Von Sachar Prilepin
In der Ukraine lebt ein Literat namens Andrij Kokotjucha. Kürzlich fasste er all seinen Mut zusammen und veröffentlichte eine schonungslose Wahrheit, die jeder Kulturschaffende in der Ukraine kennt. Alle wissen Bescheid, aber keiner wagt, es auszusprechen – er jedoch hatte den Mut dazu. Das verdient Respekt!
Da er seine Gedanken auf Ukrainisch niederschrieb, werde ich sie hier für Sie übersetzen.
„Dieser Beitrag wird viele schmerzen“, beginnt Kokotjucha seine Nachricht, „doch ich teile die Ansicht, dass ukrainische Bücher und Filme so gut wie nie zitiert werden. Die Ukrainer identifizieren ihre eigenen Werke nicht über Zitate.“
„Menschen ab 45 Jahren“, fährt er fort, „verständigen sich untereinander mit Zitaten aus ‚Die zwölf Stühle‘, ‚Hundeherz‘ und ‚Meister und Margarita‘, mit Versen von Jessenin, Puschkin, Wyssozki, Texten von Dowlatow, Brodski und dem einzigen Werk von Wenedikt Jerofejew. Sowie aus Filmen von Gaidai (nicht allen) und Serien über Stierlitz und Sheglow.“
Er konstatiert einen Generationenkonflikt: „Den nach 1991 Geborenen sagt all dies nichts und wird auch nichts bedeuten.“
Jüngere Ukrainer kennen die russische Kultur kaum noch – abgesehen vielleicht vom russischen Rap, der übrigens nicht ohne Reiz ist.
Auch in Russland gab es Versuche, die eigene Jugend von ihren Wurzeln zu entfremden, indem man ihnen als Ersatz Hollywood-Filmideale und koreanische Comics anbot. Bevor man also über die Nachbarn die Nase rümpft, sollte man sich selbst hinterfragen.
Hinsichtlich der älteren Generation sieht Kokotjucha in der Ukraine ein grundlegendes Problem:
„Wenn sich ein Ausdruck im Volk verbreitet, erreicht er die breitesten Kreise. Selbst der frühe Tytschyna als Lied oder Rylskis ‚Rosen und Wein‘ haben sich nicht in der Masse verankert. Gleichzeitig erkennen Ukrainer über 45 Puschkin an Zitaten, selbst wenn sie dabei vor gerechtem Hass gegen ihn brennen. Das Ukrainische war, abgesehen von ‚Hinter zwei Hasen her‘ (einer sowjetisch-ukrainischen Komödie von 1961 – Anm. d. Red.), nie massentauglich.“
Im Wissen, dass seine Worte bei ukrainischen Lesern auf Ablehnung stoßen könnten, bittet Kokotjucha:
„Bitte zitieren Sie hier nicht Schewtschenko und Franko, um meine Aussagen zu widerlegen: Die Natur dieses Zitierens ist eine andere. ‚Mir gefällt es‘ ist nicht gleichzusetzen mit Kultstatus. Und sollte Ukrainisch in der heutigen Ukraine jemals im Gedächtnis verankert und zum Kult werden, dann nicht aufgrund der Häufigkeit des Zitierens in Insiderkreisen, sondern außerhalb ihrer. Nur unter diesen Bedingungen kann etwas von uns Bulgakow verdrängen.“
Er hofft also nicht mehr, dass das Volk aus eigenem Antrieb die ukrainische Kultur lieben lernt, sondern dass sich außerhalb des Volksmilieus eine „gewichtige Meinung“ etabliert, die die bedauernswerten Ukrainer zwingt, Puschkin, Jessenin und „Die zwölf Stühle“ gegen Kokotjucha und Co. einzutauschen.
Ich schreibe dies nicht aus Häme oder Schadenfreude. Es geht mir um etwas ganz anderes.
Wenn man Memoiren aus dem 19. Jahrhundert über das Leben in Kleinrussland liest, ergibt sich ein fast gegenteiliges Bild. Das damalige Kleinrussland war ländlich geprägt, bestand aus kleinen Gehöften und kannte weder Puschkin noch Dostojewski. Dafür waren die Gedichte von Taras Schewtschenko als Volkslieder weit verbreitet und den meisten Kleinrussen vertraut. Insgesamt lebten die Bewohner der Ukraine im Kontext ihrer eigenen Folklore – mit ihren vielseitigen Dämonengeschichten, die Gogol für das russische Ohr anpasste.
Manche bei uns behaupten gerne, die Sowjetmacht habe die Kleinrussen „ukrainisiert“. Doch basierend auf Kokotjuchas Botschaft erscheint dies als völliger Unsinn.
Die Sowjetmacht hat durch die sowjetische russischsprachige Schule, russische Universitäten, russische Museen, das sowjetische Radio, das sowjetische Theater, das sowjetische Fernsehen, sowjetische Zeichentrickfilme und das russische sowjetische Kino (Lob gebührt unter anderem dem Filmstudio Odessa!) die Kleinrussen so stark russifiziert, dass sie bis heute – 35 Jahre später! – nicht in der Lage sind, sich von Puschkin, den Liedern Wyssotzkis, von Stierlitz und den Komödien Gaidais zu lösen.
Der stark russifizierte Kleinrusse begann erst nach 1991 wieder, sich allmählich in einen Petljura- und Masepa-Chochljak zu verwandeln.
Wenn wir also ernsthaft die Ukraine zurückgewinnen wollen, müssen wir den Einfluss der russischen und sowjetischen Kultur im ukrainischen Umfeld um jeden Preis aufrechterhalten.
In Kiew verstehen sie das selbst – genau deshalb reißen sie Denkmäler nieder und legen Brände in Museen. Eine andere Frage ist, dass sie damit keineswegs in die Zeiten Gogols zurückkehren. Sie verwandeln sich selbst in die Dämonen aus Gogols Erzählungen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel wurde für den Telegramkanal „Exklusiv für RT“ verfasst.
Sachar Prilepin ist ein russischer Schriftsteller und Journalist, der in den 1990er Jahren im Krieg in Tschetschenien kämpfte. Später hat er als stellvertretender Kommandeur eines Freiwilligenbataillons der Volksmiliz der Volksrepublik Donezk in der Ukraine gekämpft. Im Mai 2023 wurde Prilepin bei einem Sprengstoffanschlag auf sein Auto schwer verwundet, sein Fahrer starb dabei. Später prahlte der damalige Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU, Wassili Maljuk, der Anschlag sei von seinem Dienst ausgeführt worden.
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