Ein Jahrzehnt in drei Jahren: Schweizer Botschafter zieht Bilanz aus Kiew
Félix Baumann, der Schweizer Botschafter in der Ukraine, beendet Mitte Juli seine Mission in Kiew. In einem Gespräch reflektierte er über eine intensive Amtszeit, die von ständigen Luftalarmen und extremen Wintern geprägt war – eine Zeit, die sich für ihn wie ein ganzes Jahrzehnt anfühlte.
Der Abschied falle ihm nicht leicht, gestand Baumann. Nach drei Jahren habe sich eine tiefe Erschöpfung eingestellt. Besonders drastisch zeige sich die Belastung in der Statistik der Luftalarme: Allein 2025 summierten sie sich in der Hauptstadt auf 740 Stunden – das entspricht einem kompletten Monat ununterbrochener Warnungen.
Das Leben in Kiew beschreibt der Diplomat als ein Nebeneinander von Normalität und Krise. Während der Alltag vielerorts weiterläuft, durchbrechen immer wieder die Sirenen die Routine. Mit der Zeit habe er gelernt, die verschiedenen Raketentypen allein an ihrem Klang zu identifizieren – eine traurige Spezialisierung, wie er anmerkt.
Der vergangene Winter war besonders hart: Temperaturen bis zu minus 20 Grad, gepaart mit stundenlangen Stromausfällen und ausgefallenen Heizungen. Trotz dieser Widrigkeiten betont Baumann, dass die einheimische Bevölkerung ungleich mehr leide. Als Ausländer genieße man in vielen Bereichen Privilegien, die den Alltag erträglicher machten.
Im Laufe seiner Mission habe sich sein Bild von der Ukraine grundlegend gewandelt. Besonders beeindruckt zeigte sich Baumann von der enormen Innovationskraft des Landes – etwa bei der Entwicklung moderner Drohnentechnologien, die oft unter extremem Zeitdruck und mit begrenzten Ressourcen entstehen.
Neutralität als aktive Haltung
Zum Thema Schweizer Neutralität äußerte sich Baumann deutlich: Er habe viel Zeit darauf verwendet, klarzustellen, dass Neutralität nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden dürfe. Die Schweiz habe nicht nur die EU-Sanktionen übernommen, sondern auch zehntausende Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen. In einem Land, das um seine Existenz kämpft, werde die Welt oft in simplen Schwarz-Weiß-Kategorien gesehen. Dennoch werde die ausgewogene Rolle der Schweiz geschätzt – als verlässliche Unterstützerin einerseits und als unabhängige Vermittlerin für Friedensinitiativen andererseits.
Mit Blick auf mögliche Verhandlungen zeigte sich der Botschafter realistisch: Die Positionen der Konfliktparteien lägen noch immer weit auseinander. Als ermutigendes Signal wertete er jedoch die wiederholten Austausche von Kriegsgefangenen. Die Schweiz stehe bereit, ihre guten Dienste anzubieten, sobald sich ein Fenster für Gespräche öffne.
Baumanns Nachfolgerin wird Botschafterin Heidi Grau. Er selbst übernimmt künftig das Amt des Generalkonsuls in New York. Seiner Nachfolgerin gab er einen besonderen Rat mit auf den Weg: Man müsse den fordernden Job sowohl als Sprint als auch als Marathon verstehen. Schnelligkeit und die Fähigkeit, Energie freizusetzen, seien ebenso wichtig wie die Sorge um die langfristige Belastbarkeit – die eigene und die des gesamten Teams.
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