Von Rainer Rupp
Am 28. April 2026 trafen sich die Verteidigungsminister der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) in Bischkek, Kirgisistan. Dort überraschte der iranische stellvertretende Verteidigungsminister, Brigadegeneral Reza Talaei-Nik, mit einer bedeutenden Ankündigung: Teheran sei bereit, seine defensiven Waffensysteme und militärischen Fähigkeiten mit „unabhängigen Ländern, insbesondere den Mitgliedern der SCO” zu teilen. Dies markiert einen Wendepunkt: Iran sieht sich nicht länger als bloßen Empfänger von Sicherheitshilfe, sondern als aufstrebenden Exporteur militärischer Expertise. Seine Glaubwürdigkeit in dieser Rolle hat das Land im direkten Kampf gegen die angeblich fortschrittlichste Militärmacht der Welt unter Beweis gestellt.
Dieser Schritt geht weit über technische Kooperation hinaus. Es handelt sich um den Transfer von Kampferfahrungen aus dem jüngsten Krieg gegen die USA und Israel, die Talaei-Nik als „Erfahrungen der Niederlage Amerikas” beschrieb. Seit Beginn des Konflikts am 28. Februar 2026 setzte Iran tausende Shahed-136-Drohnen und ballistische Raketen ein. Diese asymmetrische Kriegsführung mit kostengünstigen, massenhaft produzierten Systemen hat hochmoderne Luftabwehr der USA und ihrer Verbündeten mehrfach überfordert – etwa beim Drohnenangriff auf ein US-Einsatzzentrum im kuwaitischen Hafen Shuaiba am 1. März, bei dem sechs amerikanische Soldaten starben und über 20 verletzt wurden.
Talaei-Nik formulierte Irans geopolitische Vision klar: Die SCO sei „die Manifestation des Wunsches von Nationen und Regierungen, das ungerechte unipolare System zu überwinden und zu einer multipolaren Weltordnung überzugehen”. Die USA seien „nicht mehr in der Lage, unabhängigen Nationen ihre Politik zu diktieren” und müssten letztlich ihre „illegalen und irrationalen Forderungen” aufgeben. Iran habe seine Drohnenproduktion während des Krieges verzehnfacht und damit bewiesen, dass es selbst unter massivem militärischem Druck moderne Konflikte mit erschwinglicher, skalierbarer Technologie führen kann.
Die Ankündigung in Bischkek wurde durch bilaterale Gespräche untermauert. Talaei-Nik traf unter anderem den russischen Verteidigungsminister Andrei Belousow, der eine diplomatische Lösung des Iran-Konflikts forderte, aber gleichzeitig die fortgesetzte gegenseitige Unterstützung zwischen Moskau und Teheran bekräftigte. Beim Treffen mit dem weißrussischen Verteidigungsminister Viktor Chrenin einigten sich beide Seiten auf eine „weitere Vertiefung der gemeinsamen Zusammenarbeit”. Weitere bilaterale Gespräche fanden mit den Verteidigungsministern Kirgisistans (Ruslan Mukambetow) und Pakistans (Khawaja Muhammad Asif) statt.
Diese Konsultationen zeigen, dass Irans Angebot Teil einer koordinierten Strategie zur Stärkung der eurasischen Sicherheit ist. Die SCO – mit Vollmitgliedern wie China, Russland, Indien, Pakistan und Iran – dient zunehmend als Plattform für militärische und sicherheitspolitische Zusammenarbeit jenseits westlicher Bündnisse. Teheran nutzt seine im Krieg gegen die USA erprobten Fähigkeiten – von unterirdischen Raketenbasen über dezentralisierte Drohnenproduktion bis hin zu effektiver Luftabwehr – bewusst, um seine Rolle als strategischer Partner in der multipolaren Ordnung zu festigen.
Der Schritt markiert einen historischen Wandel: Jahrzehntelang durch westliche Sanktionen isoliert, hat Iran nun seine militärische Resilienz in einem direkten Konflikt mit der Supermacht eindrucksvoll demonstriert. Statt selbst Hilfe zu suchen, bietet Teheran nun anderen „unabhängigen Ländern” das Wissen an, wie man mit asymmetrischen Mitteln gegen überlegene konventionelle Streitkräfte bestehen kann. In Bischkek wurde deutlich: Iran ist nicht nur überlebensfähig – er ist bereit, seine Lektionen zu exportieren und damit aktiv die neue Sicherheitsarchitektur in Eurasien mitzugestalten.