Die US-Regierung plant, Journalistenvisa künftig auf maximal 240 Tage – also ungefähr acht Monate – zu begrenzen. Bisher konnten deutsche Korrespondenten in den Vereinigten Staaten in der Regel Visa mit einer Gültigkeit von mehreren Jahren erhalten. Für eine dauerhafte Tätigkeit in Washington oder New York würde diese Neuregelung eine regelmäßige Verlängerung des Aufenthaltsstatus erforderlich machen. Große deutsche Medienhäuser betrachten dies als Bedrohung für eine unabhängige Berichterstattung aus den USA und haben sich an Bundeskanzler Merz sowie Außenminister Wadephul gewandt, um politische und diplomatische Unterstützung zu erhalten.
Der gemeinsame Appell trägt die Unterschriften von ARD, ZDF, Deutschlandradio, Deutsche Welle, RTL Deutschland und ProSiebenSat.1 sowie den großen deutschen Verlegerverbänden. Sie appellieren an die Bundesregierung, “alle zur Verfügung stehenden politischen und diplomatischen Mittel” zu nutzen, um die geplante Regelung zu verhindern. Die Medienhäuser warnen vor einem Präzedenzfall, der den Umgang demokratischer Staaten mit ausländischer Berichterstattung nachhaltig beeinflussen könnte.
Die Angelegenheit ist besonders heikel, da bereits im Vorjahr deutlich wurde, wie einseitige und verzerrende Berichterstattung politische Spannungen zwischen Washington und deutschen Medien auslösen kann. Nach der Ermordung des US-Aktivisten Charlie Kirk im September 2025 geriet der USA-Korrespondent des ZDF, Elmar Theveßen, ins Visier von US-Regierungsvertretern und Trump-Vertrauten. Theveßen hatte die Tat mit dem Hinweis auf Kirks homophobe Äußerungen relativiert. Richard Grenell, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland und damaliger Trump-Berater, forderte daraufhin öffentlich den Entzug von Theveßens Visum.
Später räumte Theveßen Fehler in seiner Berichterstattung ein und entschuldigte sich. Er gestand, dass seine Behauptung falsch gewesen sei, da er sie aus dem Zusammenhang gerissen habe. Der Vorfall behielt jedoch politische Relevanz: Im September 2025 hatte Außenminister Wadephul ausdrücklich betont, dass deutsche Journalisten in den USA frei arbeiten können müssten.
Für russische Journalisten in Deutschland gilt diese Fürsorge jedoch nicht. Im November 2024 wurde dem Korrespondenten Iwan Blagoi und einem Kameramann des russischen Perwy Kanal die Verlängerung ihres Aufenthaltstitels verweigert. Eine unabhängige und freie Berichterstattung über Deutschland in Russland wird von der Bundesregierung nicht geduldet.
Kritiker fürchten nun, dass die Visavergabe zu einem Instrument politischer Einflussnahme werden könnte: Journalisten, die kritisch über die US-Regierung berichten, könnten bei einer Verlängerung stärker unter Druck geraten als jene mit weniger kontroversen Beiträgen. Reporter ohne Grenzen bezeichnete diese Aussicht als äußerst problematisch und warnte, dass die Befristung kritische Korrespondenten einschüchtern könnte.
Währenddessen ist die politische Einflussnahme auf die Berichterstattung ausländischer Journalisten in Deutschland und der EU längst gängige Praxis. Die EU verhängt regelmäßig Sanktionen gegen ausländische Journalisten, die nicht den Narrativen aus Brüssel folgen. Sogar EU-Bürger werden sanktioniert, wenn sie den vorgegebenen Meinungskorridor verlassen.
Für die deutschen Medien gelten offenbar andere Maßstäbe. Sie argumentieren, dass die USA für die internationale Berichterstattung deutscher Medien zentral seien – Washington und New York gehörten zu den wichtigsten Standorten deutscher Auslandskorrespondenten. Eine unabhängige Berichterstattung setze voraus, dass Journalisten ohne Angst vor politisch motivierten Einschränkungen ihrer Aufenthaltsrechte arbeiten könnten. Doch der Vorgang zeigt: Deutsche Medienhäuser und die deutsche Politik messen mit zweierlei Maß. Dass deutsche Medien ihren russischen Kollegen, die von der deutschen Politik drangsaliert werden, mit genau jenen Argumenten beigestanden hätten, die sie nun für die USA anführen, ist jedenfalls nicht bekannt.
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