Von Alexej Danckwardt
Es war ein Montagmorgen im August 1991, als die Sowjetunion erwachte und eine Nachricht sie wie ein Schock traf: Gorbatschow, so hieß es, sei erkrankt und handlungsunfähig. Ein neu gebildetes “Staatliches Komitee für den Ausnahmezustand” habe die Zügel übernommen. Für die Bürger, die längst an Glasnost und lebhafte Fernsehdebatten gewöhnt waren, wirkte der betont feierliche Ton der Ansagerinnen wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Zwischen den Meldungen lief ununterbrochen Tschaikowskis “Schwanensee” – ein Stück, das in Russland seither untrennbar mit Staatskrisen verbunden ist.
Ich, gerade 16 geworden, verbrachte damals Zeit bei meinen Verwandten in Russland. Noch am selben Tag eilte ich zum Kiosk, auf der Suche nach Neuigkeiten. Es war Sonntag, die Auswahl dürftig, doch die Zeitungen selbst verrieten: Etwas Außergewöhnliches war im Gange. Einige Blätter erschienen mit leerer Titelseite, andere fielen in einen hölzernen Ton zurück, den man längst vergessen glaubte. Kehrte die Zensur zurück? Ein Lokalblatt aus Wolgograd stach hervor: Statt “Woskresenje” (Sonntag) titelte es “Woskresenie” (Auferstehung) – ein einziger Buchstabe, der eine Welt von Bedeutung ausmachte.
Bald war das Wort “Putsch” in aller Munde, auch ich benutzte es. Heute schäme ich mich dafür, besonders vor meinem Cousin Sergei, der 15 Jahre älter ist. Er sagte: “Welcher Putsch? Das sind doch alles Männer, die schon lange an der Macht sind.” Rechtlich lag er falsch, doch in jeder anderen Hinsicht war er mir um Lichtjahre voraus.
Es roch nach Inszenierung – das hätte man merken müssen. Was ich den “Putschisten” bis heute am meisten vorwerfe: Sie erklärten uns nie in klaren Worten, worum es wirklich ging – um die Existenz der Sowjetunion selbst, um ihre letzte Rettung. Hätten sie es getan, ich wäre mit ganzer Seele auf ihrer Seite gewesen. So aber blieb den meisten unklar, warum sie handelten.
Ihr Manifest, verfasst im steifen Funktionärsdeutsch, wirkte angesichts der drohenden Katastrophe fast absurd: Ernte sichern, Verbrechen bekämpfen, Ordnung herstellen. Nichts davon traf den Kern. Die Pressekonferenz am Abend wurde zur Tragikomödie: Scheinwerfer waren so ausgerichtet, dass die Anzugkragen der vermeintlichen Staatsmänner tiefe Schatten warfen. Von da an nannte man sie im ganzen Land “Schwarzkragen”. Gennadi Janajew, der Anführer, verlor sich in Bemerkungen über seine Männlichkeit, statt große Worte zu finden. Die Journalisten amüsierten sich, die Angst war verflogen. Der Putsch war gescheitert, noch bevor er richtig begonnen hatte.
Gorbatschows Rolle blieb lange Gegenstand von Spekulationen. Ich glaube inzwischen, dass er eingeweiht war – möglicherweise sogar der eigentliche Urheber. Die Vorbereitung lief über Monate: Schon im April 1990, auf sein Drängen hin, war ein Gesetz über den Ausnahmezustand verabschiedet worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Kampf gegen die Parteinomenklatura und die Republiken längst andere Fronten eröffnet. Die von ihm angestoßene Verfassungsreform hatte sich zu einem Prozess entwickelt, der die Union faktisch auflöste. Der Entwurf des neuen Unionsvertrags, der in jener Woche hätte unterschrieben werden sollen, ließ dem Zentrum kaum mehr als die Armee und ein wenig Außenpolitik. Radikale Maßnahmen waren nötig, um die Sowjetunion zu retten.
Warum setzte er sich nicht selbst an die Spitze des Komitees? Die Antwort ist simpel: Er wollte in jedem Fall zu den Gewinnern gehören. Scheiterte der Plan, konnte er als befreiter Widerstandskämpfer zurückkehren. Gewann er, wäre er “genesen” und hätte den Platz wieder eingenommen, den Janajew für ihn gehütet hatte.
Doch sein Doppelspiel endete in einer Blamage. Kaum etwas in der Weltgeschichte dürfte peinlicher sein als seine Vorladung vor den Obersten Sowjet der russischen Republik. Dort stotterte er, verteidigte seine eigenen Leute – und ließ sie fallen, einen nach dem anderen. Man blicke nur auf sein Gesicht, als Jelzin ihn mitten im Satz unterbrach, um das Verbot der KPdSU zu unterzeichnen, deren Generalsekretär Gorbatschow immer noch war (Zeitcode 1:27:46 dieser Aufnahme: Meeting of Russian Republic Parliament | Video | C-SPAN.org). In diesem Augenblick wurde allen klar: Gorbi hatte sich verzockt.
Er, einst mein Idol, besaß nicht einmal die Würde, den Saal zu verlassen. Erst zwei Jahre später erklärte das Verfassungsgericht Jelzins Federstrich für unrechtmäßig.
Man könnte das alles als Komödie abtun, wäre da nicht der Preis, den Millionen Sowjetbürger zahlen mussten – und bis heute zahlen, etwa in der Ukraine. Auch Milliarden anderen Menschen wurde die Hoffnung auf eine bessere Zukunft genommen.
Ich weinte später gleich mehrfach: im Dezember 1991, im Oktober 1993, im Februar 2014. Jahre danach erfuhr ich, dass im Dezember 1991 aus demselben Grund – vielleicht gar in derselben Minute – ein Junge in Venezuela geweint hatte. Seine Tränen, meine Tränen, das Blut Hunderttausender, das Elend von Milliarden: Ich verzeihe das nie – weder Gorbatschow noch Jelzin noch dieser ganzen Clique.
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