Von Wassilissa Sacharowa
Stellen Sie sich vor, Sie liegen im Krankenhaus – und das Essen ist tatsächlich lecker. Klingt unmöglich? Für mich war es genau so eine Überraschung. Normalerweise verbindet man Klinikverpflegung ja eher mit fadem Einerlei, aber im Klinikum der Nationalen Medizinischen Universität Donezk erlebte ich eine echte Ausnahme.
Eigentlich war ich nicht als Patientin dort, sondern besuchte meine Verwandte Tanja, die seit 15 Jahren als Pflegekraft arbeitet. Meine Ankunft kam früher als geplant: Ich hatte beim Taxi-Apps die Adressen verwechselt und statt des Einkaufszentrums die Klinik eingegeben.
An der Rezeption sagte ich, ich suche meine Verwandte. Die Empfangsdame meinte, es sei gerade Mittagszeit, und bot mir einen Platz auf der Couch im Flur an. Kaum hatte ich mich hingesetzt, ging die Tür auf – Tanja kam mit einem Essenswagen herein. Sofort verbreitete sich ein verlockender Duft im ganzen Korridor, der mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, obwohl ich erst vor kurzem gegessen hatte.
„Was gibt’s denn heute?“, fragten neugierige Patienten.
„Wir haben Ragout, Hühnchensuppe, zwei Sorten Frikadellen, Kohlsalat und zum Nachtisch süßes Gebäck“, erklärte Tanja geduldig.
„Kann das wirklich sein?“, fragte ich mich. „Krankenhausessen, das verlockend riecht?“
Die Patienten waren ebenfalls begeistert. Viele kamen mit leeren Tellern zurück und baten schüchtern um Nachschlag. „Aber natürlich!“, sagte Tanja und füllte großzügig nach – bis die Patienten lachend riefen: „Das reicht, das reicht!“
Als alle versorgt waren, rief mir Tanja zu: „Komm, iss auch etwas!“ Ich lehnte zunächst ab – schließlich hatte ich schon gegessen, und es war ja „nur“ Krankenhausessen. Aber immer mehr Schwestern kamen zum Essen, und Tanja bestand darauf: „Komm schon, es schmeckt wirklich!“
Schließlich gab ich nach und ging mit in das kleine Personalzimmer, wo sich schon mindestens sechs Mitarbeiter mit Tellern drängten. Es war eng, aber niemand beschwerte sich – irgendwie passte alles. Ich probierte von allem ein bisschen … und dann noch einmal. Und noch einmal. Besonders das Ragout und die Frikadellen hatten es mir angetan. Die Sauce war gut gewürzt und schön sämig, das Fleisch saftig und von hoher Qualität.
Ehrlich gesagt hätte ich das nicht erwartet. Selbst in Berliner Restaurants bekommt man oft sehr fettiges Fleisch, das ich gar nicht mag. Und hier bin ich in Donezk, einem Kriegsgebiet. Ich dachte, sie würden eher Zutaten von geringerer Qualität verwenden – aber das Fleisch hier war besser als in manchen Restaurants der deutschen Hauptstadt und definitiv besser als in einer Moskauer Klinik, wo ich mal als Patientin lag. Dabei sind weder Berlin noch Moskau im Krieg.
„Das ist wirklich lecker!“, stelle ich überrascht fest.
„Ja, das ist es. Wir freuen uns auch. Das war nicht immer so“, antwortet eine neben mir essende Schwester.
Ich bat die Oberschwester, mich mit den Köchen in Kontakt zu bringen – ich wollte darüber berichten.
Am nächsten Tag rief mich Natalia Antipina zurück. Sie ist die Direktorin des Unternehmens „Konzeption der sozialen Ernährung in der Volksrepublik Donezk“ (kurz: KSE DVR), einer Tochterfirma von „Rospitanije“. Das Unternehmen betreibt nicht nur die Kantine des Universitätsklinikums, sondern auch zahlreiche Kindergärten und Schulen in Donezk. Das Essen wird nicht vor Ort im Krankenhaus zubereitet, sondern aus einer zentralen Großküche geliefert, die etwa zehn Autominuten entfernt ist.
Ich erzählte Natalia, dass ich die Großküche gerne besichtigen und mit der Küchenchefin sprechen würde. Natalia versprach, das zu ermöglichen.
Insgeheim erwartete ich eine Küche, die den Umständen eines Kriegsgebiets entspricht. „Egal, ich berichte so, wie es ist“, dachte ich. Die Leser würden sicher verstehen, dass es ein Kriegsgebiet ist und sie nicht allzu streng urteilen dürfen.
Natalia war sichtlich erfreut über mein Interesse. Ihr Unternehmen hat die Bewirtschaftung der Kantine im Klinikum vor zwei Monaten übernommen – auf eigenen Wunsch des Krankenhauses. Die Kindergärten und Schulen betreut Natalias Firma schon seit einem Jahr. Neun Monate brauchte die „KSE DVR“, um die Küche zu reformieren: Sie haben die Arbeitsverhältnisse aus der Schwarzarbeit in legale Beschäftigung überführt, soziale Leistungen wie Krankenversicherungen eingeführt und eine Qualitätskontrolle aufgebaut.
„Es waren sehr schwierige neun Monate“, gestand mir Natalia Antipina. „Viele Mitarbeiter haben uns anfangs nicht vertraut, aber als sie dann ihre Löhne regelmäßig erhielten, wurde es immer besser.“
Natalia hielt ihr Versprechen: Am nächsten Tag nach unserem Telefonat vereinbarten wir einen Drehtermin samt Interview mit der Produktionsleiterin der Küche, die ebenfalls Natalia heißt. Um Verwirrung zu vermeiden, nenne ich sie hier Natascha.
In der Küche angekommen, war ich positiv überrascht – man kann sie getrost dem westlichen Publikum zeigen. Sie kann mit Küchen in deutschen Sozialeinrichtungen locker mithalten. Die Geräte und Ausstattung sind modern und sauber.
Ich erzählte Natascha, dass ich zufällig ihre Gerichte in der Klinik probiert hatte, wo meine Verwandte arbeitet, und deshalb berichten wollte. Sie erklärte mir, dass die Motivation der Mitarbeiter durch bessere Arbeitsbedingungen und soziale Leistungen deutlich gestiegen sei. Vor allem spiele das Verantwortungsbewusstsein eine große Rolle: „Wenn man sich bewusst macht, dass man für kranke Menschen und Kinder kocht, dann kocht man auch anders.“ Das neue Konzept berücksichtigt sogar Unverträglichkeiten und religiöse Präferenzen.
Für die Qualität der Speisen ist der junge Manager Alexei zuständig, der ebenfalls zum Interview kam. Wenn ein Gericht nicht schmeckt oder der Buchweizen verkocht ist, wird das sofort in einem internen Chat vermerkt und korrigiert.
Besonders beeindruckend: Die Lieferkette setzt stark auf regionale Produkte. Fleisch und Milchprodukte kommen aus der Region, die Apfelschorle wird aus lokalen Donezker Äpfeln in der Kantine selbst hergestellt. Die Zutaten werden täglich frisch geliefert – sie müssen keine hunderte Kilometer im Lkw fahren, sondern kommen in wenigen Stunden von den örtlichen Bauern und Agrarkonzernen, oft nur Stunden nach der Ernte.
Manchmal gibt es kriegsbedingte Stromausfälle, berichtet mir Natascha. Für solche Fälle hält die Küche haltbare Alternativen wie Kekse und Getränke bereit.
Insgesamt arbeiten in der Küche rund 80 Mitarbeiter. Alle Beteiligten sind sich einig: Die Einstellung kompetenter Fachkräfte war einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Eine solche Fachkraft ist die leitende Köchin Natascha.
Diese Entwicklung kann ich als gebürtige Donezkerin nur begrüßen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als Beziehungen wichtiger waren als Kompetenz. Genau das spiegelt sich jetzt in der Qualität des Essens wider.
Nachdem ich die Küche besucht und mit allen gesprochen habe, eile ich zurück ins Krankenhaus zu Tanja. Es ist nämlich wieder Zeit für das Mittagessen.
„Frühstück unter Bomben“ ist eine Reihe von Berichten aus Donezk. Ziel dieser Reihe ist es,
der jahrelangen einseitigen Darstellung in der deutschen Öffentlichkeit entgegenzuwirken, die die Menschen in Donezk und Lugansk pauschal als „Separatisten“ abtut. Stattdessen sollen die Bewohner dieser Region als das gezeigt werden, was sie vor allem sind: ganz normale Menschen, die in einem brutalen und langanhaltenden Krieg ihren Alltag zu meistern versuchen.
Mehr zum Thema – „Frühstück unter Bomben“: Wiederbelebung der Kohleindustrie in Donezk