Von Olga Samofalowa
Die europäische Chemieindustrie, eine der führenden weltweit, steht erneut am Abgrund einer tiefgreifenden Krise, wie die Financial Times berichtet. Im vergangenen Jahr stellten bereits zwei von zehn Unternehmen im EU-Chemiesektor ihre Produktion ein. Daten des Cefic (European Chemical Industry Council) zufolge hat sich die rate der Werkschließungen in Europa seit 2022 versechsfacht. Insgesamt gingen rund 37 Millionen Tonnen Produktionskapazität verloren – das entspricht etwa neun Prozent der europäischen Produktionsbasis. Etwa 20.000 Arbeitsplätze waren direkt betroffen.
Der Konflikt im Nahen Osten hat die Lage zwiespältig beeinflusst: Einerseits milderte er den intensiven Wettbewerb mit China, das stark von Rohstoffen aus dem Persischen Golf abhängig ist. Andererseits trieb er die Preise für Energie und wichtige Komponenten wie Naphtha in die Höhe, was eine Kettenreaktion auf den globalen Märkten der Petrochemie auslöste.
Die Schwierigkeiten der Chemiebranche in Europa begannen jedoch nicht erst heute oder im Jahr 2022. Der Verzicht auf russisches Gas sowie später auf Öl und Ölprodukte verschärfte die Probleme zusätzlich. Wladimir Tschernow, Analyst bei Freedom Finance Global, erläutert:
“Die Wurzeln der Krise in der europäischen Chemieindustrie reichen weit zurück, aber 2022 war ein Wendepunkt. Zuvor hatte die Branche aufgrund hoher Energiekosten, veralteter Anlagen und strengerer Regulierungen bereits einen Produktionskostennachteil gegenüber den USA, China und dem Nahen Osten. Als das bisherige Modell billiger Energie und Rohstoffe für die europäische Industrie zusammenbrach, verstärkte sich der Druck auf den Sektor erheblich.”
Nach Angaben der Europäischen Kommission sanken die russischen Gasimporte in die EU von 152 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2021 auf 36 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2025. Der Anteil Russlands an den EU-Gasimporten fiel von 45 auf zwölf Prozent. Der Experte betont:
“Für die chemische Industrie war dies kritisch, da Gas nicht nur als Brennstoff, sondern auch als Rohstoff für Ammoniak, Düngemittel, Methanol und eine Reihe weiterer Grundstoffe dient.”
Parallel dazu führte die EU Beschränkungen für russisches Rohöl und Erdölprodukte ein, was das alte System günstiger Energie endgültig zerstörte.
Seitdem hat sich der europäische Chemiesektor nicht von seinem Niedergang erholt. Werke werden regelmäßig geschlossen. Tschernow sagt:
“Eine vollständige Erholung ist bislang ausgeblieben. Der Grund liegt darin, dass Energie in Europa weiterhin teuer ist, während die Nachfrage schwach bleibt. Zudem übt China mit preiswerten Importen Druck aus. Neue Investitionen kommen nur schleppend in Gang. Laut CEFIC ist Gas in Europa immer noch etwa dreimal so teuer wie in den USA. Die Kapazitätsauslastung liegt um 9,5 Prozent unter dem Niveau vor der Krise, und der Anteil Europas am globalen Chemiemarkt ist auf 13 Prozent gesunken, während China auf 46 Prozent kommt.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass die chemische Industrie in Wertschöpfungsketten operiert. Wird ein Werk stillgelegt, verliert ein nachgelagertes Werk möglicherweise Rohstoffe oder Abnehmer, sodass einzelne Schließungen schnell die gesamte Kette gefährden können.”
Ein Beispiel ist der Rotterdamer Chlorcluster: Die Werke von Tronox und Westlake zur Herstellung von Epoxidharzen wurden geschlossen, was die Nachfrage nach Chlor von Nobian verringerte. Sollte Nobian sein Werk ebenfalls schließen, müssten benachbarte Unternehmen das Material importieren, was ihre Kosten erhöhen und die Krise vertiefen würde.
Rotterdam ist über Pipelines mit Antwerpen verbunden; gemeinsam beliefern sie die deutschen Regionen Rhein und Ruhr – das industrielle Herz der deutschen Schwerindustrie, einschließlich des Automobilbaus. In Rotterdam stoppte Mitsubishi im Februar den Bau einer hochmodernen Anlage für MXDA – ein chemisches Zwischenprodukt, das in anspruchsvollen Beschichtungen für Schiffe, Militärausrüstung und andere industrielle Zwecke verwendet wird.
In Großbritannien hat die chemische Industrie bereits einen vernichtenden Schlag erlitten. Die Financial Times schließt nicht aus, dass ähnliches in der EU geschehen könnte. Einst war Großbritannien die Heimat von Imperial Chemical Industries, die alles von Düngemitteln bis Sprengstoffen produzierte. Jahrzehnte geringer Investitionen und einer unklaren Industriepolitik haben jedoch nur noch einen Schatten der einstigen Größe hinterlassen. Seit 2021 ist das Produktionsvolumen chemischer Erzeugnisse in Großbritannien um 60 Prozent gesunken. Das Land produziert kein Ammoniak mehr. Nur noch eine einzige veraltete Chlorfabrik sorgt für die Aufbereitung von 98 Prozent des Trinkwassers. Nach der Schließung des ExxonMobil-Werks im letzten Jahr gibt es nur noch eine Anlage zur Herstellung von Ethylen – einem Grundstoff für nahezu alle Industriezweige.
Die Blockade der Straße von Hormus hat die Lage der europäischen Chemieindustrie weiter verschärft. Wie genau? Tschernow erklärt:
“Wenn die Meerenge gesperrt oder nur eingeschränkt nutzbar ist, steigen die Preise für Öl, Gas, Fracht, Versicherungen und petrochemische Rohstoffe. Dies setzt die europäische Chemieindustrie durch hohe Preise und steigende Produktionskosten unter zusätzlichen Druck, was die Margen schmälert.
Für Europa ist dies besonders schmerzhaft, da die Branche bereits mit hohen Produktionskosten kämpft. Die Petrochemie ist von Erdöl, LPG (Propan-Butan), Gasrohstoffen und Erdölprodukten abhängig. Die Internationale Energieagentur (IEA) weist ausdrücklich darauf hin, dass petrochemische Rohstoffe einen bedeutenden Anteil an der weltweiten Ölnachfrage ausmachen. Die USA und der Nahe Osten haben aufgrund günstigerer Rohstoffe einen strukturellen Vorteil. Chinesische Anlagen könnten vorübergehend unter Rohstoffengpässen leiden, doch Europa erhält gleichzeitig teurere Energie und teureres Erdöl. Für angeschlagene Werke könnte dies das letzte Argument für eine Stilllegung sein.”
In solchen Situationen gibt es immer nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner. Die Hauptnutznießer des Niedergangs der europäischen Chemieindustrie sind die USA, China und der Nahe Osten. Der Analyst meint:
“Die USA verschaffen sich einen Vorteil durch billiges Schiefergas und Ethan. China profitiert von seiner Größe, staatlicher Unterstützung und einer riesigen inländischen Produktionsbasis. Der Nahe Osten nutzt billige Rohstoffe und die Nähe zu Öl- und Gasströmen. In diesem Szenario verliert Europa vor allem die basische Chemie und damit einen Teil seiner industriellen Eigenständigkeit.”
Auch für Russland ergibt sich ein Vorteil, wenn auch indirekt, da Europa seinen Markt weitgehend geschlossen hat.
“Der Niedergang der europäischen Chemieindustrie stützt die Nachfrage nach Importen von Düngemitteln, Ammoniak, Methanol, Grundchemikalien sowie Öl- und Gasrohstoffen aus anderen Regionen. Russische Hersteller von Düngemitteln und petrochemischen Produkten könnten theoretisch von höheren Weltmarktpreisen und der Schwäche der europäischen Konkurrenz profitieren. Andererseits hindern Sanktionen, logistische Probleme, Zahlungsbeschränkungen und politische Risiken Russland daran, die frei gewordene Nische in Europa einfach zu besetzen. Daher ist der Nutzen eher indirekt und ergibt sich aus den Weltmarktpreisen und der Neuausrichtung des Handels auf Asien, den Nahen Osten und andere neutrale Märkte.”
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst amMai 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung Wsgljad.
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