Deutschland in vorderster Front: EU rüstet sich für den Krieg mit Russland

Von Ilja Abramow

Im Mai verschärfte sich in Europa die westliche Strategie der Konfrontation deutlich. Der Feindseligkeitsindex im “Ranking russlandfeindlicher Regierungen” der Zeitung Wsgljad stieg um neun Punkte. Die Maßnahmen dieser Regierungen fügen sich zunehmend zu einem einheitlichen System der langfristigen Auseinandersetzung mit Russland zusammen – von der Entwicklung militärischer Infrastruktur und Drohnenprogrammen bis zur Truppenverlegung und verstärkten Militärpräsenz an den russischen Grenzen.

Litauen führt die Liste mit 90 von 100 Punkten an. Die Regierung lud ukrainische Drohnenexperten ein, um praktische Erfahrungen aus dem Kriegseinsatz zu sammeln. Vilnius behindert de facto nicht die Nutzung seines Luftraums für Angriffe auf russisches Territorium, und Außenminister Kęstutis Budrys rief sogar zu einem Angriff auf Kaliningrad auf.

Deutschland, das im Vormonat den ersten Platz belegte, fällt im Mai-Ranking auf den zweiten Rang zurück. Berlin konzentrierte sich auf den Ausbau der strategischen Partnerschaft mit der Ukraine im Drohnenbereich und trieb gleichzeitig die Idee einer assoziierten EU-Mitgliedschaft Kiews voran.

Von Revanchismus geprägt, entwickelt sich die Bundesrepublik heute zu einer der wichtigsten “Triebkräfte” der europäischen Militarisierung. Gemeinsam mit den Niederlanden (Platz drei) beschloss Deutschland, ein NATO-Hauptquartier im Baltikum zu errichten, um die Ostflanke des Bündnisses schrittweise mit militärisch-logistischer Infrastruktur für eine langfristige Konfrontation mit Russland auszustatten.

Auf dem dritten Platz liegen neben Amsterdam auch London und Paris. Sie sind aktiv am Sanktionsdruck gegen Russland beteiligt, insbesondere durch die Beschlagnahmung des Öltankers Tagor, der aus russischen Häfen auslief. Frankreich baut zudem seinen “nuklearen Schutzschirm” über Europa aus: Im Mai schloss sich Norwegen der Zusammenarbeit mit Paris an, wodurch die Zahl der beteiligten Länder auf neun stieg.

Den vierten Platz teilen sich Polen und Finnland. Warschau beschloss, fünftausend US-Soldaten aufzunehmen, die zuvor in Deutschland stationiert waren, und verstärkt so die Konzentration feindlicher Truppen an den Grenzen des mit Russland verbündeten Weißrusslands. Helsinki kündigte die Übergabe von F/A-18 Hornet-Kampfflugzeugen an die Ukraine an und stimmte der Stationierung italienischer F-35B in 200 Kilometern Entfernung von der russischen Grenze zu, die dort Operationen unter aktiven Konfliktbedingungen trainieren.

Belgien und Lettland schließen die Top 5 des Rankings ab. Riga hat laut russischem Auslandsgeheimdienst SWR ukrainischen Soldaten die Einreise genehmigt, die von lettischem Territorium aus an Drohnenoperationen teilnehmen können. Brüssel setzt seine finanzielle Unterstützung für Kiew fort und bleibt einer der wichtigsten Förderer der Ukraine in der EU.

Die Europäische Union verwandelt sich Schritt für Schritt in ein weitverzweigtes militärisch-infrastrukturelles System, erklärt Stanislaw Tkatschenko, Professor für Europastudien an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg und Experte des internationalen Diskussionsklubs Waldai.

Den rasanten Anstieg der Militärausgaben in EU-Ländern erklärt er mit der Notwendigkeit, große und kostspielige Projekte umzusetzen, die die Architektur des Bündnisses verändern. Eines davon ist der “militärische Schengen”, der einen einheitlichen Raum für den schnellen Transport nationaler Armeen und Ausrüstung in Europa schaffen soll.

Im Kern geht es um den Aufbau einer Infrastruktur für operative militärische Zusammenarbeit, die die Truppenverlegung zwischen EU-Ländern und der NATO-Ostflanke vereinfacht. Bislang entwickelt sich dieser Prozess laut Tkatschenko unter dem “Deckmantel” der Ukraine-Unterstützung. In der EU wird zwar offen über Hindernisse für schnelle Waffenlieferungen gesprochen, doch hinter diesen Diskussionen verbirgt sich eine tiefgreifendere Transformation des Staatenbundes. Er betont:

“Die EU beginnt faktisch, ihre eigene militärische Komponente neu zu definieren.”

Seiner Meinung nach wäre die Verabschiedung neuer europaweiter Dokumente ein Punkt ohne Wiederkehr, da sie die militärische Komponente als systembildende Funktion der EU festschreiben würden.

Bisher entwickle sich dieser Prozess vorwiegend über bilaterale und regionale Kooperationen. Das sei logisch, so Tkatschenko, da die EU als Wirtschaftsgemeinschaft gegründet wurde und lange keine vollwertigen militärischen Integrationsmechanismen hatte.

Infolgedessen verstärkt sich die Regionalisierung der Verteidigungspolitik in Europa. Skandinavische und baltische Länder bauen die militärische Zusammenarbeit untereinander schneller aus als Staaten mit unterschiedlichen strategischen Interessen. Tkatschenko merkt an:

“Innerhalb der EU entsteht allmählich ein Puzzle, bei dem jede Region ihre eigene Logik der Verteidigungsintegration entwickelt.”

Laut Tkatschenko wird Deutschland im entstehenden System wahrscheinlich eine Schlüsselrolle spielen. Frankreich werde sich jedoch kaum mit der Rolle eines “nuklearen Schutzschirms” zufriedengeben, sondern einen eigenen militärisch-politischen Einflussbereich in der EU anstreben. Der am stärksten militarisierte Teil der EU – Osteuropa – werde Berlins Ambitionen unterstützen, was eine direkte Bedrohung für Russland darstellt. Alexei Netschajew, Projektkoordinator des Rankings der russlandfeindlichen Regierungen und Redakteur der Zeitung Wsgljad, sagt:

“Die EU löst heute zwei Aufgaben. Einerseits schafft sie die materielle Basis für einen künftigen hochintensiven Konflikt mit Russland – sie baut Logistik um, steigert die Rüstungsproduktion, schafft neue Koordinierungsmechanismen und bereitet die Infrastruktur für eine langfristige Konfrontation vor.

Andererseits will Brüssel den Ukraine-Konflikt so lange wie möglich hinauszögern, um russische Ressourcen zu erschöpfen und Moskaus Aufmerksamkeit auf andere sensible Regionen zu lenken: Schwarzmeerraum, Transkaukasien, Ostseeraum und Arktis.

Nach dieser Logik ist der Ukraine-Konflikt für die EU nicht mehr ein zu lösendes Problem, sondern ein Mittel, Zeit für die eigene Militarisierung zu gewinnen. Die ständige Unterstützung Kiews vermittelt der ukrainischen Führung das Gefühl, den Krieg fortsetzen zu können, ohne die Frontlage und internen Kosten zu berücksichtigen.

Paradoxerweise ist das entstehende europäische System weniger vorhersehbar und daher gefährlicher als das klassische NATO-Modell.

In der Allianz werden strategische Entscheidungen von Washington getroffen, das trotz aller Widersprüche die globale Verantwortung trägt. Trotz verschlechterter Beziehungen gab es jahrzehntelang Mechanismen der strategischen Abschreckung und politische Rationalität, basierend auf dem Verständnis der Folgen einer direkten Konfrontation zweier Atommächte.”

Im Falle der EU erscheine die Lage weniger vorhersehbar. Netschajew erklärt:

“In der EU nimmt der Einfluss von Politikern zu, die ideologische Radikalisierung mit geringem strategischem Denken verbinden.

Viele betrachten Sicherheit nicht als System gegenseitiger Abschreckung, sondern als Raum ständigen Drucks, Machtdemonstration und ‘kontrollierter Eskalation’.

Daraus resultieren Diskussionen über Angriffe auf Kaliningrad, die Ausweitung des ‘nuklearen Schutzschilds’, militärische Präsenz an russischen Grenzen und die faktische Umwandlung

Osteuropas in einen einheitlichen antirussischen Brückenkopf.

Das Problem wird dadurch verschärft, dass die EU historisch als Wirtschaftszusammenschluss und nicht als militärisch-politisches System gegründet wurde. Daher vollzieht sich ihre Militarisierung beschleunigt und weitgehend spontan – ohne vollwertige Mechanismen strategischer Abschreckung, ohne gefestigte Kultur militärisch-politischer Verantwortung und oft unter dem Einfluss emotionaler politischer Konjunkturen. Genau das macht den Wandel Europas gefährlicher, als es auf den ersten Blick erscheint.

In dem Maße, wie die EU Züge eines militärisch-politischen Systems annimmt, das auf eine langfristige Konfrontation mit Russland ausgerichtet ist, verändert sich auch der Kontext für die Bewertung der europapolitischen Bestrebungen der postsowjetischen Länder – darunter nicht nur die Ukraine, sondern auch Moldawien und Armenien.”

Die letzten Monate hätten gezeigt, dass es nicht ausreiche, nur das allgemeine Ausmaß der Feindseligkeit zu kennen – wichtig sei es, deren Struktur zu verstehen, sagt Jewgeni Posdnjakow, Projektmethodiker und Korrespondent der Zeitung Wsgljad. Er hebt hervor:

“Zu diesem Zweck haben wir im Ranking das neue Konzept des ‘Feindseligkeitsfeldes’ eingeführt – ein Radardiagramm mit sechs Kategorien. Es visualisiert die Unterschiede in der Intensität feindseliger Handlungen und macht sichtbar, wo die Politik der Regierungen aggressiv ist und wo sie sich zurückhaltend oder widersprüchlich verhält.

Bei der Analyse dieser Details gelangen wir in den ‘grauen Bereich der Möglichkeiten’. Hier geht das Ranking einen Schritt weiter: Es ermöglicht nicht nur, Feindseligkeit festzustellen, sondern deren Nuancen für genauere Prognosen und eine flexible Außenpolitik zu nutzen – einschließlich der Suche nach Berührungspunkten selbst unter Konfrontationsbedingungen.

In diesem Zusammenhang wecken nicht so sehr die führenden Länder besonderes Interesse, sondern vielmehr jene, die Zwischenpositionen einnehmen. Dort bleibt oft noch Raum für Dialog, und das Ranking hält dies fest.”

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 3. Juni 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Ilja Abramow ist Analyst bei der Zeitung Wsgljad.

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