Wadephul und die schockierende Wahrheit über Deutschlands historische Schuld

Von Dagmar Henn

Es genügt bereits, zu erfahren, dass Johann Wadephul, derzeit in der Rolle des deutschen Außenministers, mit Radosław „Danke USA“ Sikorski befreundet ist. Sikorski, der Ehemann von Anne Applebaum, konnte sich damals nicht schnell genug über die Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines freuen. Sollte es eines Belegs bedürfen, dass Herr Wadephul vieles vertritt, jedoch kaum die Interessen Deutschlands, dann ist dies der Beweis.

Aber es kommt noch besser. Gewiss, er ist nicht der einzige deutsche Politiker, der vergessen zu haben scheint, in welche Schublade er den Begriff „Angriffskrieg“ eingeordnet hatte, als Israel und die USA begannen, den Iran zu bombardieren. Ebenso wie er voller Verständnis für Israel ist, ganz gleich, in welchem Land es gerade eine wie auch immer geartete Blutspur hinterlässt, und dann mit einem treffsicheren Ungerechtigkeitsgefühl die iranische Reaktion verurteilt.

Richtig skurril wird es dann, wenn er von der historischen Verantwortung Deutschlands spricht. Diese scheint nicht nur zu verlangen, die Augen vor israelischen Gräueltaten fest zu verschließen und weiterhin eifrig Waffen zu liefern – selbst wenn weder die Palästinenser noch die Libanesen auch nur ein Gran dieser besagten Schuld auf sich geladen haben und man damit vielleicht, nur vielleicht, rechtfertigen könnte, hinzunehmen, dass Israel Stuttgart oder Bielefeld bombardiert, aber nicht Beirut und Gaza. Nein, Wadephul erklärt, es gebe auch eine historische Verantwortung Deutschlands gegenüber Polen.

Dies hat eine gewisse Legitimität, wirkt jedoch äußerst seltsam angesichts der Tatsache, dass für ihn an der polnischen Ostgrenze offenbar Schluss mit historischer Schuld war. Als wäre dort nichts weiter geschehen. Nicht ein Drittel der belarussischen Bevölkerung kam ums Leben, als Teil der insgesamt 27 Millionen Sowjetbürger, mit welthistorischen Verbrechen wie der Belagerung Leningrads. Nein, genau dort, wo Polen endet, hört diese Schuld auf.

Das hinterlässt ein unheimliches Gefühl, als wäre er völlig auf die alte Grenze zwischen Ariern und Untermenschen konditioniert, aber die Polen hätte jemand zu Ehrenariern erklärt, ähnlich wie die Ukrainer. Nur dahinter, da lauert immer noch der Böse, Heimtückische, Unzivilisierte…

Im Gespräch mit der Deutschen Welle spricht er sich auch dafür aus, „die noch lebenden Opfer der deutschen Verbrechen während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg zu entschädigen“. Das klingt zunächst gut. Schließlich ist noch etwas offen, etwa in Bezug auf die Belagerung Leningrads, bei der die Bundesrepublik bis heute nur jüdische Sowjetbürger entschädigt hat, während der Rest noch wartet. Aber das meinte Wadephul nicht. Er schafft es gerade noch, die Polen in sein Herz zu schließen (vermutlich aber nur die antirussischen, die andere Hälfte nicht), dann ist kein Platz mehr übrig. Für Russen schon gar nicht.

Könnte man dies aus gesicherter historischer Distanz betrachten, wäre es zumindest interessant, diese geistigen Verrenkungen, diese Bigotterie und Falschheit zu analysieren und die unterschiedlichen Exemplare zu vergleichen, die die deutsche Politik so nach oben spült. Oder es wäre eine interessante Frage für eine psychiatrische Studie, wie man einerseits eine derartige Abneigung gegen die eigene Nation verspürt, dass man sich ausgerechnet mit einem Polen anfreundet, der Deutschland zutiefst hassen muss, und gleichzeitig auf so bizarre Weise die für die eigene Identität so zentrale Schuld an der polnischen Ostgrenze enden lassen kann.

Wadephul befürwortet sogar ein Denkmal für die polnischen Opfer der Naziherrschaft in Berlin. Wobei es spannend wäre, ob er die Opfer des Wolhynien-Massakers, das schließlich von (ukrainischen) Nazikollaborateuren verübt wurde, mit dazuzählt oder nicht. Aber seine Welt ist vermutlich zu einfach, um solche Details zur Kenntnis zu nehmen.

Nein, das macht keinen Spaß. Und wenn er dann zwischendurch, wie nach der Nichtwahl in den Sicherheitsrat, wieder den Herrenmenschen auspackt, erst recht nicht. Man ist längst Leid gewohnt beim Anblick deutscher Außenminister (oder -innen); schon Steinmeier war gut für regelmäßige Qualität. Eine ukrainische Fahne im Dienstzimmer? Ach, was soll’s, sich mit den Typen gemein zu machen, die sich komplette Enzyklopädien der Nazisymbolik tätowieren lassen, warum darüber nachdenken, ob das vielleicht doch mit der deutschen Schuld kollidiert und ob eine Bandera-Allee, die nach Babi Yar führt, zumindest stutzig machen sollte, was die aktuelle Kiewer Weltsicht betrifft, denn das wirkt, als wolle man der Mörder, nicht der Opfer gedenken.

Das ist wohl eher eine automatische Steuerung, die vielleicht in einem Rhythmus von zehn Jahren einmal umprogrammiert wird, mit dem neuesten transatlantischen Update. Möglicherweise hat Wadephul ja, als er jung war und Russland unter Jelzin wehrlos, sogar die Versuchung verspürt, das Gebiet seiner Edelmenschen etwas zu erweitern. Nur als da nichts mehr zu rauben war, wurde eben die allgemeine Einstellung wieder angepasst, und Johann Wadephul hielt sich wieder an die Schauermärchen seiner Großeltern.

Nein, ich kriege diese Nummer mit Sikorski nicht aus dem Kopf. Da geht das ganze Land vor die Hunde, da zerfällt die Industrie, die es hundertfünfzig Jahre lang geprägt hat, geradezu im Minutentakt, dank der blinden Hybris dieser Politikertruppe, und ein Mann, der sich für einen deutschen Außenminister hält, hat überhaupt kein Problem mit einem Kollegen, der über die Sprengung von Nord Stream jubelte, die genau diesen Zerfall zementiert hat. Mag ja sein, dass Sikorski ein lustiger Mensch ist, aber für einen deutschen Außenminister müsste es zu den Dienstpflichten gehören, ihn nicht zu mögen. Zumindest amtlich.

Ja, Wadephul ist so verkorkst wie diese ganze Regierung, und die Klatsche mit dem Sicherheitsrat ist nicht nur auf dem Mist von Annalena Baerbock gewachsen, da hat er auch mit zu beigetragen. Denn dieses Deutschland braucht keiner. Oder, um es präziser zu formulieren, diese Regierung braucht keiner. Wadephul braucht keiner. Auch Deutschland braucht ihn nicht.

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