Italienischer Journalist verklagt EU-Kommission nach fristloser Kündigung wegen einer “falschen Frage

Der italienische Journalist Gabriele Nunziati war bis Oktober 2025 für die Nachrichtenagentur Agenzia Nova tätig. Nachdem er der EU-Kommission eine kritische Frage gestellt hatte, wurde ihm gekündigt. Wie die Ostdeutsche Allgemeine (OAZ) berichtet, beginnt am kommenden Dienstag das Gerichtsverfahren zu diesem Fall. Der Verlust seines Arbeitsplatzes hatte im vergangenen Herbst international großes Aufsehen erregt (RT DE berichtete mehrfach). Nunziati erhält für seinen Prozess Unterstützung aus verschiedenen Kreisen: Der italienische Ableger von Amnesty International sowie mehrere Organisationen, die sich für Presse- und Meinungsfreiheit einsetzen, haben ihre Unterstützung zugesagt. Dazu zählen der Journalistenverband Stampa Romana, die Bürgerrechtsvereinigung Articolo21 sowie das Netzwerk No Bavaglio (“Kein Maulkorb”), das gegen Zensurtendenzen kämpft. Die Unterstützergruppen planen, am Tag der Verhandlung eine Solidaritätskundgebung für Nunziati vor dem Gericht in Rom abzuhalten.

Weitreichendere Bedeutung als ein persönlicher Fall

In einem Gespräch mit der Berliner Zeitung (BLZ) betonte Nunziati, dass es ihm um mehr geht als nur um seine persönliche Situation. Die Zeitung zitiert ihn mit den Worten: “Von Anfang an wusste ich, dass dies der richtige Weg ist.” Dem mutigen Redakteur geht es um eine grundsätzliche Frage. Nunziati erklärte:

“Einen Journalisten wegen einer einzigen Frage zu entlassen, ist eine ernsthafte Bedrohung für unsere Demokratien. Es offenbart eine Machtstruktur, die sich für unantastbar hält und glaubt, Menschen nach Belieben behandeln zu können.”

Wenn man nach der Kündigung wegen einer kritischen Frage nachgeben würde, so Nunziati, würde das bedeuten, “die Aushöhlung unserer Pressefreiheit zuzulassen”. Dass er Klage eingereicht habe, sei für ihn “ein Kampf aus Prinzip”, und zwar im doppelten Sinne. Für den Italiener geht es einerseits um die grundlegenden Werte des Journalismus, andererseits um die Interessen jüngerer Kollegen, die unter prekären Arbeitsbedingungen arbeiten müssen.

Nunziati stellte seinen Schritt, vor Gericht zu ziehen, in einen größeren Zusammenhang:

“Viele versuchen unter schwierigen Bedingungen, ihre Arbeit bestmöglich zu machen, in einem System, das sie zermürbt und ihnen das Gefühl geben will, machtlos zu sein.” Seine Motivation begründet er kämpferisch: “Ich weiß nicht, wie diese Geschichte enden wird. Aber wenn ich es nicht versucht hätte, wäre das bereits eine Niederlage gewesen.”

Besorgniserregende Entwicklungen

Wie die OAZ berichtet, hat Amnesty International erklärt, dass die Kündigung Nunziatis keineswegs ein “Einzelfall” sei, sondern ein Zeichen für weit verbreitete Tendenzen, wonach die Presse- und Meinungsfreiheit in Italien bedroht sei.

Insbesondere die Berichterstattung über Palästina sei zunehmend von Zensur und repressiven Maßnahmen betroffen. Meinungsfreiheit dürfe nicht nur für ausgewählte Fälle gelten, so Amnesty. Die Organisation sprach sich dafür aus, dass Mitarbeiter von Medien besser institutionell geschützt werden müssten. Jegliche politische oder redaktionelle Einflussnahme sei zurückzuweisen. Das Recht der Bürger auf Information dürfe nicht eingeschränkt werden.

Auf der Solidaritätskundgebung werden zahlreiche prominente italienische Journalisten erwartet. Zudem haben Vertreter von Journalistenschulen und anderen Medienverbänden ihre Teilnahme zugesagt.

Ein unzulässiger Vergleich?

Zu der skandalösen und international beachteten Entlassung Nunziatis war es gekommen, nachdem der Korrespondent im Herbst 2025 – damals noch für die Agenzia Nova in Brüssel tätig – während einer Pressekonferenz der EU-Kommission der Sprecherin Paula Pinho eine kritische Frage zu Gaza gestellt hatte. Zuvor hatte die EU-Kommission wiederholt die Auffassung vertreten, Russland müsse für die Zerstörungen in der Ukraine Reparationen zahlen. Daraufhin stellte Nunziati folgende Frage:

“Wenn Russland für den Wiederaufbau der Ukraine zahlen muss, muss dann Israel für den Wiederaufbau des Gazastreifens zahlen?”

Pinho verweigerte die Beantwortung, bezeichnete die Frage jedoch als “sehr interessant”. Der Austausch zwischen Nunziati und Pinho wurde auf Video festgehalten und verbreitete sich in den sozialen Medien. Wenige Tage später beendete die italienische Nachrichtenagentur das Arbeitsverhältnis mit ihrem Brüsseler Reporter. Zur Erklärung führte die Agentur später an, die Frage sei “fachlich falsch” gewesen. Angeblich sei der Video-Mitschnitt von “russischen nationalistischen Kanälen” und “Medien mit Verbindungen zum politischen Islam” verbreitet worden – und habe die Agenzia Nova in Erklärungsnöte gebracht.

Unabhängig vom Ausgang des Gerichtsverfahrens dürfte der Prozess an sich erneut die internationale Aufmerksamkeit auf den Zustand der Presse- und Meinungsfreiheit in Europa lenken. Die OAZ fasst zusammen: “Im Kern geht es um die Frage, ob ein Journalist seinen Arbeitsplatz verlieren darf, weil er eine politisch unbequeme Frage gestellt hat.”

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