Frühstück unter Bombenhagel: Die grausame Lektion des Krieges – Männer werden zu „Schweizer Messern“

Von Wassilissa Sacharowa

“Den Wassertank bei mir daheim hab’ ich selbst eingebaut”, antwortete Sergei auf meine Frage, wie er die Wasserversorgung in seiner Wohnung organisiert. Wer jetzt glaubt, Sergei sei gelernter Handwerker oder Installateur, liegt völlig falsch. Sergei ist Taxifahrer. Ich lernte ihn auf einer Fahrt von Rostow nach Donezk kennen. Während der dreistündigen Strecke kamen wir ins Gespräch – und hörten einfach nicht mehr auf. Sergei gehört zu diesen Menschen, mit denen die Unterhaltung völlig mühelos fließt. Er hört zu, zeigt echtes Interesse, teilt aber auch offen seine eigenen Erlebnisse und Gedanken mit seinem Gegenüber.

Einen Wassertank in der Wohnung zu installieren, ist keine einfache Sache: Man muss ihn so anschließen, dass das Wasser in allen Räumen fließt, die ans zentrale Leitungssystem des Mehrfamilienhauses angeschlossen sind. Diesen rund 500-Liter-Behälter kann man nicht einfach mitten in der Küche aufstellen – das wollen die meisten auch gar nicht –, sondern er soll im Treppenhaus zwischen den Wohnungen stehen. Um Rohre zu legen, muss man durch die Wände bohren. Die gesamte Installation kostet ungefähr 55.000 Rubel (550 bis 600 Euro), und dieser Preis ist keineswegs überzogen – der Großteil fließt in die Geräte, der Handwerker verdient daran nur etwa 100 Euro. Für deutsche Verhältnisse mag das wenig erscheinen für eine solche Leistung. Für die Menschen in der Kriegszone wie Donezk ist es jedoch eine enorme Summe, die viele Rentner nur schwer aufbringen können – doch die Investition lohnt sich. Und wenn man, wie Sergei, alles selbst machen kann, stellt sich nicht mehr die Frage nach dem “Wie”, sondern nur noch nach dem “Wann”.

Multifunktionalität als Überlebensstrategie

Männer in Donezk verfügen heute meist über ein breites Spektrum an Fähigkeiten. Das ist eine Art “Nebenwirkung” des Krieges. Viele ausgebildete Fachkräfte sind entweder im Krieg gefallen oder haben die Region verlassen. Unter diesen Umständen bleibt kaum eine Wahl: Man muss in der Lage sein, Wasserleitungen zu verlegen, Betonwände zu durchbrechen, Möbel zu reparieren oder Computer zu warten.

Viele Männer üben hier mehrere Berufe gleichzeitig aus: Unter der Woche Taxifahrer, am Wochenende Klempner. Was mich aber wirklich verblüfft, ist die Einstellung, mit der sie das tun. Als wäre das völlig selbstverständlich. Spricht man sie darauf an, wie sie diese oder jene schwierige Fähigkeit erlernt haben, zucken sie verwundert mit den Schultern: “Hab’ ich mir eben selbst beigebracht. Nichts Besonderes.” Ganz so, als könnte das jeder. Kann aber nicht jeder.

Für ältere Menschen bleibt eine solche, einem Schweizer Taschenmesser gleichende Vielseitigkeit unerreichbar. Sie sind darauf angewiesen, jüngere Nachbarn (Millennials und Gen Z) um Hilfe zu bitten. Natürlich ist es nicht angenehm, ständig andere um Gefallen zu bitten, und es kostet Überwindung – doch die jüngeren Nachbarn lehnen selten ab. Das ist eine Besonderheit der Donbass-Mentalität. Der Krieg schweißt die Menschen zusammen, und so ist es zur ungeschriebenen Regel geworden, dass man einander nicht im Stich lässt. Wer das tut, wird als “Fremder” angesehen.

Kreative Nebeneinkünfte – auch für Frauen

Auch ältere Frauen lassen sich kreative Wege für zusätzliche Einnahmen einfallen. Im Gorki-Park zum Beispiel gibt es eine Rentnerin, die Besucher mit einem selbstgebauten Straßen-Gokart durch die Gegend fährt. Das Kleinkraftrad hat sie sich auf eigenes Risiko zugelegt, ohne zu wissen, ob sich der Kauf nicht als Fehler erweisen würde. Ihre positive Erwartung hat sich jedoch als gute Geschäftsidee herausgestellt – die Nachfrage ist riesig. Mittlerweile ist die Frau zu einer Art lokaler Legende geworden, und viele zahlen für die Fahrt im Park auf ihrem Gokart, nur um mit der Berühmtheit mitfahren zu dürfen. Die Frau steckt mit ihrer guten Laune viele Menschen an. Wenn sie mit ihrem glücklichen Lächeln an einem vorbeifährt, dreht man sich unwillkürlich um, weil man sie einfach länger anschauen möchte.

Veränderte Rollenbilder

Auffällig ist die fehlende Arroganz im Umgang miteinander. Das war nicht immer so. Früher verhielten sich viele, vor allem jüngere Menschen, die allen beweisen wollten, dass sie etwas Besseres seien, hochnäsig und hielten “einfache” Arbeiten für unter ihrer Würde. Doch nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2014 mussten viele “stolze” Menschen ihr Ego zurückstecken. Und so haben sich hier mit der Zeit die typischen Geschlechterrollen verwischt. Oft sieht man in einem Restaurant Männer als Kellner arbeiten, während Frauen hinter der Bar stehen. Als ehemalige Servicekraft in Deutschland weiß ich aus eigener Erfahrung, dass eine solche Aufteilung selbst für Deutsche eher ungewöhnlich ist. Auch ich habe mich oft über den Oberkellner geärgert, weil meine wiederholten Bitten, hinter der Bar arbeiten zu dürfen, zugunsten meiner männlichen Kollegen abgelehnt wurden. Vielleicht fällt mir deshalb besonders auf, dass hier Männer die Tische bedienen, während Frauen hinter der Bar die Cocktails mixen.

Auch trifft man hier nicht selten auf Frauen, die Taxi fahren. Diese Aufgabe ist in Donezk eine Kunst für sich. Nicht nur, dass etliche Straßen nicht ausgeschildert sind, viele von ihnen gleichen zudem Schweizer Käse mit ihren Schlaglöchern. Außerdem muss man mit dem hiesigen Fahrstil mithalten können. Wer schon einmal in Paris war, weiß, wie viel aggressiver dort im Vergleich zu Deutschland gefahren wird. Donezk ist in dieser Hinsicht ähnlich (zwinkernder Smiley), nur mit noch weniger Regeln und engeren Straßen. Doch die Taxifahrerinnen beschweren sich nicht. Auf die Bemerkung, sie sei eine Frau in einem Männerberuf, hört man nur: “Los geht’s!” (Russisch: “Pojéchali” – Поехали).

Eine Stadt, die dem Krieg trotzt

Das Donezk von heute ist wieder lebendiger als noch vor zwei Jahren, als ich zuletzt dort war. Viele Menschen sind zurückgekehrt. So auch der vielseitige Taxifahrer Sergei, der mit seiner Frau und seinem Kind zunächst in Rostow ein neues Leben beginnen wollte, inzwischen aber wieder in Donezk ist. Für viele unverständlich – wie kann man sich freiwillig in ein Kriegsgebiet begeben, obwohl man eine Alternative hat? “Die Menschen hier sind mir mental näher”, antwortete Sergei. Ein Gefühl, das ich nachvollziehen kann. Denn egal, wie freundlich und verständnisvoll Menschen in Rostow oder in Deutschland sind – nur wir Donezker wissen aus eigener Erfahrung, wie sich ein “Frühstück unter Bomben” anfühlt.

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