Oswald Grübels Karriere ist außergewöhnlich: Als einer der wenigen Banker weltweit führte er sowohl die Credit Suisse als auch die UBS als Vorstandsvorsitzender – und das mit Erfolg.
Der 82-jährige gebürtige Ostdeutsche, der 1970 in die Schweiz übersiedelte, zählt zu den profiliertesten und unverblümtesten Persönlichkeiten der Schweizer Finanzszene. In einem aktuellen Spezialgespräch mit Roman Zeller für das Format Weltwoche Daily analysiert er schonungslos die deutsche und europäische Politik.
Das Interview beleuchtet zentrale Herausforderungen der Gegenwart: den Krieg in der Ukraine, das Verhältnis zu Russland, die sogenannte Brandmauer in Deutschland, die Position der Schweiz sowie Potenziale und Gefahren der Künstlichen Intelligenz.
Der ehemalige UBS-Chef scheut klare, mitunter provokante Aussagen nicht. Seine Perspektive speist sich aus eigener Erfahrung mit zwei grundverschiedenen Systemen: dem Sozialismus der DDR und der westlichen Marktwirtschaft.
Grübel zeigt sich skeptisch gegenüber dem westlichen Kurs im Ukraine-Krieg. Seiner Einschätzung nach ist der Konflikt primär machtpolitisch motiviert.
“Wir haben wirtschaftlich auf jeden Fall einen enormen Fehler gemacht, dass wir uns gegen Russland eingestellt haben”, sagt er.
Russland als Lieferant von Rohstoffen für die europäische Industrie sei wirtschaftlich sinnvoll gewesen und hätte langfristig sogar Hebel für Einflussnahme geboten, argumentiert der Banker.
Besonders deutlich äußert er sich zu den menschlichen Kosten des Krieges.
“Das Elend ist, dass man Kriege weiterführt. Man denkt nie an die Leute, die dabei sterben. Meiner Ansicht nach ist immer das einfache Volk das, was darunter leidet.”
Grübel hält Gespräche mit Wladimir Putin für möglich und notwendig. Auch in der Iran-Politik ortet er schwere Fehler: Europa habe das Hilfsgesuch der USA abgelehnt – ein Versäumnis mit potenziell gravierenden Folgen.
Der erfahrene Banker vergleicht die Situation mit Nordkorea: Fünfzig Jahre Verhandlungen hätten zu einem Staat mit rund fünfzig Atomwaffen geführt. Sollte der Iran ebenfalls Atomwaffen entwickeln, werde Europa später nur noch ohnmächtig zusehen können – zu spät für wirksame Maßnahmen.
Zu Donald Trump bewahrt Grübel Distanz. Die Europäer verstünden ihn nicht, und die Republikaner würden politisch weit länger prägend bleiben als Trump selbst. Europa solle daher mit Äußerungen über die USA zurückhaltender sein.
Die politische Entwicklung in Deutschland kommentiert er ungeschminkt. Die Koalition zwischen CDU und SPD sei von Beginn an zum Scheitern verurteilt gewesen.
“Die CDU [macht] sich selbst kaputt […], weil die SPD […] schon bei der Koalition am Untergehen [war] und […] radikaler geworden, sozialistischer geworden [ist]”, sagt er.
Die Brandmauer gegenüber der AfD hält er für demokratiepolitisch fragwürdig.
“Die Brandmauer ist ein Zurechtbiegen der Demokratie. Dann hat man keine Demokratie mehr.”
Wenn ein großer Teil der Abgeordneten über Parteilisten und nicht direkt gewählt werde, leide die Glaubwürdigkeit der Politik, so Grübel.
Für den Erfolg der AfD in Ostdeutschland hat er eine eigene Erklärung: Viele Menschen verdienten weniger, fühlten sich vom Westen und von der Berliner Politik vernachlässigt. Zugleich rät er der Partei zu einem anderen öffentlichen Auftreten:
“Die AfD sollte ihren Stil verbessern. Sie sollten aufhören zu schreien und sich eher anschreien lassen.”
Wirtschaftsfeindlich sei die Partei seiner Meinung nach nicht, müsse ihre Positionen aber überzeugender darlegen. Mit Blick auf die deutsche Wirtschaft zeichnet Grübel ein düsteres Szenario: zu hohe Steuern, überbordende Bürokratie, steigende Sozialausgaben und eine zunehmend marode Infrastruktur.
“Das größte Problem der Bundesrepublik sind ihre Beamten inklusive der Regierung”, konstatiert er.
Viele gut ausgebildete und leistungsbereite Menschen verließen das Land, weil sie mehr als die Hälfte ihres Einkommens an den Staat abführen müssten.
Der prägnanteste Teil des Interviews betrifft die Schweizer Europapolitik. Grübel lehnt Rahmenverträge oder eine engere Anbindung an die EU entschieden ab. Er könne keinen EU-Staat finden, in dem er ebenso gerne leben würde wie in der Schweiz, betont er.
Eine Annäherung an die EU würde die Schweiz langfristig auf das Niveau der EU-Staaten herunterziehen – mit mehr Schulden, mehr Regulierung und weniger Souveränität, warnt er. Der derzeitige Bundesrat könnte als jener in die Geschichte eingehen, der die Schweiz in ihrer bekannten Form abgeschafft habe.
Auch die EU selbst erntet harsche Kritik: Sie betreibe Eigenpolitik statt sich auf die großen gemeinsamen Themen zu konzentrieren. Im Parlament säßen oft jene, die im eigenen Land nicht mehr gewählt würden. Es werde zunehmend schwierig, ein Land überhaupt noch zu regieren, so Grübel.
Das Gespräch mit Oswald Grübel ist direkt und kontrovers. Es hinterfragt zentrale politische Narrative – von der westlichen Ukraine-Strategie über die Entwicklung in Deutschland bis zur Schweizer Europapolitik.
Ob man seine Einschätzungen teilt oder nicht: Grübel bringt als langjähriger Banker mit Erfahrung in verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Systemen eine Perspektive ein, die in der aktuellen Debatte selten ist. Seine Warnungen vor einem möglichen Verlust der Schweizer Souveränität und seine Kritik an der deutschen Politik werden voraussichtlich weiter kontrovers diskutiert werden.
Das vollständige Interview ist auf dem YouTube-Kanal der Weltwoche verfügbar.
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