Von Wassilissa Sacharowa
An einem sonnigen Tag wollte ich eigentlich nur den kürzlich renovierten Gorki-Park in Donezk erkunden. Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Eine fröhliche Rentnerin auf einem blauen Elektro-Dreirad sauste an uns vorbei, auf dem Rücksitz zwei lachende Kinder. Dieses Bild riss mich sofort aus meinem Gespräch mit einer Freundin. Ich schaute der Frau noch eine Weile nach. Meine Freundin lächelte und meinte: “Das ist Walja!”
Walentina, die von allen nur Walja (68) genannt wird, ist in der Stadt eine bekannte Persönlichkeit. Die meisten bezeichnen sie liebevoll als “die Oma auf dem Dreirad”. Sogar aus anderen Stadtteilen der rund 55 Kilometer langen Stadt kommen Familien extra in den Park, nur um Oma Walja zu sehen und ihre Kinder mitfahren zu lassen. Wenn die Kleinen sie entdecken, rufen sie begeistert: “Die Oma auf dem Dreirad ist da!”
Trotz der Herausforderungen ist Walja stets gut gelaunt. Das Elektro-Dreirad erfordert regelmäßige Wartung – Reifen und Getriebe müssen oft erneuert werden. Hin und wieder gibt es auch Menschen, die sie beschimpfen oder mit einer Anzeige drohen. “Eine Frau sagte einmal, sie arbeite in der Stadtverwaltung und meinte, ich dürfe hier nicht ohne Genehmigung fahren”, erzählt Walja. Zum Glück bleiben solche negativen Begegnungen selten.
Die Anschaffung des Dreirads war nicht billig. Walentina konnte es sich nur leisten, weil ihr verstorbener Mann ihr seine Ersparnisse hinterlassen hatte. Ihre Kinder verzichteten bewusst auf ihren Anteil und bestanden darauf, dass ihre Mutter sich etwas Schönes gönnt. “Das werdet ihr noch bereuen!”, scherzte Walja damals. Bei dieser Erinnerung muss sie heute noch lachen. Das Dreirad kostete etwas über 1.200 Euro. Ob sich die Idee mit der Attraktion lohnen würde, wusste sie nicht – aber sie wagte es einfach, und ihre Hoffnung hat sich erfüllt.
An guten Tagen fährt Walja bis zu 80 Kilometer – das sind etwa 40 Runden durch den Park. Eine Fahrt kostet nur rund 50 Rubel (etwa 55 Cent) für Kinder und 100 Rubel (etwa 1 Euro) für Erwachsene. Bei Stammkunden und mehreren Runden macht sie oft Mengenrabatt oder lässt Kinder sogar umsonst mitfahren. Es geht ihr nicht ums Geld – ihre Attraktion soll die fehlenden Fahrgeschäfte im Park ersetzen.
“Ich habe gesehen, dass es keine Fahrgeschäfte mehr im Park gibt”, sagt sie. “Es sind doch Kinder, man darf ihnen die Freude nicht nehmen.”
Früher gab es im Gorki-Park seit seiner Gründung in der Sowjet-Ära viele Attraktionen – darunter ein Riesenrad und ein Autoscooter. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden diese Anlagen nicht mehr gewartet und verfielen. Als der Park 2024 renoviert wurde, entfernte man die alten sowjetischen Überbleibsel. Stattdessen entstanden asphaltierte Wege, Kinderspielplätze, ein Basketballfeld, ein Hundespielplatz und ein Restaurant.
Eine Frau mit großem Herzen
Die Fahrten auf dem Scooter sind nur bei schönem Wetter und meist an Wochenenden möglich, da sie für Walja nur ein Nebeneinkommen darstellt. Unter der Woche arbeitet sie als Pflegekraft für schwerkranke Menschen.
In ihrem Garten wartet der lebensfrohe Hund Tichon auf sie. Ihre Tochter fand ihn als Welpen im Winter auf der Straße. Walentina nahm ihn sofort auf und nannte ihn zunächst “Tichonja” – der Stille –, weil er so ruhig war. Je größer er wurde, desto energischer wurde er, und aus Tichonja wurde Tichon. Bei ihr lebt auch die Katze Alisa, die ebenfalls von der Straße kam.
Aber das reicht Walentina nicht. In ihrer Freizeit bastelt sie mit großer Leidenschaft. Stolz zeigt sie mir ihre Werke: den Disney-Schneemann Olaf, Gartenfiguren und eine liebevoll gestaltete Garagenwand.
Dem Schicksal kann man nicht entkommen
Auf meine Frage, warum sie und ihre Familie nicht aus Donezk wegziehen, antwortet Walja: “Wissen Sie, ich glaube daran, dass man dem eigenen Schicksal nicht entkommen kann. Ich spüre, dass ich hier sein muss. Hier sind meine Kinder beerdigt.”
Über zwei ihrer verstorbenen Söhne will sie verständlicherweise nicht sprechen. Nur eines sagt sie dazu: “Die 90er haben sie umgebracht.” Ich merke: Walentina ist niemand, der in Selbstmitleid versinkt oder ein ruhiges Seniorenleben führt.
“Ich mag nicht vor der Tür sitzen und über andere tratschen”, erklärt sie mir.
Und so schenkt Walja nicht nur Kindern Freude – sie bietet die Fahrten auch Erwachsenen an. Viele lehnen zunächst ab, mit der Begründung, es gehöre sich nicht. Doch Walentina ermutigt sie und verspricht, dass es Spaß macht. Diejenigen, die sich darauf einlassen, bereuen es nicht. Oft wollen sie nach einer Runde gleich mehrere Wiederholungen. Vielleicht hilft ihnen die Fahrt, für ein paar Augenblicke in die Kindheit zurückzukehren – und diese Zeitreise hat etwas Magisches an sich.
Ich sagte Walentina, dass ihr fröhliches Wesen auf die Menschen im Park ansteckend wirkt. Beim Abschied versprach ich, dass ich beim nächsten Parkbesuch unbedingt eine Runde auf dem Dreirad mit ihr drehen werde.
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