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Der Nationale Bildungsbericht 2024 offenbart ein alarmierendes Ungleichgewicht: Während 82 Prozent der Kinder mit Deutsch als Alltagssprache die Volksschule in der regulären Zeit von vier Jahren abschließen, gelingt dies nur 55 Prozent jener Kinder, die zu Hause nicht Deutsch sprechen. Diese Kluft wirft ein Schlaglicht auf strukturelle Herausforderungen im Bildungssystem.
In Wien verzeichnen zahlreiche erste Klassen einen Anteil von 40 bis 50 Prozent sogenannter außerordentlicher Schüler, die eine intensive Sprachförderung benötigen. Die Konsequenz ist eine verlängerte Verweildauer in der Grundschule. Jedes vierte Kind wiederholt das erste Schuljahr, primär aufgrund unzureichender Deutschkenntnisse – obwohl viele dieser Kinder in Österreich geboren wurden. Sie starten mit einem Sprachdefizit, das den Anschluss an den Unterricht bereits zu Beginn erschwert und sich oft über Jahre hinweg negativ auswirkt.
Die Situation in stark belasteten Wiener Schulen ist besonders prekär: In einer dritten Klasse sprachen drei Viertel der Kinder zu Hause fast ausschließlich Arabisch. Von den 24 Kindern mussten neun mindestens eine Klasse wiederholen, manche bereits zum zweiten Mal. Solche Fälle häufen sich in bestimmten Bezirken. Die Lehrkräfte sehen sich mit einer sprachlichen Vielfalt konfrontiert, die sie häufig überfordert.
Die betroffenen Kinder stammen meist aus der zweiten oder dritten Generation. In ihren Familien dominiert oft eine andere Sprache, sodass sie im Alltag zu wenig Deutsch hören und sprechen – insbesondere in bildungssprachlichen Kontexten. Diesen Startnachteil gleicht das Schulsystem nur unzureichend aus. Die Folge sind durchgehend schwächere Leistungen in Lesen, Schreiben und Rechnen, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Schullaufbahn ziehen.
Wer bereits in der Volksschule zurückfällt oder eine Klasse wiederholt, trägt diesen Rückstand in die Sekundarstufe. Der Übergang ins Gymnasium oder in höhere Schulformen wird dadurch erheblich erschwert. Stattdessen landen viele Kinder in Mittelschulen oder Polytechnischen Schulen. Dort fehlen oft die Voraussetzungen für anspruchsvolle Ausbildungsplätze. Gute Lehrstellen setzen solide Deutschkenntnisse und schulische Leistungen voraus – Defizite führen häufig zu einfacheren oder weniger attraktiven Ausbildungen.
In der Lehre selbst zeigen sich die Lücken erneut: Fachsprache, Berichtshefte und Prüfungen bereiten Probleme, die Abbruchgefahr steigt. Langfristig führt dies zu einer höheren NEET-Quote (Jugendliche ohne Ausbildung oder Beschäftigung). In Österreich lag diese 2023 bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei 13 Prozent, bei jenen ohne bei sieben Prozent. In der ersten Generation erreichte sie sogar 14 Prozent. Deutschland zeigt ähnliche Muster: Kinder mit Migrationshintergrund wiederholen bereits in der Grundschule häufiger eine Klasse, und die Benachteiligung setzt sich in der beruflichen Bildung fort.
Die bestehenden Maßnahmen wie Sprachstandserhebungen in der Kita und Deutschförderklassen greifen oft zu kurz. Die Förderung kommt zu spät oder bleibt zu wenig intensiv. Es fehlt an durchgängiger, über mehrere Jahre angelegter Unterstützung, und Mehrsprachigkeit wird noch zu selten als Ressource genutzt. Lehrkräfte fühlen sich mit der sprachlichen Vielfalt häufig überfordert.
Frühe und systematische Sprachförderung bereits im Kindergartenalter könnte die Weichen anders stellen. Dazu gehört eine bessere Vorbereitung der Lehrkräfte auf Deutsch als Zweitsprache und auf den Umgang mit Mehrsprachigkeit. Eine durchgängige Förderung bis in die Sekundarstufe und Berufsschule wäre ebenso wichtig wie eine stärkere Einbeziehung der Familien. Wo solche Ansätze konsequent umgesetzt werden, zeigen sich bessere Ergebnisse – doch bisher fehlt es an flächendeckender Umsetzung und ausreichenden Ressourcen.
Die Sprachdefizite in der Volksschule gehören zu den zentralen Ursachen für ungleiche Bildungschancen in Österreich und Deutschland. Wer schon mit sechs oder sieben Jahren den Anschluss verliert, hat es später erheblich schwerer, eine gute Ausbildung zu erreichen und ein stabiles Berufsleben aufzubauen. Die Zahlen aus Wien und dem Nationalen Bildungsbericht machen das Ausmaß sichtbar. Gleichzeitig zeigen sie, dass gezielte frühe Förderung den Verlauf verändern kann. Ohne konsequente Maßnahmen wird diese Krise weiterhin viele Bildungswege blockieren.
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