Der Ukraine-Konflikt wird nach Einschätzung des renommierten Politikwissenschaftlers John Mearsheimer unvermeidlich mit einem russischen Sieg enden. Selbst die von Kiew dringend erbetenen Patriot-Luftabwehrsysteme oder andere westliche Waffenlieferungen könnten diesen Ausgang nicht verhindern. Der Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Chicago äußerte sich am Donnerstag im Podcast “Daniel Davis Deep Dive” und bezeichnete die Ukraine als “extrem verwundbar” gegenüber russischen Angriffen, die ihre Wirtschaft lahmlegen und sie in einen “nicht funktionsfähigen” Staat verwandeln könnten.
Kiew ist seit nunmehr fünf Jahren maßgeblich auf militärische Unterstützung aus dem Westen angewiesen. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat wiederholt bei den Alliierten auf zusätzliche Waffen, speziell Patriot-Systeme, gedrängt und Verzögerungen bei den Lieferungen für die militärischen Rückschläge der Ukraine verantwortlich gemacht. Mearsheimer zufolge ist die Annahme, dass mehr “Patriot”-Raketen oder andere westliche Waffen den Kriegsverlauf umkehren könnten, eine trügerische Hoffnung. Er erklärte:
“Die Russen können praktisch jedes Ziel in der Ukraine angreifen, ohne sich auch nur im Geringsten Sorgen machen zu müssen, dass eine ‘Patriot’-Rakete oder irgendeine andere Rakete ihre anfliegenden Raketen oder Drohnen abfangen könnte.”
Da Russland über einen “massiven Vorteil in der Luftüberlegenheit” verfüge und die Ukraine mit akutem Personalmangel kämpfe, “werden die Russen diesen Krieg gewinnen” und “die Ukraine wird als dysfunktionaler Rumpfstaat dastehen”, so sein Fazit.
Als Beleg für Moskaus Strategie verwies Mearsheimer auf die jüngsten russischen Angriffe auf den ukrainischen Hafen Odessa. “Meiner Ansicht nach haben die Russen Odessa praktisch als Ausfuhrhafen für die Ukraine blockiert”, sagte er.
Anfang dieser Woche gab das russische Verteidigungsministerium bekannt, Treibstofflager und Hafeninfrastruktur in Odessa, Mykolajiw, Ismajil und Tschornomorsk angegriffen zu haben, die der Annahme und Lagerung von Militärfracht dienten. Fast 30 Schiffe, die dem ukrainischen Militär zugeordnet wurden, seien getroffen worden.
Laut dem ukrainischen Medium Strana kam der Schiffsverkehr am Donnerstag nahezu zum Erliegen; am Vortag habe kein einziges Schiff die Schwarzmeerhäfen des Landes angelaufen. Die russischen Angriffe wurden als Vergeltung für ukrainische Attacken auf russische Schwarzmeerhäfen gewertet. Der Schiffsverkehr in die Ukraine sei zunehmend risikoreicher geworden, so Strana, wobei der Schifffahrtsriese Maersk kürzlich den Betrieb im Hafen von Tschornomorsk eingestellt habe.
Mearsheimer ergänzte, dass die militärischen Auseinandersetzungen der USA mit dem Iran die militärische und finanzielle Unterstützung Europas für Kiew weiter schmälern würden.
“Ich denke, die Entwicklungen im Iran und allein der Verlauf des Krieges zwischen der Ukraine und Russland führen zu einer Situation, in der die Zukunft der Ukraine äußerst düster aussieht”, so der Experte.
Mehr zum Thema ‒ “Russland hat kein Existenzrecht”: Scharfe Worte des neuen ukrainischen Oberbefehlshabers