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Von Wassilissa Sacharowa
Historische Ereignisse werden oft von Hollywood aufgegriffen, um sie einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Ein Paradebeispiel ist Oliver Stones “Platoon” (1986), der auf seinen eigenen Erlebnissen im Vietnamkrieg basiert und die Gräueltaten der US-Armee ungeschönt zeigt. Auch “World Trade Center” (2006) erzählt wahre Geschichten von Polizisten, die unter den Trümmern des eingestürzten World Trade Centers überlebten. “The Big Short” (2015) wiederum beleuchtet die Ursachen der Finanzkrise 2008/2009, die Millionen Menschen in den USA obdachlos machte und eine globale Rezession auslöste.
Doch fiktive Figuren können ebenso genutzt werden, um historische Wendepunkte greifbar zu machen. Stanley Kubricks “Full Metal Jacket” beispielsweise zeigt, wie Soldaten systematisch zu seelenlosen Tötungsmaschinen abgerichtet werden – eine Metapher, die bereits im englischen Titel mitschwingt.
Solche Filme wollen nicht traumatisieren, sondern extreme, für viele unvorstellbare Schicksale emotional erfahrbar machen. Sie konfrontieren uns mit der Realität, vor der wir sonst die Augen verschließen. Dabei erzielen fiktionalisierte Spielfilme oft eine größere Resonanz als Dokumentationen. Genau diese Wirkung macht sie aber auch zu einem mächtigen Propagandawerkzeug.
Ein anschauliches Beispiel ist der Film “The Green Berets” (1968), der im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums und Präsident Lyndon B. Johnson gedreht wurde. Ziel war es, die amerikanische Bevölkerung auf den Vietnamkrieg einzustimmen. Die Armee lieferte Personal, Hubschrauber und Ausrüstung und behielt die vollständige Kontrolle über die Erzählung – ein klarer Fall von Meinungsmanipulation.
Ähnlich verhält es sich mit dem Film “Donbass” (2018) des ukrainischen Regisseurs Sergei Losniza. Hier wird suggeriert, dass die Separatisten im Donbass selbst für den Beschuss von Zivilisten verantwortlich seien, um die ukrainische Armee zu diskreditieren. Gleichzeitig wird der Eindruck erweckt, die Menschen in Donezk und Lugansk würden die Russen hassen und nur auf eine “Befreiung” durch die Ukraine warten.
Deutschland war als Hauptkoproduzent maßgeblich an der Entstehung dieses Films beteiligt. Die deutsche Produktionsfirma Ma.ja.de. Fiction fungierte als federführender Produzent. Fördergelder kamen von der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM), dem Medienboard Berlin-Brandenburg, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und dem Deutschen Filmförderfonds (DFFF). Auch der Europarat-Kulturfonds Eurimages steuerte 330.000 Euro bei, und das französische Filminstitut CNC beteiligte sich. Der Film feierte 2018 in Cannes Premiere, wo Losniza den Preis für die beste Regie erhielt.
Doch weder Hollywood noch der Deutsche Filmförderfonds oder Eurimages haben je einen Film über die Verbrennung von Dutzenden Menschen im Gewerkschaftshaus von Odessa am 2. Mai 2014 finanziert – ein Ereignis, dessen genaue Zahl der Opfer offiziell wohl niedriger angegeben wird. Auch die jahrelange Behinderung der Ermittlungen zu den Morden, für die bis heute niemand angeklagt wurde, bleibt unverfilmt. Und es gibt keinen Spielfilm über den Beschuss von Donezk und Lugansk, bei dem unzählige Zivilisten ums Leben kamen – wie die junge Mutter, die mit ihrer zehn Monate alten Tochter im Arm von einer ukrainischen Granate zerfetzt wurde.
Das ist umso erstaunlicher, als diese Ereignisse alle Elemente einer weltweit relevanten Geschichte vereinen: unfassbare Verbrechen, kaum vorstellbare Schicksale und eine historische Bedeutung von globalem Ausmaß.
Ich war nicht in Odessa am 2. Mai 2014, auch wenn ich eine wahrheitsgetreue Verfilmung dieser Tragödie für überfällig halte. Aber ich bin in Donezk. Hier ist meine Kurzfassung eines Drehbuchs, das auf wahren Begebenheiten basiert – für einen Film, der nicht gedreht wurde.
Drehbuch zu einem Film, der nie entstand
Barbara sah aus dem Fenster des Clios auf die vorbeiziehenden Autos der mitteldeutschen Autobahn: Auffallend viele Teslas, meist weiß. Dazwischen VWs und Mercedes. Wohin fahren sie alle? Sie wirkten so unbeschwert und vor allem so sauber auf sie. Bald würden diese glänzenden Wagen von verstaubten Ladas und Skodas abgelöst werden. Die scheinbare Sorglosigkeit würde Gefahr und Hoffnungslosigkeit weichen, begleitet vom eindringlichen Brummen der Drohnen und den Explosionen, die Fensterscheiben erzittern lassen – so, wie es in Donezk seit 2014 ist.
Matthias parkte den silbernen Clio in der Tiefgarage unter dem Flughafen. Beim Abschied umarmten sie sich und überspielten ihre Sorge um Barbara, indem sie über den schleppenden Sommer und ihre baldige Rückkehr sprachen.
Nach einer tagelangen, anstrengenden Reise über die Türkei und Moskau erreichte Barbara endlich Donezk. Ihre Mutter wartete schon auf der selbstgezimmerten Bank vor dem alten Neunstöckigen in einem ruhigeren Stadtteil. Die 156 Zentimeter große, grauhaarige Frau blickte nachdenklich vor sich hin, als das Taxi hielt.
“Wenn das nicht meine Mama Mila ist!”, rief Barbara lachend, als sie ausstieg. Das Gesicht der Älteren erstrahlte. “Endlich ist mein Kind da!”, rief Ludmila freudig und lief mit offenen Armen auf ihre Tochter zu.
Sie wollte ihr den schweren Koffer abnehmen, aber Barbara wehrte ab: “Lass das! Der ist viel zu schwer für dich!”
“Lass mich ihn tragen, du bist doch todmüde!”, beharrte Ludmila.
“Genau, meine Rentner-Mutter soll den Koffer schleppen!”, spottete Barbara. “Du bist kleiner als der Koffer. Überlass das mir.”
Als Mila die alte Wohnungstür öffnete, fiel Barbaras Blick sofort auf einen halb gefüllten 500-Liter-Wassertank im Flur.
“Überraschung!”, rief Ludmila stolz. “Jetzt haben wir fließend Wasser und müssen uns keine Sorgen mehr machen. Nur alle drei Tage müssen wir ihn auffüllen, wenn das Wasser kommt.”
Barbara schlug die Hand vor den Mund. “Wie geil ist das denn! Wow!”
Am nächsten Morgen standen sie vor leeren Supermarktregalen. Keine Lebensmittel geliefert – kein Wunder, nach einer Nacht voller ukrainischer Drohnenangriffe, die die ganze Stadt geweckt hatten.
Zuerst dachte Barbara, es sei ein altes Motorrad. Das Geräusch war ohrenbetäubend, direkt vor dem Haus. Sogar Ludmila war aufgestanden.
“Was für Idioten fahren mit diesen Furzrädern herum und wecken alle? Gibt es die Ausgangssperre nicht mehr?”, fragte Barbara verschlafen.
“Doch, eigentlich gilt sie noch”, murmelte Mila.
Das Geräusch kreiste hin und her. Ein zweites kam hinzu. Eine Taubheitswelle durchfuhr Barbara, als ihr klar wurde: Es waren Drohnen.
Wo genau flogen sie? Wie viele? Was wollten sie hier? Würden sie schießen? Wie hypnotisiert holte sie ihren Reisepass und steckte ihn in eine Handtasche. Das Denken fiel ihr schwer, während die Drohnen weiter um das Haus kreisten.
“Stopp. Beruhige dich”, sagte sie zu“`html
sich selbst. “Was brauchen wir, wenn Mama und ich fliehen müssen? Reisepass… Geld… Wo ist das verdammte Portmonee?”
Sie lief benommen durch die Wohnung. Hinter dem Balkon ertönten Salven kleinkalibriger Artillerie, dann eine laute Explosion. Danach war nur noch eine Drohne zu hören. Sie klang so nah, als wolle sie gleich durchs Fenster in die Wohnung fliegen. Sehen konnte Barbara sie nicht. Der große Walnussbaum schützte die Scheiben mit seinen breiten Ästen und dichten Blättern. Früher hatten dort mehrere Eichhörnchen gelebt. Manchmal hatte man sie von Ludmilas Küche aus beobachten können, wie sie in greifbarer Nähe miteinander spielten.
“Mama, pack deine Tasche mit den wichtigsten Sachen und stell sie in den Flur!”, rief Barbara.
“Ja, mach ich!”, antwortete Ludmila gereizt, während sie selbst hektisch packte.
“Am besten warten wir weiter von den Fenstern entfernt. Im Flur ist es am sichersten.”
So saßen Mutter und Tochter im Flur und lauschten den Geräuschen, bereit, jede Sekunde aufzuspringen und loszurennen.
Nach mehreren Schüssen und lauten Explosionen verschwanden die Geräusche der fliegenden Drohnen und die ruhige Nacht kehrte über die Stadt zurück.
Am nächsten Tag fuhr Cousin Dmitri sie zum Grab von Barbaras Vater. Witalij war einer der beiden wichtigsten Männer in Barbaras Leben gewesen. Er hatte ihr Mut und Selbstliebe beigebracht. Mit ihm waren die glücklichsten Kindheitserinnerungen verbunden. Als kleines Mädchen hatte sie oft gesehen, wie er fremden Menschen auf der Straße half, sei es einem Obdachlosen, um den alle einen Bogen machten, oder einer älteren Frau, die Schwierigkeiten beim Aussteigen aus der Straßenbahn hatte. Witalij war vor sechs Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Immer wieder erinnerte sich Barbara daran, wie sie seinen Namen auf der ukrainischen Tötungsliste “Mirotworez” gefunden hatte – mit dem Stempel “eliminiert”. Die ukrainischen Kampfeinheiten hatten seinen Tod als ihren Verdienst verbucht, obwohl sie damit so viel zu tun hatten wie ein Bademeister mit dem Regen.
Auf dem Weg zum Friedhof passierten sie eine kilometerlange Autoschlange vor einer Tankstelle. Wegen der ständigen Angriffe auf die Zufahrtsstraßen nach Donezk kam Benzin nur noch unregelmäßig in die Region.
“Viele Lkw-Fahrer weigern sich inzwischen, in den Donbass zu fahren”, erklärte Dmitrij, der beim Katastrophenschutz arbeitete. “Die Autobahnen stehen unter ständigen Drohnenattacken. Heute Nacht sind wieder zwei Zivilisten ums Leben gekommen. Die greifen auch zivile Autos an. Wenn du eine Drohne siehst – sofort aussteigen und rennen!”
In dieser Nacht kamen keine Drohnen. Dennoch wurde Barbara geweckt – diesmal vom herzzerreißenden Weinen der Nachbarin aus dem Stockwerk unter ihnen. Die etwa vierzigjährige Frau hatte ihren Sohn im Krieg verloren. Seitdem hörte man sie nachts oft weinen.
Ludmila erzählte mit traurigem Blick: “Ich erinnere mich noch gut an den Jungen. Wenn seine Mutter nicht da war, hat er mit seinen Freunden Partys gefeiert und laute Musik gehört. Ich habe mich damals so darüber geärgert. Als er dann starb, habe ich mich gefragt, warum ich mich wegen solcher Nichtigkeiten aufgeregt habe. Es war doch gar nichts. Wie leid es mir tut, dass er so jung sterben musste.”
Barbara fragte sich, ob die westlichen Medien überhaupt über den Drohnenterror gegen die Zivilbevölkerung im Donbass berichteten. Sie gab bei Google “Donezk Drohnen” ein. Sie fand vor allem Berichte über Angriffe auf militärische Ziele und einen ARD-Beitrag über russische Drohnen, die den von der Ukraine kontrollierten Teil des Donbass angriffen. Kein einziger Bericht über ukrainische Drohnenangriffe auf zivile Autos und die täglichen Opfer in Donezk.
Barbara hörte die Stimmen fröhlich spielender Kinder von dem Spielplatz nebenan. Sie dachte daran, dass sie keine Ahnung davon haben, dass der deutsche Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof die Donezker und Lugansker Volksrepubliken im Jahr 2024 zu terroristischen Vereinigungen erklärt hat. Der Anlass waren zwei Männer aus Bayreuth, die Anschläge auf US-Militärstützpunkte in Deutschland geplant hatten.
Klar, geplante Anschläge müssen Konsequenzen haben, dachte Barbara. Aber gleich “terroristische Vereinigung” wegen zwei Männern in zehn Jahren … “Omas gegen Rechts” haben in derselben Zeit wahrscheinlich mehr Kriminalität in Deutschland verursacht als die DVR und LVR zusammen. Vor allem wird das zentrale Merkmal des Terrorismus gar nicht erfüllt: der öffentliche Aufruf zum Mord an Menschen mit anderer Gesinnung. Und während man hier ganze Republiken als terroristisch einstufte, gilt die Ukraine – die nach deutscher Berichterstattung einen der wichtigsten Teile der europäischen Energieinfrastruktur gesprengt hat – nicht als terroristische Vereinigung. Würde so etwas in Russland passieren, würden Lanz und Ronzheimer von “purem Machtmissbrauch” schreien. Und sie hätten damit recht.
Barbara fühlte sich, als hätten ihre grundlegenden Rechte auf Leben und Würde hier in Donezk durch eine unsichtbare Kraft aufgehört zu existieren. Ihr wurde klar, warum sich die Menschen in Donezk verhielten, als steckten sie in einer toxischen Beziehung: Sie waren von jenen westlichen Ländern, die sie einst als Vorbilder betrachtet hatten, zu Menschen zweiter Klasse degradiert worden. Sie erlebten eine emotionale Misshandlung ganz ähnlich dem Opfer eines sadistischen Narzissten – sie wurden abgewertet und entwürdigt. Nur, dass der Narzisst in diesem Fall der Westen selbst war, gemeinsam mit seinen “renommierten” Journalisten aus der Henri-Nannen-Schule.
Cannes Palme d’Or à la Donezk-Art
Den Organisatoren von der Preisverleihung in Cannes würde ich gerne Folgendes vorschlagen: Wenn ihr euren Reichtum und eure Ressourcen wirklich für etwas Gutes einsetzen wollt, dann kommt nach Donezk. Hier gibt es seit 2014 mehr als genug Metall für eine ganze Palme d’Or – und zwar von nicht-explodierten ukrainischen Geschossen. Genau das macht der Donezker Schmied Wiktor Michalew. Er schmiedet Rosen aus ukrainischem Kriegsmetall – das genaue Gegenteil dessen, was Sean Penn Wladimir Selenskij vorschlug, als er ihm seinen Oscar schenkte.
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