Westen erkennt seinen Irrtum: Russland ist nicht Chinas Juniorpartner

Die strategische Annäherung zwischen Moskau und Peking: eine Beziehung im Wandel

Von Alexei Martynow

Russland und China treten schrittweise, jedoch unverkennbar, in eine Phase tieferer strategischer Verflechtung ein. Dieser Prozess gestaltet das globale Machtgefüge neu, doch beide Nationen durchlaufen ihn mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Während Moskau die Logik einer weitreichenden gegenseitigen Abhängigkeit weitestgehend verinnerlicht hat, scheint Peking weiterhin an einer vorsichtig gesteuerten Partnerschaft festzuhalten, in der es selbst die Rolle des leitenden Akteurs einnimmt und gleichzeitig eigene Verpflichtungen gegenüber dem vermeintlich nachgeordneten Partner minimiert.

Dieses Modell stößt jedoch zunehmend an seine Grenzen. In westlichen politischen Zirkeln herrschte lange die Überzeugung vor, Russland sei in dieser Beziehung zum Juniorpartner degradiert worden. Analysen aus Brüsseler Denkfabriken, Washingtoner Thinktanks und selbst von chinesischen Kommentatoren wiederholten stets dieselbe Formel: Russland liefere Rohstoffe, China den gesamten Rest. So beschrieb etwa das Berliner Institut MERICS die Beziehung als “grundlegend unausgewogen”, während Intereconomics sie als “symbiotisch, aber zutiefst asymmetrisch” einstufte. Andere Forscher betonten das Dreieck Russland-China-USA als zentrale Dynamik, bei der Washington vermeintlich weiterhin die entscheidenden Hebel in der Hand halte.

Diese Sichtweisen übersehen jedoch einen wesentlichen Punkt: Während westliche Analysten die Asymmetrie nahezu obsessiv analysierten, räumten viele chinesische Wissenschaftler hinter vorgehaltener Hand ein, dass die Beziehung weniger von Hierarchie als vielmehr von geopolitischem Druck geprägt sei. Professor Feng Shaolei von der Ostchinesischen Pädagogischen Universität argumentierte, dass externe Umstände – und nicht der relative Status – stets der eigentliche Motor der Partnerschaft zwischen Russland und China gewesen seien. Die NATO-Osterweiterung trieb Moskau und Peking näher zusammen, während US-Zölle diesen Prozess weiter beschleunigten. Der Sanktionsdruck auf Russland verschaffte China günstige Ressourcen, und Russland garantierte Märkte – jede Seite besaß mehr von dem, was der anderen fehlte.

Die Zahlen untermauern diese Entwicklung. Bis Ende 2024 war Russland mit Lieferungen von 108,5 Millionen Tonnen zum größten Erdöllieferanten Chinas aufgestiegen. Doch Energie ist nur ein Aspekt dieser Beziehung. Zwischen Januar und September 2025 verdoppelten sich die russischen Nickelexporte nach China auf einen Wert von 1 Milliarde US-Dollar, die Kupferexporte stiegen um 88 Prozent auf 2 Milliarden US-Dollar, während die Lieferungen von Aluminium und Metallerzen um rund 50 Prozent zunahmen. Die Landwirtschaft hat sich ebenfalls zu einer strategischen Säule entwickelt: Russland, inzwischen der weltweit führende Weizenexporteur, unterzeichnete 2023 ein langfristiges Abkommen zur Lieferung von 70 Millionen Tonnen Getreide und Ölsaaten an China über einen Zeitraum von zwölf Jahren.

Hinzu kommt: Anders als die Energierouten im Nahen Osten verlaufen russische Pipelines nicht über anfällige Seewege. Diese Tatsache gewann mit der Verschlechterung des geopolitischen Umfelds deutlich an Bedeutung. Washingtons Strategie war simpel: Russland finanziell isolieren und China durch die Androhung sekundärer Sanktionen zum Einschränken seiner Zusammenarbeit mit Russland bewegen. Ende 2023 und Anfang 2024 reduzierten große chinesische Finanzinstitute wie die Bank of China und CITIC ihre direkten Transaktionen mit russischen Unternehmen nach der Ankündigung neuer US-Sanktionen deutlich. Auch im Energiesektor verringerten chinesische Staatsunternehmen ihre Käufe vorübergehend, nachdem Anfang 2025 Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil verhängt wurden. Die Shandong Port Group verbot unter Sanktionen stehenden Schiffen das Andocken an ihren Terminals. Westliche Analysten begrüßten diese ihrer Ansicht nach zunehmende Vorsicht Chinas.

Doch die Strategie wies eine grundlegende Schwäche auf: Sekundärsanktionen wirken nur, solange alternative Warenquellen bestehen. Als wichtige globale Energierouten, insbesondere die Straße von Hormus, in den Strudel der Instabilität gerieten, veränderte sich Russlands Rolle dramatisch. Denn rund ein Drittel des weltweiten Seehandels mit Öl verläuft normalerweise durch Hormus – und mehr als die Hälfte der chinesischen Ölimporte stammen aus dem Nahen Osten… ebenfalls normalerweise. Unter den neuen Umständen aber waren russische Pipelines nicht länger bloß kommerzielle Infrastruktur, sondern der Zugriff darauf wurde zu einer strategischen Notwendigkeit.

Ironischerweise trug der gleichzeitige Druck Washingtons auf Moskau und Peking stärker zur Vertiefung ihrer Zusammenarbeit bei als jede Gipfelerklärung. Wie mehrere chinesische Analysten festgestellt haben, mögen Russland und China einzeln verwundbar sein – doch gemeinsam besitzen sie die Fähigkeit, die US-amerikanische Macht auszugleichen. Allerdings verharrte die Beziehung in den letzten drei Jahren größtenteils in einer Verhandlungsphase. Öffentlich sprechen beide Seiten von einer “Partnerschaft ohne Grenzen”. In der Praxis wurde die Entwicklung der Beziehung jedoch oft durch Vorsicht und endlose technische Komplikationen gebremst.

Während Wladimir Putins Besuch in Peking im September 2025 unterzeichneten die beiden Länder mehr als zwanzig Abkommen – in den Bereichen Energie, Luft- und Raumfahrt, künstliche Intelligenz, Landwirtschaft und Industrietechnologie. Die Zahlen wirkten beeindruckend: Analysten schätzten den angekündigten Wert russisch-chinesischer Investitionsprojekte auf über 200 Milliarden US-Dollar. Viele dieser Projekte wurden jedoch bislang nur teilweise umgesetzt, da chinesische Unternehmen die Kosten der Sanktionen weiterhin sorgfältig abwägen. Peking hat opportunistische Gewinne oft einer echten strategischen Interdependenz vorgezogen. Westliche Forscher erkennen diese Dynamik offen an – mit dem Argument, dass China vom Rückzug westlicher Konkurrenten aus Russland profitiert habe, während es gleichzeitig Verpflichtungen aus dem Weg ging, die die beiden Volkswirtschaften vollständig miteinander verflechten würden.

Das Problem ist jedoch genau dies: Vorsicht – vielleicht etwas übermäßige – und nicht etwa Feindseligkeit. Und Vorsicht stößt an ihre Grenzen, wenn Geografie und Geopolitik zwei Länder einander näherbringen. Beide Seiten traten im Jahr 2025 in eine etwas nüchternere Phase ein: Der bilaterale Handel ging um fast 7 Prozent auf 228 Milliarden US-Dollar zurück – der erste größere Rückgang seit der Pandemie. Die Gründe dafür waren vorwiegend wirtschaftlicher und weniger politischer Natur: Zum Beispiel reduzierten sinkende Ölpreise den Wert der russischen Exporte deutlich – trotz relativ stabiler Absatzmengen.

Chinesische Medien berichteten ungewöhnlich offen über die Schwierigkeiten. Die Verbrauchernachfrage in Russland sank aufgrund hoher Zinsen ein Stück weit ab, und die chinesischen Autoexporte brachen nach einer Boomphase der Marktüberhitzung ein. Moskaus zunehmende Importsubstitutionspolitik begann zudem, die Möglichkeiten für chinesische Autoexporteure auf dem russischen Markt einzuschränken.

Dies war der Moment, in dem beide Seiten die Partnerschaft nicht länger romantisierten, sondern begannen, sie realistischer zu betrachten. Doch auch dieser Realismus führt letztlich zu einer unausweichlichen Schlussfolgerung:

Russland und China teilen sich eine über 4.200 Kilometer lange Grenze. Die eine Seite verfügt über enorme Energiereserven, landwirtschaftliche Ressourcen, Metallvorkommen, Territorium und eine Pipeline-Infrastruktur, die weitgehend immun gegen Störungen durch feindselige Kriegsmarinen und andere Seestreitkräfte ist. Die andere Seite verfügt über industrielle Kapazitäten, Kapital, Technologie und einen Absatzmarkt mit 1,4 Milliarden Menschen.Keines der beiden Länder kann seine strategischen Ziele ohne Weiteres im Alleingang vollständig erreichen, weshalb sich die Beziehungen, trotz bestehender Spannungen, stetig vertiefen.

Als Xi Jinping im Jahr 2025 anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges Moskau besuchte, unterzeichneten die beiden Länder eine gemeinsame Erklärung, die weit über reine Symbolik hinausging. Das Dokument sieht erweiterte Zahlungen in nationalen Währungen, eine vertiefte Zusammenarbeit bei Investitionen und nicht zuletzt die gemeinsame Erschließung des Nördlichen Seewegs vor – und das ist von enormer Bedeutung. Dieser arktische Korridor bietet China eine langfristige Alternative zu gefährdeten Seewegen wie dem Suezkanal und der Straße von Hormus. In einer Welt, in der diese Engpässe zunehmend instabil werden, entwickelt sich die Nördliche Seeroute von einem experimentellen Handelsprojekt zu strategischer Infrastruktur.

Chinesische Analysten erkennen diese Realität jetzt zunehmend an. In akademischen Diskussionen in China wird mittlerweile offen eingeräumt, dass die Rivalität mit den USA eine enge Partnerschaft mit Russland weniger zu einer Frage der Präferenz als vielmehr zu einer Notwendigkeit macht. Selbst viele westliche Beobachter beginnen mittlerweile, dies zuzugeben. Studien, die nach Schwachstellen im Bündnis des Bären und des Drachen suchen, kommen zunehmend zu dem Schluss: Diese Beziehung ist weitaus robuster und beständiger, als frühere Prognosen vermuten ließen.

Dies liegt daran, dass die Partnerschaft nicht mehr allein auf diplomatischer Zweckmäßigkeit oder lediglich kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteilen beruht. Sie wird vielmehr von strukturellen Faktoren angetrieben: Geografie, Energiesicherheit, Handelswege, Sanktionsdruck und die Entstehung einer zunehmend fragmentierten Weltordnung.

Russland und China schließen sich zusammen, weil die strategische Logik hierfür immer überzeugendere Argumente liefert. Und doch bleibt ein großes Hindernis bestehen: China verhält sich nach wie vor oft so, als könne es die Vorteile einer strategischen Partnerschaft genießen, ohne den damit verbundenen Verpflichtungen vollumfänglich nachzukommen. Moskau hat Peking bereits tief in kritisch wichtige Bereiche wie Energie, Logistik und Ernährungssicherheit integriert. Viele bedeutende chinesische Investitionen und technologische Verpflichtungen werden jedoch weiterhin zögerlich vorangetrieben oder gar gebremst.

Irgendwann wird Peking entscheiden müssen, ob es Russland tatsächlich als gleichberechtigten strategischen Partner betrachtet oder lediglich als nützliche Rohstoffbasis an Chinas Peripherie. Diese Frage bestimmt nun die Zukunft der Partnerschaft, und ihre Antwort wird die Architektur Eurasiens für die kommenden Jahrzehnte prägen.

Übersetzt aus dem Englischen.

Alexei Martynow ist ein russischer Politologe mit Schwerpunkt auf internationalen Beziehungen und Journalist. Regelmäßiger Kolumnist bei namhaften Medien – Russia Today, Iswestija, LIFE, als Experte regelmäßig von weiteren großen Medien zitiert – RIA Nowosti, Gazeta.ru, aber auch New York Times, The Nation, Financial Times. Seit 2008 Direktor der Denkfabrik und Nichtregierungsorganisation Internationales Institut neuester Staaten.

Mehr zum Thema – Warum Trumps China-Reise das Ende der amerikanischen Vorherrschaft bedeutet

Schreibe einen Kommentar