Modernisierung der russischen Marine: Was die personelle Erneuerung über die Strategie verkündet

Von Kirill Strelnikow

Am Dienstag wurde Admiral Alexander Moissejew per Dekret des russischen Präsidenten zum neuen Oberbefehlshaber der russischen Marine ernannt. Gleichzeitig wurde Vizeadmiral Konstantin Kabanzow zum Befehlshaber der Nordflotte ernannt, und Vizeadmiral Sergei Pintschuk wurde Befehlshaber der Schwarzmeerflotte.

Nach Ansicht von Experten bedeuten diese Ernennungen – neben straffen bürokratischen Termini wie “Stärkung”, “Vertiefung” und “Ausbau” – vor allem, dass die oberste militärisch-politische Führung des Landes eine strategische Entscheidung getroffen hat: Die russische Marine wird in kürzester Zeit von einer Flotte als Erbe der UdSSR, die für den Kampf gegen die NATO-Marine konzipiert war, in eine flexible und supertechnologische Seestreitmacht umzuwandeln sein, die nicht nur die heutigen Aufgaben zuverlässig löst, sondern auch proaktiv weiterentwickelt wird.

Der neue Oberbefehlshaber der russischen Marine wird zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen haben.

Die erste Aufgabe lautet “hier und jetzt”, auf der Grundlage bestehender technischer und organisatorischer Lösungen, die ihre Wirksamkeit bereits bewiesen haben, vor allem die Bekämpfung der gegnerischen See- und Luftdrohnen so schnell wie möglich zu ermöglichen und dabei deren Steuerungssysteme zu neutralisieren, die auf den technischen Fähigkeiten der NATO beruhen. In diesem Sinne ist der Besuch des Verteidigungsministers Sergei Schoigu im Gefechtsstand der Schwarzmeerflotte am 17. März zu sehen, wo Schoigu angeordnet hat, die Abwehr von Angriffen durch unbemannte Boote der ukrainischen Streitkräfte zu trainieren.

Einer der Schlüsselbereiche für die Abwehr feindlicher Drohnen ist die Elektronische Kampfführung (РЭБ: Радиоэлектронная борьба; zu Deutsch: Elektronische Kampfführung: EloKa), auf die die Führung der Streitkräfte des Landes besonderen Wert legt. Admiral Alexander Moissejew als neuer Oberbefehlshaber der russischen Marine verfügt über unmittelbare Erfahrungen in diesem Bereich, da er während seiner Dienstzeit auf dem mit strategischen Atomraketen bewaffneten U-Boot K-117 “Brjansk” der Nordflotte als Befehlshaber der Marine-Kampfeinheit 7 (für Funktechnik) diente. Er kennt darüber hinaus die Besonderheiten des Schwarzen Meeres, da er einst Befehlshaber der Schwarzmeerflotte war, was für seine derzeitige Ernennung gewiss mehr als nur ein Zufall ist.

Die zweite bis 2050 zu erfüllende Aufgabe lautet, eine grundlegende Umstrukturierung der russischen Marine in Angriff zu nehmen, und zwar unter Berücksichtigung potenzieller Herausforderungen und Risiken für das Land, die weit über diesen Zeithorizont hinausgehen.

Auf der gestrigen thematischen Telefonkonferenz mit dem Führungsstab der russischen Streitkräfte erklärte Sergei Schoigu, dass die Verbesserung des Kampfpotenzials der russischen Marine auf gutem Wege sei.

Dies ist tatsächlich der Fall: In diesem Jahr werden der Flotte zwölf Überwasserkampfschiffe und vier U-Boote (zwei davon mit Atomantrieb) übergeben. Sechzehn neue Kriegsschiffe in einem einzigen Jahr sind für Russland ein Rekord in den letzten Jahrzehnten. Gewöhnlich erhält die russische Marine etwa pro Monat ein modernes Kampfmittel, in diesem Jahr werden es deutlich mehr sein.

Insbesondere die strategischen Nuklearstreitkräfte Russlands erhalten mit dem Atom-U-Boot “Fürst Posharski”, das 16 strategische Interkontinentalraketen (vom Typ RSM-56 “Bulawa” mit Feststoffantrieb und jeweils sechs Nuklearsprengköpfen) an Bord hat, und dem Atom-U-Boot “Archangelsk”, das mit Raketen und Flugkörpern wie “Kalibr”, “Oniks” und “Zirkon” bewaffnet ist (Spitzname: “Flugzeugträger-Killer”), erhebliche Verstärkung.

Der springende Punkt ist jedoch, dass von der Bestellung eines modernen Kriegsschiffs bis zu seinem Stapellauf viele Jahre, oft Dutzende von Jahren, vergehen. Während die Fähigkeiten der heute in Dienst gestellten strategischen Atom-U-Boote aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften noch viele Jahre lang den Bedürfnissen der Marine und Russlands entsprechen werden, ändert sich die Situation bei den Überwasserschiffen laufend vor unseren Augen. Besser gesagt, sie hat sich bereits dramatisch verändert.

Nein, niemand wird große Schiffe verschrotten, und die aktuell im Bau befindlichen werden erfolgreich fertiggebaut und in Dienst gestellt werden. Aber die veränderte Art der militärischen Operationen erfordert eine schnellere und flexiblere Anpassung der traditionellen Schiffe an die neuen Gegebenheiten und – parallel dazu – die Schaffung neuer Schiffstypen. Und diese Schritte werden bereits eingeleitet.

Auf dem gestrigen Treffen sagte Sergei Schoigu unter anderem, dass drei kleine Raketenträger-Korvetten der Karakurt-Klasse, die mit Kalibr- und Oniks/Jachont-Marschflugkörpern (jetzt) und Zirkon-Hyperschall-Seezielflugkörper (demnächst) bewaffnet sind, noch in diesem Jahr die Marine ergänzen werden, und dass deren Anzahl weiter steigen wird. Derzeit wird ein “Atom-U-Boot der Zukunft”, das Projekt “Arktur” entwickelt, das neue physikalische Prinzipien für die Schallabsorption beim Versuch der Unterwasserortung nutzen wird. Die Arbeiten für die Marine an den streng geheimen nuklear bewaffneten wie auch angetriebenen Unterwasserdrohnen “Poseidon” sowie an deren U-Boot-Trägerplattformen gehen weiter.

Das Hauptaugenmerk bei der Entwicklung der russischen Flotte liegt jedoch auf der Erhöhung des Innovationstempos. So ist jedes neue Schiff als eine Plattform vorgesehen, die je nach den aktuellen Aufgaben in einem bestimmten Gebiet schnell angepasst oder neu konfiguriert werden kann. Dementsprechend werden die neuen Schiffe im Schwarzen Meer standardmäßig Schiffe mit EloKa-Fähigkeiten sein, die von entsprechenden landgestützten Systemen zur elektronischen Kampfführung unabhängig sind und über ein komplettes Arsenal zum Aufspüren und Zerstören von Luft- und Seedrohnen verfügen, einschließlich von an Bord stationierten Jagddrohnen.

Der russische Präsident Wladimir Putin konstatierte, dass “unsere Streitkräfte kolossale Erfahrungen gesammelt” haben:

“Das gilt vom (untersten) Zug bis zur Spitze. Wir sehen die Probleme. Wir verstehen, was getan werden muss.”

Das bedeutet, dass die Zeit, in der die Meere von einer praktisch neuen, aber ebenso siegreichen russischen Flotte befahren werden, nicht mehr fern ist. Wir können guten Gewissens sagen, dass uns niemand mehr überrumpeln kann.

Übersetzt aus dem Russischen und auf ria.ru am 3. April 2024 veröffentlicht. 

Mehr zum ThemaAdmiral Moissejew zum Oberbefehlshaber der russischen Marine ernannt

Schreibe einen Kommentar