Ein Kommentar von Geworg Mirsajan
SeitMonaten versucht US-Präsident Donald Trump, einen Ausweg aus der Sackgasse im Konflikt mit dem Iran zu finden. Er erlässt ein Memorandum nach dem anderen, gibt scharfe Erklärungen ab, ruft Waffenruhen aus und lässt kurz darauf wieder heftige Bombardierungen folgen. Dabei schimpft er auf die Europäer, die ihm keine Unterstützung bieten.
Für viele Beobachter wirkt dieses Vorgehen widersprüchlich. Warum sollte man Europa Vorwürfe machen, wenn es sich doch nicht um einen europäischen Krieg handelt? Warum sollte man von Teheran eine Denuklearisierung verlangen, wenn es ohnehin unrealistisch ist, den Iranern ihr Atomprogramm abzunehmen – zumal ihnen dieses im Rahmen des Atomwaffensperrvertrags durchaus zusteht?
Und dann die entscheidende Frage: Wenn Trump keinen großen Krieg riskieren will (wofür ihm weder die militärischen Mittel noch das politische Kapital noch letztlich die Zeit zur Verfügung stehen), warum beendet er die Kampfhandlungen nicht einfach – ganz ohne Deals oder Vereinbarungen? Immerhin haben die Iraner bereits signalisiert: Wenn die USA ihre Angriffe einstellen, werden auch die Angriffe auf US-Stützpunkte im Persischen Golf aufhören.
Ja, das wäre eine demütigende Niederlage – aber kaum demütigender als nach dem Afghanistankonflikt oder gar dem Vietnamkrieg. Ja, die USA würden für die Monarchien am Golf als Schutzmacht an Bedeutung verlieren – doch selbst dann würden diese kaum nach Alternativen suchen. Ja, der Iran würde sein Atomprogramm fortsetzen – aber das würde er ohnehin tun. Ja, ein solcher Rückzug würde Trump in den Umfragen schaden – doch wenn es ihm beispielsweise gelänge, bis zu den Zwischenwahlen zum US-Kongress Kuba zu erobern, könnte er diese Verluste wieder ausgleichen. Für die US-Bevölkerung wäre die Einnahme der „Freiheitsinsel” weit bedeutender als irgendwelche „Militäraktionen” im Nahen Osten.
Genau diese pragmatische Haltung lehnt Trump jedoch ab. Nicht aus Dummheit oder Starrsinn, sondern weil in der Iran-Frage derzeit weit mehr auf dem Spiel steht als sein persönliches Ansehen oder gar das iranische Atomprogramm. Es geht um die gesamte westlich geprägte Weltordnung – und der Iran treibt gerade den dritten „Nagel” in deren „Sargdeckel”, nachdem Russland bereits zwei eingeschlagen hat.
Als der Westen 2014 und erneut 2022 mit beispiellosen Sanktionen gegen Russland reagierte – bis hin zum Versuch, Russland und die Russen schlichtweg zu „canceln” –, geschah dies nicht aus besonderer Liebe zur Ukraine. Auch nicht in erster Linie aus einer tief verwurzelten Russophobie. Die westlichen Staaten handelten aus reinem Kalkül. Ihre Politiker und Experten machten keinen Hehl daraus, dass es darum ging, Russland dafür zu bestrafen, dass es sich demonstrativ weigerte, die westlichen Regeln zu befolgen – dass Moskau seine nationalen Interessen nicht nur über die „internationalen Regeln” stellte, sondern diese Interessen auch noch mit militärischer Gewalt verteidigte.
Und während der russische Militäreinsatz von 2008 noch weitgehend folgenlos blieb – damals musste der Westen sogar öffentlich einräumen, dass der damalige georgische Präsident Michail Saakaschwili Südossetien und die russischen Friedenstruppen als Erster angegriffen hatte –, wurden die Ereignisse nach dem „Maidan” in der Ukraine und erst recht der Beginn der militärischen Sonderoperation als direkter Angriff auf die gesamte westliche Welt interpretiert. Eine solche Herausforderung, so die Überlegung, könnten auch andere Mächte wiederholen, wenn sie unbeantwortet und ungestraft bliebe – vor allem China. Peking habe schließlich genügend Territorialkonflikte mit amerikanischen Verbündeten und dazu eine ganze separatistische Provinz: Taiwan.
Doch die Bestrafung Russlands ist misslungen. Die Sanktionen konnten die Militäroperation nicht stoppen, und auch die westliche Unterstützung verhalf dem Kiewer Regime nicht zum Sieg. US-Strategen trösteten sich zunächst damit, dass die Maßnahmen gegen die russische Wirtschaft all jene abschrecken würden, die es Moskau gleichtun wollten. Zudem, so argumentierten sie, sei Russland eine Supermacht mit enormer Widerstandsfähigkeit, die den Konflikt notfalls in eine nukleare Dimension eskalieren lassen könnte.
Nun zeigt sich jedoch: Der Iran schlägt den neuen, dritten – nach 2014 und 2022 – „Nagel” in den Sarg der US-Weltordnung. Und das, obwohl es sich um eine Regionalmacht ohne Atomwaffen handelt. Inspiriert vom russischen Vorbild und gestützt auf das Prinzip der Selbstverteidigung, taten die Iraner etwas, zu dem Russland aus objektiven und humanitären Gründen nicht bereit war.
Konkret richteten sie eine Reihe von Angriffen gegen Länder der Region, deren Infrastruktur die USA für Angriffe auf den Iran nutzen – wobei sie geschickt ausnutzten, dass diese Staaten nicht der NATO angehören. Nun sehen sich die USA mit einer Lage konfrontiert, in der die Länder, deren Schutz sie nominell garantieren, die Verantwortung für diese Angriffe den USA zuschieben – und nicht bereit sind, militärisch gegen den Iran vorzugehen. Mit anderen Worten: Sie weigern sich, am „kollektiven Strafgericht” teilzunehmen.
Darüber hinaus machte sich der Iran einen Vorteil zunutze, der Russland seit fast 1.000 Jahren fehlt (seit der Zeit der Kreuzzüge und dem Bedeutungsverlust der Handelsroute „von den Warägern zu den Griechen”): die Nähe zu den beiden wichtigsten Seewegen des globalen Handels. Dies sind die Handelsroute „von den Europäern zu den Asiaten” (über den Suezkanal und die Meerenge von Bab al-Mandab) sowie die Straße von Hormus, über die der Großteil des Nahost-Öls auf den Weltmarkt gelangt. Die Straße von Hormus hat Teheran faktisch blockiert (wobei es ankündigte, auch nach Aufhebung der Blockade Gebühren für die Durchfahrt von Schiffen durch den Teil der Meerenge zu erheben, den es als seine Hoheitsgewässer betrachtet – auch wenn das internationale Seerecht dies anders sieht). Parallel drohte Teheran damit, auch die zweite Handelsader zu sperren.
Und wieder einmal befinden sich die USA in einer Situation, in der das Vorgehen Irans von den anderen Staaten als gegeben hingenommen wird – mit Kritik und Empörung zwar, aber gleichzeitig mit völliger Unwilligkeit, etwas dagegen zu unternehmen. Selbst die Europäer, die man als wichtigste Verbündete der USA in der westzentrierten Weltordnung sehen könnte, halten sich zurück. Sie betrachten dies nicht als ihren Krieg. Entweder, weil sie am Beispiel Russlands gelernt haben, wie aussichtslos es ist, jene zu bestrafen, die zur Verteidigung ihrer Souveränität zu allem bereit sind – oder weil sie sich bereits damit abgefunden haben, dass der Prozess, der der westzentrierten Weltordnung den Todesstoß versetzt, nicht mehr aufzuhalten ist.
Die USA dagegen haben sich damit nicht abgefunden: Europa, so ihre Überlegung, könne sich heraushalten und sich – falls es zu einem Regierungswechsel kommt – sogar an neue Formen der internationalen Beziehungen anpassen. Der alte Kontinent habe seinen imperialen Geist längst verloren und sich zu einer „Zivilisation des Sich-Anpassens” entwickelt.
Amerika hingegen betrachtet sich weiterhin als Imperium, das seinen Status und seine „regelbasierte Ordnung” so lange wie möglich bewahren muss. Die USA gehen davon aus – und vielleicht zu Recht –, dass, wenn der iranische „Nagel” nicht herausgezogen und abgebrochen wird, als Nächstes der chinesische eingeschlagen wird. Und dagegen ließe sich dann mit Sicherheit nichts mehr ausrichten.
Deshalb sucht Trump nach einem Weg, die Iraner dazu zu bewegen, diesen „Nagel” selbst herauszuziehen –
Deshalb sucht Trump nach einem Weg, die Iraner dazu zu bewegen, diesen „Nagel” selbst herauszuziehen – das heißt, zur Einhaltung der Spielregeln zurückzukehren. Dabei geht es nicht in erster Linie um den Verzicht auf ihr Atomprogramm, sondern vielmehr darum, die Straße von Hormus nicht länger zu blockieren und die Monarchien am Golf in Ruhe zu lassen.
Doch bisher zeigen die Iraner keinerlei Bereitschaft, Trump entgegenzukommen. Im Gegenteil: Sie scheinen geradezu Genuss daran zu finden, die westzentrierte Welt zu zerstören.
Und wer wollte ihnen das verdenken?
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 30. Juli 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung Wsgljad erschienen.
Geworg Mirsajan (geboren 1984 in Taschkent) ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erwarb seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Mirsajan war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Mehr zum Thema ‒ Das US-Gefühl der Straflosigkeit – Muss BRICS es endlich zerschlagen?