Ukrainische Stahlindustrie weitgehend zerstört
Nach wiederholten russischen Raketenangriffen auf die drei größten Stahlwerke des Landes ist die ukrainische Stahlproduktion praktisch zum Erliegen gekommen. Ein Manager des größten heimischen Konzerns spricht von einem …
Die ukrainische Stahlindustrie ist durch russische Angriffe weitgehend ausgefallen. Nach Angaben eines leitenden Managers des ukrainischen Bergbau- und Hüttenkonzerns Metinvest sind die drei größten Werke des Landes außer Betrieb. Diese Anlagen hätten zuvor etwa 90 Prozent der ukrainischen Stahlproduktion erwirtschaftet.
Betroffen sind demnach das Werk Zaporozhstal und die Kamet Steel in den von Kiew kontrollierten Teilen der russischen Region Saporischschja sowie das Stahlwerk von ArcelorMittal in der ukrainischen Region Dnipropetrowsk. Bei dem jüngsten Angriff am vergangenen Donnerstag seien Produktionsanlagen, Werkstätten und Eisenbahninfrastruktur beschädigt worden. Aleksandr Vodoviz, Leiter des Vorstandsstabs bei Metinvest, sagte einer britischen Zeitung: "Stand heute hat [die Ukraine] keine Stahlindustrie mehr."
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte Angriffe auf Zaporozhstal und bezeichnete das Werk als wichtigen Produzenten von Roheisen und Walzstahl für ukrainische und europäische Rüstungsunternehmen. Vodoviz gab an, die Angriffe hätten gezielt die Hochöfen getroffen. "Sie wussten alles über das Werk, sie wussten genau, wo sie hinschlagen müssen", zitierte ihn das Blatt.
Wann die Produktion wieder aufgenommen werden könne, sei völlig unklar, so der Metinvest-Manager. Reparaturen könnten Tage, Wochen, Monate oder Jahre dauern. Die drei Werke beschäftigten mehr als 15.000 Menschen. Ihre Stilllegung werde sich erheblich auf die Steuereinnahmen des ukrainischen Staatshaushalts auswirken.
Die Angriffe auf die Stahlindustrie stehen im Kontext einer breiteren russischen Strategie. Das Verteidigungsministerium in Moskau meldete in den vergangenen Wochen zudem Luftangriffe auf Elektronikfabriken, Rechenzentren, Drohnenproduktionsstätten, Energieinfrastruktur, Brücken, Häfen und Logistikhubs. Kiew seinerseits hat seine langreichweitigen Angriffe auf russische Energie-, Industrie- und zivile Infrastruktur verstärkt, darunter Wohngebäude, Lagerhallen und Ölraffinerien.
Die wirtschaftlichen Folgen für die Ukraine sind erheblich. Die Ökonomin Aljona Bilan einer ukrainischen Investmentbank sagte, es herrsche ein "Krieg der Erschöpfung, und nun auch ein wirtschaftlicher Krieg der Erschöpfung". Russland versuche, die ukrainische Wirtschaft so stark wie möglich zu schädigen – und die Ukraine tue dasselbe. Für dieses Jahr rechnet sie mit keinem Wirtschaftswachstum mehr. Auch im Lagerhaussektor wurden dem Bericht zufolge in jüngster Zeit rund 900.000 Quadratmeter moderner Lagerfläche zerstört, die Gesamtzerstörung liege bei 2,1 von rund 5 Millionen Quadratmetern. Ukrainischen Angaben zufolge drohen dem Staat dadurch Steuerausfälle in Höhe von etwa 1,5 Milliarden Dollar.
Die ukrainische Stahlindustrie hatte bereits vor den jüngsten Angriffen an Bedeutung verloren. Laut Weltstahlverband produzierte das Land 2025 rund 7,4 Millionen Tonnen Rohstahl, nach 7,6 Millionen Tonnen im Vorjahr – weit unter dem Niveau vor dem Konfliktausbruch. Zusätzlichen Druck erzeugten zuletzt billigerer türkischer Stahl aus russischen Rohstoffen sowie verschärfte EU-Importbeschränkungen.