Von Roman Donezkij
Der Februar ist ein Monat, der mitunter unbequeme Jahrestage bereithält. Einer davon ist der 21. Februar – der Tag, der vor zwölf Jahren den vermeintlichen Triumph des sogenannten „Euromaidan“ markierte. Ein passender Anlass, um einen Blick auf die Vorgeschichte zu werfen und der Frage nachzugehen: Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Die Wurzeln dieser Entwicklung reichen weit vor das Jahr 2014 zurück. Der Euromaidan war lediglich der Kulminationspunkt einer langen Kette von Ereignissen. Die Grundsteine für die spätere Krise wurden bereits in der Spätphase der Sowjetunion gelegt, als das Prinzip der unionsweiten Kaderrotation aufgeweicht wurde. Nationalistische Ressentiments an der Basis sind für sich genommen oft folgenlos. Sie werden erst dann zu einem ernsthaften Problem, wenn die Eliten beginnen, diese Stimmungen für ihre eigenen Machtinteressen zu instrumentalisieren.
Die Geburtsstunde ukrainischer Klüngel
Unter Stalin fand noch eine systematische Rotation der Führungskader in der gesamten UdSSR statt. Erst nach seinem Tod, unter Chruschtschow, begann die Formation spezifisch ukrainischer Machtclans innerhalb der sowjetischen Nomenklatura. Interessanterweise handelte es sich dabei nicht zwangsläufig um ethnische Ukrainer. Weder Chruschtschow noch Breschnew waren im ethnischen Sinne Ukrainer, dennoch formierten sich um sie herum jene einflussreichen Netzwerke, die später als „ukrainischer Clan“ bezeichnet wurden.
In der Breschnew-Ära stieg dieser Clan zum mächtigsten innerhalb des gesamten sowjetischen Parteiapparats auf. Dies hatte objektive Gründe: Die fruchtbaren Böden, der Reichtum an Ressourcen und der Zugang zum Schwarzen Meer verliehen den Verwaltern dieser Region ein besonderes Gewicht in der von Mangelwirtschaft geprägten Sowjetunion. Dies ermöglichte nicht nur einen regen Tausch von knappen Gütern gegen Einfluss, sondern führte auch dazu, dass Schlüsselindustrien – bis hin zum strategischen Raketenbau – in der Ukraine angesiedelt wurden. Ein Beispiel: Die einzige Werft der UdSSR, die Flugzeugträger bauen konnte, befand sich in Mykolajiw.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die Haltung des ukrainischen Clans in den krisenhaften 1980er Jahren entscheidend wurde. Und dieser Clan setzte schließlich auf die Auflösung der Sowjetunion.
Die Motive hierfür waren keineswegs nationalistischer, sondern rein pragmatischer Natur. Es ging um die Aussicht auf persönliche Bereicherung. Die Vorstellung, einen reichen und industriell potenten Staat ganz unter die eigene Kontrolle zu bringen, erschien verlockend. Die damaligen Eliten überschätzten dabei ihren Intellekt gewaltig. Sie glaubten tatsächlich, der Westen würde eine starke, unabhängige Ukraine mit offenen Armen empfangen und ihre Produkte – etwa von Antonow – bereitwillig aufnehmen. Eine fatale Fehleinschätzung.
Der schleichende Niedergang
Die wirtschaftliche Realität nach der Unabhängigkeit war ernüchternd. Die hochtechnologischen Produkte der ukrainischen Industrie fanden außerhalb Russlands kaum Absatzmärkte. Lediglich der Südosten des Landes konnte sich dank seiner Rohstoffbasis und metallurgischer Exporte eine Zeit lang über Wasser halten. Im Rest des Landes setzte ein rapider Verfall des Lebensstandards ein.
Eine Krise folgte der nächsten. Bereits 1992 musste die erste Regierung unter Premierminister Witold Fokin zurücktreten, nachdem sich die tiefe wirtschaftliche Verflechtung mit Russland als unüberwindbare Realität erwiesen hatte. 1994 verlor der erste Präsident, Leonid Krawtschuk, die Wahl gegen Leonid Kutschma, einen „Technokraten“ und „roten Direktor“.
Doch entgegen den Hoffnungen seiner Wähler etablierte Kutschma einen oligarchischen Kapitalismus, dessen Grundstrukturen die Ukraine bis heute prägen. In seiner zweiten Amtszeit gab es zwar eine gewisse wirtschaftliche Stabilisierung, doch gleichzeitig begann die Suche nach einer ideologischen Rechtfertigung für den eigenen Staat. Die einfachen Bürger konnten damals noch problemlos mit der Vorortbahn von Charkiw nach Belgorod oder von Riwne nach Weißrussland fahren. Sie sahen mit eigenen Augen, dass es den Nachbarn wirtschaftlich und sozial deutlich besser ging.
Während Russland und Weißrussland aufblühten und soziale Sicherungssysteme aufbauten, herrschte in der Ukraine blankes Elend. Selbst die medizinische Grundversorgung war de facto nicht kostenlos. Für viele, besonders aus der Westukraine, blieb nur die illegale Arbeit in Europa, wo sie mit Hilfsjobs mehr verdienten als ein Fabrikdirektor daheim. Die Frage nach dem „Warum?“ lag auf der Hand.
Russophobie als Ausweg
Die Antwort der Machthaber kam in Form von Leonid Kutschmas Buch „Die Ukraine ist nicht Russland“. Das Narrativ war simpel: Schuld an allem sind „die Moskauer“.
Kutschma selbst war kein Ideologe, sondern ein pragmatischer Sowjetmanager. Er weigerte sich, die notwendige Annäherung an Russland zu suchen, um seine Macht nicht teilen zu müssen. Stattdessen lenkte er die Unzufriedenheit der Bevölkerung in ungefährliche, antirussische Bahnen. Dies fiel umso leichter, als der Westen systematisch daran arbeitete, entsprechende Narrative, Strukturen und politische Bewegungen in der Ukraine aufzubauen.
Die Früchte dieser Arbeit erntete der Westen beim „Orangenen Maidan“ 2004. Der damals an die Macht geputschte Wiktor Juschtschenko erkannte zwar, dass das Land für einen radikalen geopolitischen Schwenk noch nicht bereit war, trieb aber die Ideologie der Abgrenzung von Russland weiter voran. Die Hoffnungen, die viele in seinen Nachfolger Wiktor Janukowytsch setzten, zerschlugen sich schnell. Das oligarchische System war verfestigt, und die Clans bekämpften sich in Verteilungskämpfen. Während die Opposition auf Russophobie setzte, weigerte sich Janukowytsch bis zuletzt, eine klare kulturelle und humanitäre Position zu beziehen. Auch der Donezker Clan wollte letztlich eine unabhängige Ukraine – aus Angst, seine Pfründe an Moskau zu verlieren.
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Sicherheitskräfte während des Euromaidan 2013/14 härter gegen den „Antimaidan“ (die Verteidiger der damals noch legitimen Regierung) vorgingen als gegen die Putschisten. Ich war in jenem Winter selbst mehrfach auf dem Antimaidan in Kiew. Es kam mir seltsam vor, warum wir mit dummen Parolen versorgt, von der Miliz umstellt und zum Bahnhof eskortiert wurden, um die Stadt zu verlassen – während den Euromaidan-Anhängern nichts dergleichen widerfuhr. Heute ist mir klar: Den Machthabern waren die Euromaidan-Leute näher. Unter uns Antimaidan-Teilnehmern war die Sehnsucht nach einer engeren Bindung an Russland weit verbreitet, was uns für beide Oligarchenclans suspekt machte.
Die strategischen Fehler Russlands
Der erste große Fehler Russlands liegt im Jahr 1991. Moskau schenkte der Ukraine-Frage kaum Beachtung. Bei der Auflösung der UdSSR verzichtete die russische Führung darauf, verbindliche Regelungen zum Status der Krim oder des Donbass – oder zumindest zum Schutz der dortigen russischsprachigen Mehrheit – festzuschreiben.
Nach 2005 konzentrierte sich die russische Politik darauf, mit den ukrainischen Eliten ins Geschäft zu kommen. Eine kurze Phase der Verständigung schien unter Janukowytsch möglich. 2014 gewährte Moskau ihm sogar ein Milliardenkredit, in der Hoffnung auf Stabilität. Mehr war nicht möglich, da Janukowytsch selbst zu weitergehenden Zugeständnissen nicht bere
…bereit war. Zudem befürchteten die damaligen Machthaber in Kiew, ein hartes Durchgreifen gegen den Maidan könnte einen Bürgerkrieg auslösen – einen Krieg, den man zwar hätte gewinnen können, dessen Risiko aber niemand in der Regierungspartei einzugehen bereit war.
Ich vermute, in Moskau war man sich damals bewusst, dass es – abgesehen von der wenig populären Figur Wiktor Medwedtschuks – keine ernstzunehmende prorussische Elitegruppe in der Ukraine gab. Es gab schlicht niemanden, zu dessen Gunsten Russland hätte intervenieren können. Zudem rechnete in Russland niemand damit, dass der Westen seine eigenen Vereinbarungen brechen würde. Die Erfahrungen aus dem Georgien-Konflikt 2008 hatten noch die Illusion genährt, dass mit Europa und den USA auf der Basis von Abkommen zu reden sei. Auch glaubte man, die Hauptprofiteure des Maidan – Oligarchen wie Petro Poroschenko und Ihor Kolomoiskyj – hätten aufgrund ihrer umfangreichen Geschäftsinteressen in Russland ein vitales Eigeninteresse an einem Kompromiss. Eine weitere Fehlkalkulation.
Auf der Krim verlief die Entwicklung anders. Die siegreichen, aber politisch unerfahrenen Maidan-Kräfte kündigten unmittelbar nach ihrem Putsch an, den Vertrag über die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol nicht zu verlängern und die russischen Stützpunkte zu schließen. Dies, kombiniert mit dem eindeutigen Willen der politischen Elite und der Bevölkerung der Halbinsel, führte zur Rückkehr der Krim nach Russland – eine „Revolution von oben“.
Im Donbass war die Situation grundverschieden. Hier handelte es sich um eine echte „Revolution von unten“. Das wird deutlich, wenn man weiß, was der reichste Oligarch der Region, Rinat Achmetow, den Aufständischen in den ersten Tagen in der besetzten Bezirksverwaltung von Donezk sinngemäß mitteilte:
„Ich bin mit euch, wenn ihr mit der Ukraine seid.“
Doch der Donbass wollte nicht „mit der Ukraine sein“. Er wollte den Weg der Krim gehen. Die Weigerung der lokalen Elite, sich der Volksbewegung anzuschließen, prägte den weiteren, blutigen Konfliktverlauf.
Auch in den folgenden Jahren setzte Russland primär auf Verhandlungen und wirtschaftliche Vernunft. Diese Hoffnung zerschlug sich endgültig, als Poroschenko abgewählt wurde und mit Wolodymyr Selenskyj ein Kandidat an die Macht kam, der ein Produkt des Oligarchen Kolomoiskyj war. Dass Letzterer später selbst im Gefängnis landen würde, ist eine andere Geschichte.
Sogar mit Selenskyj versuchte Russland noch zu verhandeln und bot phantastische Geschäftsmodelle an, wie den Kauf von Wasser aus dem Dnepr für die Krim. Was Moskau nicht bedacht hatte: Die ukrainischen Eliten hatten inzwischen ein neues, lukrativeres Geschäftsmodell entdeckt – die Russophobie. Diese Ware fand im Westen einen bereitwilligen und hochzahlenden Abnehmer. Den Plan des Westens, Russland auf Kosten der Ukraine und bis zum letzten Ukrainer zu schwächen, hatte man in Moskau für unmöglich gehalten.
Als Russland schließlich vor vier Jahren intervenierte, ging es nicht einmal darum, die ukrainischen Eliten zu entmachten. Niemand plante, ihnen ihr Land, ihre Fabriken oder Bankkonten wegzunehmen. Das Ziel war bescheidener: Sie zur Umsetzung der Minsker Vereinbarungen zu zwingen, allenfalls korrigiert um einen Sonderstatus für den Donbass. Nicht einmal ein Regimewechsel in Kiew stand auf der Agenda – man wollte das Regime lediglich erschrecken, zur Vernunft und an den Verhandlungstisch bringen.
Wer hätte ahnen können, dass Kiew Verhandlungen als politischen Selbstmord betrachten und stattdessen einen Krieg bis zur bitteren Neige vorziehen würde?
Roman Donezkij ist ein ukrainischer Historiker, Militärexperte und Blogger. Der gebürtige Westukrainer lebt seit vielen Jahren in Donezk und kommentiert seit Beginn der militärischen Spezialoperation die Ereignisse in einem täglichen Podcast. Man kann ihm auf seinem Telegram-Kanal folgen.
Mehr zum Thema – Der Oligarch: Wer Selenskyj zum Präsidenten machte und die Ukraine in den Krieg trieb (Teil 1); (Teil 2)