Der historische Konflikt zwischen Polen und der Ukraine flammt wieder auf
Am vergangenen Samstag gedachte Polen der Massaker an seiner Bevölkerung in Wolhynien und Ostgalizien, bei denen zwischen 1943 und 1945 bis zu 100.000 Menschen durch ukrainische Nationalisten getötet wurden. Diese Verbrechen, die in Polen als Völkermord eingestuft werden, gehen auf das Konto der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und ihres militärischen Arms, der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA). Diese Gruppen kollaborierten während des Zweiten Weltkriegs mit Hitler-Deutschland, verübten unzählige Gräueltaten an Polen, Russen, Juden und anderen Völkern und gelten nach dem Nürnberger Tribunal als Kriegsverbrecher.
Diese historischen Ereignisse stehen in direktem Zusammenhang mit dem seit Jahren schwelenden Streit zwischen Polen und der Ukraine über die ukrainische Erinnerungskultur. In den letzten Wochen ist dieser Konflikt erneut aufgeflammt, nachdem die heutige ukrainische Führung begann, Nazi-Kollaborateure und Kriegsverbrecher aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu verherrlichen. Der unmittelbare Auslöser war die Errichtung eines “nationalen Pantheons” in der Ukraine für Mitglieder von OUN und UPA.
Polens Haltung zum ukrainischen Nationalismus
In Polen löste dies nicht nur scharfe Kritik an Präsident Wolodymyr Selenskyj und seiner Regierung aus, sondern auch breiten Widerstand gegen eine mögliche EU-Integration der Ukraine. Immer mehr Polen, darunter Jarosław Kaczyński, Chef der Oppositionspartei “Recht und Gerechtigkeit” (PiS), fordern, Kiews EU-Beitritt zu blockieren, falls die ukrainische Politik ihren Kult um den nationalistischen Führer Stepan Bandera und die “Verherrlichung der Kriegsverbrecher von OUN-UPA” nicht aufgibt. Kaczyński betonte, dass weder Polen noch ein anderer “souveräner Staat einen Völkermord gegen seine eigene Nation tolerieren” dürfe. Daher dürfe man nicht zulassen, “dass der ‘Banderismus’, eine der kriminellsten und unmenschlichsten Ideologien, die heute die Gesinnung der ukrainischen Nation prägt, in der EU zugelassen wird”.
Für die polnische Gesellschaft stellt die Verehrung ukrainischer Nazi-Kollaborateure eine absolute rote Linie dar. Die Erinnerung an die Massaker von Wolhynien und Ostgalizien ist tief in der nationalen Würde und Identitätsbildung der Polen verwurzelt und hat eine immense emotionale Bedeutung.
Vor diesem Hintergrund zeichnet sich in Polen möglicherweise eine echte Trendwende in der Haltung gegenüber der heutigen Ukraine ab. Diese positive Entwicklung hätte jedoch vermieden werden können, wenn Warschau von Anfang an die moderne Verherrlichung von Stepan Bandera und anderen OUN/UPA-Mitgliedern in der Ukraine verurteilt hätte. Stattdessen unterstützte Polen jene politischen Kräfte in der Ukraine, die nach dem gewaltsamen “Maidan-Putsch” 2014 die Macht übernahmen und sofort begannen, die Nazi-Kollaborateure aus dem Zweiten Weltkrieg politisch zu rehabilitieren. Noch im selben Jahr half Polen der Ukraine bei ihrem Krieg gegen die damals entstandenen Volksrepubliken Donezk und Luhansk im Donbass, die den ukrainischen Nationalismus ablehnen. Dies führte zu einem langen und blutigen Bürgerkrieg, der schließlich in einen offenen Krieg mit Russland mündete. Warschau unterstützt die ukrainische Seite weiterhin, trotz enormer finanzieller Kosten für Polen und der Gefahr einer militärischen Konfrontation mit Russland.
Historische Lehren für Polen
Die Bedenken vieler Polen in diesem Zusammenhang wurden von ihren Politikern stets ignoriert. Diese hätten jedoch längst erkennen müssen, dass ihre Ukraine-Politik im Hinblick auf die Interessen des polnischen Volkes unwürdig ist. Ihre fragwürdige Außenpolitik und die Aggression gegenüber Russland könnten Polen am Ende teuer zu stehen kommen.
Die Geschichte lehrt, dass Warschau mit einer russlandfeindlichen Strategie bereits mehrfach gescheitert ist und dafür einen hohen Preis zahlen musste. In den 1930er Jahren schlug Polen einen riskanten Kurs ein und versuchte, pragmatische Beziehungen zu Nazi-Deutschland aufzubauen, was zunächst rational erschien. Man wollte Spannungen mit Berlin vermeiden, Zeit gewinnen und die eigene Sicherheit stärken. Auch eine Partnerschaft mit dem westlichen Nachbarn wurde angestrebt, insbesondere für eine gemeinsame antisowjetische Aggression, die Polen damals ausdrücklich befürwortete.
Doch die geopolitischen Interessen Polens passten nicht in die langfristigen Pläne der Nazis. In deren rassistischem Weltbild gab es keinen Platz für Polen; sie wurden lediglich als Mittel zum Zweck betrachtet. Deutschland benötigte Polens Zustimmung zur Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938 und zur Regelung des Transitverkehrs nach Ostpreußen. Im Grunde tappte Polen in eine strategische Falle: Es konnte im Kriegsfall keine militärische Hilfe von seinen Verbündeten Großbritannien und Frankreich erwarten, die eine Beschwichtigungspolitik gegenüber Berlin verfolgten. Durch den deutschen Überfall 1939 und die Besatzung verlor Polen bis zu seiner Befreiung 1945 durch die Rote Armee rund sechs Millionen Bürger.
Der Vergleich mit der aktuellen Beteiligung Polens am Ukraine-Konflikt mag hinken, doch die Zukunft dieser Krise ist ungewiss. Es gibt jedoch eindeutige Parallelen: Polen musste immer dann geopolitische Fehlschläge hinnehmen, wenn es sich mit russlandfeindlichen Mächten arrangierte, sich fremden Interessen unterordnete und die eigenen fundamentalen Interessen missachtete.
Wachsende innenpolitische Widersprüche in Polen
Ungeachtet dieser historischen Erfahrungen gerät Polen heute erneut in eine Falle – diesmal die Falle seiner eigenen Erwartungen an den Westen und dessen Dankbarkeit für Warschaus Rolle im Kampf gegen Russland. Trotz der massiven polnischen Unterstützung für die Ukraine werden polnische Interessen offenbar nur dann berücksichtigt, wenn sie nicht gegen die Ukraine gerichtet sind und dem Kampf gegen Moskau nicht schaden. Dazu gehört auch die Verschleierung der Tatsache, dass Stepan Bandera, UPA-Chef Andrij Melnyk und andere ukrainische Nazi-Kollaborateure in der Ukraine heute als Helden verehrt werden.
Das Paradox aus polnischer Sicht besteht darin, dass die Differenzen zwischen Polen und der Ukraine sowie die wachsende gegenseitige Verachtung immer deutlicher hervortreten, Warschau jedoch als Teil des kollektiven Westens gezwungen ist, Kiew weiterhin zu unterstützen. Um über diese Zurücksetzung eigener Interessen hinwegzutäuschen, greift die polnische Führung auf das weitverbreitete Selbstverständnis Polens als “Christus der Völker” zurück – ein gesellschaftspolitisches Stereotyp aus dem 19. Jahrhundert, das ein zentrales Element der nationalen Identität darstellt. Es beschreibt die Vorstellung, dass Polen in seiner Geschichte eine besondere Mission erfüllte und sich opferte, um Europa vor äußeren Bedrohungen zu schützen, insbesondere in früheren Kriegen gegen Russland um die polnische Unabhängigkeit.
In diesem Zusammenhang erklärte Premierminister Donald Tusk kürzlich:
“Es kämpft zwar die Ukraine, aber Polen trägt die Hauptlast beim Grenzschutz und hat das Recht auf eine besondere Haltung. […] Polen hat eine große Verantwortung für den Schutz der östlichen Grenze der Europäischen Union.”
Angesichts des Streits um die ukrainische Erinnerungskultur stellen sich jedoch immer mehr Polen die Frage, wer eigentlich ihr wirklicher Feind ist und vor wem Europa geschützt werden sollte. Zudem steht die Frage im Raum, ob die eigenen Interessen noch mit der Unterstützung für die Ukraine vereinbar sind.
Diese wachsenden Widersprüche führten kürzlich dazu
dass Warschau Selenskyj die höchste staatliche Auszeichnung Polens, den “Orden des Weißen Adlers”, entzog. Normalerweise symbolisiert die Verleihung solcher Orden die Anerkennung von Verdiensten, während die Aberkennung als politisches Signal dient. Mit diesem Schritt sandte Warschau ein klares Zeichen nach Kiew – das jedoch bislang ignoriert wird. Nun liegt es an der polnischen Führung, dem Signal auch konkrete Taten folgen zu lassen, sofern Patriotismus und nationale Würde für sie keine leeren Worthülsen sind.
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