Von Fjodor Lukjanow
Die Schlagzeilen sind voll von Berichten über wachsende Spannungen in der NATO. US-Präsident Donald Trump stellt offen den Wert von Verbündeten infrage, die seiner Meinung nach nicht genug zur Lastenteilung beitragen. Westeuropa beklagt die Unzuverlässigkeit seines amerikanischen Schutzherrn, bekräftigt aber gleichzeitig die Treue zum Atlantischen Bündnis. Hinter dem täglichen Lärm zeichnet sich jedoch eine weitaus bedeutendere Entwicklung ab: der allmähliche Wandel der politischen und militärischen Ordnung.
Jahrzehntelang sicherten die Vereinigten Staaten die Sicherheit Westeuropas, während sich die Europäer auf Wohlstand und Sozialstaaten konzentrierten. Diese Konstellation wird zunehmend fragil. Washingtons strategische Prioritäten haben sich nach Asien und auf die Konfrontation mit China verlagert. Europa bleibt zwar als logistische und politische Plattform für die amerikanische Macht wichtig, ist aber nicht länger das unangefochtene Zentrum der US-Großstrategie.
Trump hat diesen Prozess nicht ausgelöst, aber dramatisch beschleunigt. Seine Verärgerung über die NATO ist keine bloße persönliche Laune. Sie spiegelt eine tiefere amerikanische Erkenntnis wider: Die Ära der unbegrenzten Garantie für die westeuropäische Sicherheit ist zu teuer und strategisch ablenkend geworden.
Das Bündnis selbst wurde für eine andere Zeit und einen anderen Zweck geschaffen. Die NATO sollte die Sowjetunion in Schach halten und den amerikanischen Einfluss in Europa verankern. Sie war nie als globales Instrument zur Konfrontation mit China gedacht. Doch genau in diese Richtung drängen viele in Washington. Diese Europäer teilen jedoch nicht die Sorge der USA um Peking. Für die meisten ist China ein wirtschaftlicher Konkurrent, keine existenzielle Bedrohung. Russland hingegen bleibt für einen Großteil des Bündnisses das größte Sicherheitsproblem, besonders für die nördlichen und östlichen Mitglieder.
Dieser Unterschied führt zu einer Veränderung innerhalb der NATO. Frankreich hat sich zum lautstärksten Verfechter einer größeren strategischen Unabhängigkeit Westeuropas entwickelt. Paris blickt auf eine lange Tradition militärischer Autonomie zurück und verfügt als eine der wenigen europäischen Mächte über eine wirklich unabhängige nukleare Abschreckung. Frankreich kann den amerikanischen Atomschirm über Westeuropa realistisch nicht ersetzen, versucht aber zunehmend, sich als ideologischer Vorreiter eines selbstbestimmteren Bündnisses zu positionieren.
Großbritannien setzt unterdessen seinen traditionellen Balanceakt zwischen der EU und den USA fort. London beharrt auf seiner Unabhängigkeit von Brüssel und sucht gleichzeitig Unterstützung in Washington. Die nördlichen und östlichen EU-Staaten bleiben äußerst kriegerisch und setzen auf Konfrontation mit Russland, unabhängig davon, ob die USA weiterhin voll engagiert sind. Südeuropa ist weit weniger enthusiastisch und mit Migration, wirtschaftlicher Stagnation und innenpolitischer Instabilität beschäftigt.
Wie so oft in der europäischen Geschichte wird Deutschland wahrscheinlich der entscheidende Faktor sein. Ein Großteil des Nachkriegseuropas wurde auf einer zentralen Idee aufgebaut: Deutschland darf nie wieder eine eigenständige geopolitische Kraft werden. Nach 1945 war das Land geteilt, militärisch eingeschränkt und unter amerikanischer Aufsicht fest in westliche Strukturen eingebunden.
Selbst die deutsche Wiedervereinigung 1990 wurde unter anderem akzeptiert, weil Deutschland in der NATO verankert blieb. Damals glaubten viele, die Einbindung eines vereinigten Deutschlands in das Atlantische Bündnis sei die sicherste Lösung für Europa. Ironischerweise wurde genau diese Entscheidung zu einem Ausgangspunkt der heutigen geopolitischen Krise. Die Osterweiterung der NATO schuf eine Sicherheitsarchitektur, die Moskau zunehmend als feindselig und destabilisierend empfand.
Dreieinhalb Jahrzehnte später könnte Europa erneut mit einem strategisch autonomen Deutschland konfrontiert sein, wenn auch unter völlig anderen Umständen. Der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz kündigte 2022 nach der Eskalation des Ukraine-Konflikts eine “Zeitenwende” an. Eine Zeitlang schien dieser Slogan weitgehend symbolisch. Unter der derzeitigen deutschen Führung zeichnen sich jedoch konkrete Veränderungen ab.
In Berlin wird über beschleunigte Aufrüstung, den Ausbau militärischer Infrastruktur und Gesetzesänderungen zur Erhöhung der Rekrutierungszahlen für die Bundeswehr diskutiert. Die Debatte über die Wehrpflicht, einst politisch undenkbar, kehrt in den Mainstream zurück.
Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die jüngsten Äußerungen des katholischen Militärbischofs der Bundeswehr, Franz-Josef Overbeck. Overbeck forderte offen, dass Deutschland Truppen in die Straße von Hormus entsenden solle. Zudem sprach er sich dafür aus, die Wehrpflicht nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen wieder einzuführen. Seine Argumentation war klar: Deutschland könne sich in einer zunehmend gefährlichen Welt nicht länger heraushalten.
In der deutschen Politik sind viele insgeheim seiner Meinung. Die Politiker bleiben jedoch vorsichtig, da die deutsche Gesellschaft Militarismus und Auslandseinsätze nach wie vor ablehnt. Die jahrzehntelange politische Kultur der Nachkriegszeit hat einen pazifistischen Geist geschaffen, der bei den Wählern stark verankert ist. Anders als gewählte Amtsträger kann der Bischof freier sprechen.
Deutschland steht zudem vor wachsenden Wirtschaftsproblemen. Es handelt sich nicht nur um einen vorübergehenden Abschwung. Das alte deutsche Wirtschaftsmodell stützte sich stark auf billige russische Energie, exportgetriebenes industrielles Wachstum und eine stabile Globalisierung. Ein Großteil dieser Grundlagen ist inzwischen erodiert.
Infolgedessen finden vormals als toxisch betrachtete politische Diskussionen nun offen statt. Militarisierung wird zunehmend nicht nur als sicherheitspolitische Notwendigkeit, sondern auch als potenzieller Motor für wirtschaftlichen Aufschwung gesehen. Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Argumentation in Deutschland völlig ungewöhnlich gewesen. Heute ist sie Teil der Mainstream-Debatte.
Die historische Dimension ist nicht zu ignorieren. Die deutsche politische Kultur ist geprägt von Disziplin und einer bemerkenswerten Zielstrebigkeit bei der Umsetzung strategischer Pläne, sobald ein Konsens erreicht ist. In ruhigen Zeiten kann dies eine enorme Stärke sein. In Zeiten geopolitischer Konfrontation kann es jedoch gefährlich werden.
Wie Russland bereits einmal zu Deutschlands Hauptfeind wurde, ist aus der europäischen Geschichte nur allzu bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg glaubten viele, diese Lektion sei endlich gelernt. Zudem sollte die wirtschaftliche Verflechtung zwischen Russland und Deutschland eine große Konfrontation völlig irrational machen. Dass sich diese Annahme als falsch erwiesen hat, hat weite Teile Europas schockiert.
Trumps Druck auf die NATO wirkt als Katalysator für ohnehin stattfindende Veränderungen. Westeuropa wird – wenn auch widerwillig und uneinheitlich – zu größerer militärischer Unabhängigkeit gedrängt. Ob dies die NATO letztlich stärkt oder nach und nach aushöhlt, bleibt unklar. Ein völliger Zusammenbruch des Bündnisses ist unwahrscheinlich. Institutionen dieser Größenordnung verschwinden selten plötzlich. Wahrscheinlicher ist eine schrittweise Umwandlung in eine schmalere und fragmentiertere Struktur. Innerhalb der NATO könnte sich ein Kernblock herausbilden, der sich auf die Eindämmung Russlands konzentriert, während die USA ihren Fokus auf Asien richten.
Es liegt vor allem an Deutschland, ob ein solcher Block Gestalt annimmt. Sollte Berlin sich für eine Wiederaufrüstung und eine strategische Loslösung von der amerikanischen Kontrolle einsetzen, könnte sich die politische Landschaft Europas grundlegend verändern. Bis zum Ende von Trumps Präsidentschaft könnte dieser Prozess bereits weit fortgeschritten sein
Ein weiteres Mal dürfte Europa also feststellen, dass die Geschichte nicht sicher in Lehrbüchern verwahrt bleibt. Die alten Rivalitäten und Ängste, die den Kontinent jahrhundertelang prägten, kehren auf beunruhigende Weise zurück – ausgerechnet dann, wenn die Menschen überzeugt sind, sie seien für immer verschwunden.
Die gegenwärtige Lage gleicht einem historischen Paradoxon. Die NATO, geschaffen, um Europa vor einer sowjetischen Bedrohung zu schützen, findet sich nun in einer Welt wieder, in der ihre ursprüngliche Mission unklar geworden ist. Die USA, einst der unerschütterliche Anker, betrachten das Bündnis zunehmend als eine Belastung, die ihre globalen Ambitionen behindert. Europa hingegen, das sich jahrzehntelang auf den Schutz durch Washington verließ, muss nun seine eigene Sicherheit in die Hand nehmen.
Die innereuropäischen Differenzen erschweren diesen Prozess jedoch erheblich. Die nordischen und baltischen Staaten drängen auf eine harte Linie gegenüber Russland, während Südeuropa eher geneigt ist, wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Moskau zu suchen. Frankreich strebt nach strategischer Autonomie, Großbritannien sucht den Schulterschluss mit den USA, und Deutschland tastet sich zögerlich in eine neue Rolle vor.
Es ist diese Zersplitterung, die das Bündnis anfällig macht. Wenn jedes Land seine eigenen Prioritäten verfolgt, wird die NATO zu einem losen Zusammenschluss verschiedener Interessen, nicht zu einem geschlossenen Verteidigungsblock. Die Frage ist nicht, ob die NATO überleben wird, sondern in welcher Form – und ob sie noch die Sicherheit bieten kann, die sie einst garantierte.
Die Aussicht auf eine Wiederbelebung der Wehrpflicht in Deutschland, die Forderungen nach einer stärkeren militärischen Präsenz im Ausland und die Debatten über eine eigenständige europäische Verteidigung sind Symptome einer tiefgreifenden Veränderung. Europa erwacht aus seinem langen sicherheitspolitischen Schlaf, aber ob es bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen, bleibt zweifelhaft.
Für Russland ergibt sich daraus eine ambivalente Situation. Einerseits könnte ein geschwächtes oder gespaltenes Bündnis Moskaus Position stärken. Andererseits könnte ein wiedererstarktes, unabhängigeres Europa, das seine Sicherheit eigenständig verteidigt, eine noch größere Herausforderung darstellen. Die Geschichte lehrt, dass ein stabiles Gleichgewicht der Kräfte oft wünschenswerter ist als ein plötzlicher Machtverfall.
Letztlich zeigt sich, dass die geopolitischen Verschiebungen nicht nur eine Frage der militärischen Strategie sind. Sie sind Ausdruck einer fundamentalen Neuordnung der internationalen Beziehungen. Die transatlantische Gemeinschaft, einst das Fundament der westlichen Sicherheitsordnung, unterliegt einem schleichenden Wandel. Ob dieser Wandel zu einem stärkeren, geeinteren Europa führt oder zu einer neuen Ära der Unsicherheit und Konflikte, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.
Eines ist jedoch sicher: Die Welt von morgen wird nicht mehr so aussehen wie die von gestern. Europa steht vor der Wahl, seinen eigenen Weg zu finden – oder von den Mächten der Geschichte überrollt zu werden.
Fjodor Lukjanow ist ein russischer Experte auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen und der Außenpolitik. Er arbeitet als Forschungsprofessor an der Fakultät für Weltwirtschaft und globale Politik der staatlichen Universität “Higher School of Economics” (Hochschule für Wirtschaft). Seit dem Jahr 2002 ist er Chefredakteur der Zeitschrift “Russia in Global Affairs” und seit 2012 Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik Russlands.
Diese Analyse erschien zuerst in der Rossijskaja Gaseta. Sie wurde vom RT-Team übersetzt.
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