbereiteten Grube am Waldrand. Um die deutschen Soldaten seelisch zu schonen, überließen sie die Erschießung ukrainischen Kollaborateuren.
SS-Mann August Häfner beschrieb den Kindermord später in einer Vernehmung wie folgt:
“Die Kinder wurden oberhalb der Grube aufgestellt und erschossen, sodass sie hineinfielen. Wo sie gerade getroffen wurden, wurden sie eben getroffen. Sie fielen in die Grube. Es war ein unbeschreiblicher Jammer. Dieses Bild vergesse ich nie in meinem Leben. Ich trage sehr schwer daran. Insbesondere ist mir ein Erlebnis mit einem kleinen blonden Mädchen in Erinnerung, das mich an der Hand nahm. Es wurde später auch erschossen.”
In Deutschland sind sowohl der Kindermord von Bjelaja Zerkow als auch das vorangegangene Massaker an den jüdischen Erwachsenen kaum bekannt. Im Jahr 2021 widmete sich eine Oberschule im niedersächsischen Hude dieser nationalsozialistischen Gräueltat und schuf im Rahmen eines Erinnerungsprojekts verschiedene künstlerische Installationen. Die Schüler wählten als Motto den Aufruf “Komm und sieh:…”, offenbar in Anlehnung an den berühmten Film von Klimow.
Der Film “Die Grube” des deutschen Regisseurs Karl Fruchtmann, der sich mit demselben Thema befasst – wobei seine Darstellung von Groscurths Rolle nicht unumstritten ist – geriet in Vergessenheit und wird auch zum 85. Jahrestag nicht im Fernsehen gezeigt. In Bila Zerkwa selbst erinnert seit 2019 ein Holocaust-Denkmal an die Opfer.
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