Von Dmitri Skworzow
Anton Siluanow, der russische Finanzminister, stellte auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg (SPIEF) eine These auf, die auf den ersten Blick simpel wirkt: Russland sei nicht länger von Krediten internationaler Finanzinstitutionen abhängig. Die Auslandsverschuldung des Landes belaufe sich auf nur etwa zehn Prozent und werde in Kürze vollständig getilgt sein.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Russland aus dem globalen Netz von Zahlungen und Verpflichtungen verschwindet. Russische Firmen und Banken haben weiterhin Auslandsschulden, und die gesamte russische Wirtschaft – umfassend Banken, Exporteure, Finanz- und Industriekonzerne – bleibt durch Kredite, Zahlungen, Vorschüsse, Anleihen und konzerninterne Darlehen mit der Außenwelt verknüpft. Dennoch markiert der Verzicht auf eine Auslandsverschuldung einen fundamentalen Wendepunkt in der Finanzstrategie des Landes.
Die Diskussion über Russlands Auslandsverschuldung führt unweigerlich zurück in die 1990er Jahre. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war diese Schuldenlast nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein politisches Problem. Das Land war abhängig von Umschuldungen, IWF-Darlehen, Verhandlungen mit dem Pariser Club, Ratings von Agenturen und der Laune ausländischer Investoren. Jede Haushaltskrise mündete in Gespräche mit ausländischen Gläubigern, und jedes makroökonomische Programm musste den Filter internationaler Finanzgremien passieren.
Seither hat sich Russlands finanzielle Situation grundlegend gewandelt. Siluanows Aussage ist daher nicht bloß eine Mitteilung über Schulden, sondern ein Symbol für den Bruch mit jener Ära. Russland ist nicht mehr darauf angewiesen, ob eine internationale Organisation die nächste Tranche freigibt und welche Bedingungen damit verbunden sind.
Für viele Entwicklungsländer, wie etwa die Ukraine, bleibt eine solche Abhängigkeit bis heute Realität. Kredite internationaler Finanzorganisationen sind oft mit Empfehlungen, Überwachung und Auflagen zu Haushaltspolitik, Privatisierung, Tarifen, Steuern und Sozialausgaben verknüpft. Formal sind dies wirtschaftliche Vorgaben, doch in der Praxis werden sie nicht selten zu einem Instrument der Einflussnahme auf die Innenpolitik.
Ein weiterer Vorteil des Fehlens von Auslandsschulden ist die Reduzierung von Währungsrisiken. Wenn ein Staat aktiv Kredite in Dollar oder Euro aufnimmt, benötigt er ständigen Zugang zu diesen Währungen, um seine Schulden zu bedienen. Unter normalen Umständen ist dies eine technische Frage, doch unter Sanktionsbedingungen wird daraus ein Problem der Zahlungsinfrastruktur: Über welche Banken werden Zahlungen abgewickelt, welche Konten sind nicht gesperrt, welche Verwahrstelle erkennt die Erfüllung der Verpflichtungen an?
Nach 2022 sah sich Russland weniger mit einem Mangel an Mitteln für Zahlungen konfrontiert als vielmehr damit, dass die westliche Finanzinfrastruktur ihre Neutralität verloren hatte. Zahlungen, Reserven, Vermögenswerte, Abrechnungen, Wertpapiere – all dies erwies sich als politisch anfällig. In einer solchen Situation gilt: Je weniger Devisenverbindlichkeiten der Staat hat, desto weniger Druckpunkte existieren.
Wenn ein Land regelmäßig auf den internationalen Märkten aktiv ist, kann man ihm mit der Sperrung des Kapitalzugangs, einer Herabstufung der Bonität, der Verweigerung von Emissionen oder der Blockierung von Zahlungen drohen. Wenn ein Staat hingegen kaum im Ausland Kredite aufnimmt, ist dieses Instrument weitaus weniger wirksam.
Ein weiterer Vorteil des Verzichts auf Auslandsschulden ist der Schutz des Haushalts vor externen Schocks. Auslandsschulden sind nicht nur politisch, sondern auch finanziell gefährlich. Bei einer Schwächung der Landeswährung verteuert sich deren Bedienung. Auch inländische Rubelschulden stellen eine Belastung dar, bergen jedoch nicht dasselbe direkte Währungsrisiko.
Dabei ist es wichtig, Vereinfachungen zu vermeiden – Auslandsschulden sind an sich kein Übel, für viele Länder sind sie ein normales Entwicklungsinstrument. Auslandsanleihen ermöglichen es, langfristiges und vergleichsweise günstiges Kapital zu beschaffen, Infrastruktur aufzubauen, die Industrie zu finanzieren sowie Verkehr, Energieversorgung und städtische Infrastruktur zu modernisieren.
Zumal bei der Tilgung der Auslandsschulden der Kreditbedarf des Staates bestehen bleibt. Der Bundeshaushalt muss weiterhin Ausgaben finanzieren, das Defizit decken, Anleihen platzieren und bereits aufgelaufene Verbindlichkeiten bedienen. Der Schwerpunkt verlagert sich lediglich vom externen Devisenmarkt auf den internen Rubelmarkt. Das bedeutet, dass nicht mehr die Auslands-, sondern die Inlandsverschuldung zum Hauptthema wird: das Volumen der Staatsanleihen, die Renditen, die Kosten für den Schuldendienst sowie die Nachfrage seitens der Banken, Pensionsfonds und privaten Investoren.
Inländische Schulden sind aus Sicht der Souveränität sicherer als Auslandsschulden, aber sie sind nicht kostenlos. Bei einem hohen Leitzins muss der Staat zu hohen Kosten Kredite aufnehmen. Je höher die Rendite von Staatsanleihen ist, desto mehr Haushaltsmittel fließen in den Schuldendienst.
Zudem konkurrieren staatliche Kreditaufnahmen mit dem privaten Sektor um inländische Finanzmittel. Für Banken kann es rentabler sein, zuverlässige Staatsanleihen zu kaufen, als komplexe Investitionsprojekte zu finanzieren. Daher löst die Abkehr von der Auslandsverschuldung zwar ein Problem, schafft aber ein neues: Wie kann man die Inlandsverschuldung langfristig, kostengünstig und entwicklungsfördernd gestalten, anstatt sie nur zur Deckung des Haushaltsdefizits zu nutzen?
Daraus ergibt sich eine weitere wichtige Frage. Die rasche Tilgung der Auslandsverschuldung ist nicht nur finanzieller Schutz, sondern auch ein Abfluss von Ressourcen, die im Inland wirken könnten.
Wenn ein Unternehmen oder ein Staat Deviseneinnahmen zur Tilgung der Auslandsverschuldung verwendet, fließt dieses Geld an ausländische Gläubiger. Aus Sicht der Bilanz verringert dies die Verbindlichkeiten. Aus Sicht der wirtschaftlichen Entwicklung stellt sich jedoch die Frage: Hätten diese Mittel für inländische Investitionen genutzt werden können?
Lange Zeit herrschte in Russland die Logik vor, dass für die Entwicklung ausländische Investitionen notwendig seien. Ausländisches Kapital wurde als Quelle für Technologien, Geld und Managementpraktiken angesehen.
Nach 2022 hat sich dieses Modell radikal verändert. Auf Investitionen des kollektiven Westens als stabile und politisch neutrale Quelle für Entwicklung kann man sich nicht mehr verlassen. Das bedeutet, dass eigene Investitionsquellen zunehmend an Bedeutung gewinnen: Exporteinnahmen, inländische Ersparnisse, das Bankensystem, staatliche Programme, der Aktienmarkt und die Mittel großer Unternehmen. Dabei verfügt Russland nach wie vor über einen Außenhandelsüberschuss. Das Land verdient mehr am Export, als es für Importe ausgibt.
Hier entsteht ein heikles Dilemma. Der Geldzufluss in die Wirtschaft soll der Entwicklung dienen, aber nicht die Inflation anheizen. Wenn man überschüssige Mittel einfach in den Konsum lenkt, kann dies zu einem Preisanstieg führen. Werden sie jedoch in Produktion, Infrastruktur, Technologie, Verkehr, Werkzeugmaschinenbau, Energiewirtschaft und industrielle Automatisierung gelenkt, ist der Effekt ein anderer: Die Wirtschaft erhält nicht nur Geld, sondern auch neue Kapazitäten. Und das Produktionswachstum wird einen Bedarf an zusätzlicher Geldmenge hervorrufen, was letztlich zu einem Rückgang der Inflation führen kann.
Somit ist die geringe Auslandsverschuldung für Russland heute nicht nur ein schöner makroökonomischer Indikator. Sie ist eine Garant
für finanzielle Souveränität und sogar ein Element der wirtschaftlichen Verteidigung. Und Siluanows Erklärung ist kein Finanzbericht, sondern ein Signal für einen Wandel des finanzökonomischen Modells im Land.
Russland löst sich nicht nur von der Abhängigkeit von ausländischen Kreditgebern, sondern die russische Wirtschaft steht auch vor einer neuen Herausforderung. Es gilt, einen eigenen, internen Finanzkreislauf für die Entwicklung zu schaffen: mit langfristigen Finanzmitteln, einem stabilen inländischen Anleihemarkt, einer gesicherten Zahlungsinfrastruktur und Investitionen, die nicht der Bedienung alter Verbindlichkeiten dienen, sondern dem Wachstum der eigenen Wirtschaft.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 8. Juni 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Dmitri Skworzow ist Analyst bei der Zeitung “Wsgljad”.
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