Ines Geipel enthüllt: Der MDR und der blinde braune Fleck der BRD

Von Dagmar Henn

Jede Medaille hat zwei Seiten. Ein Bericht des MDR vom Dienstag bringt dies in Erinnerung. Während andere Medien allmählich die Diskussion über die kürzlich (nach 85 Jahren!) freigegebene NSDAP-Mitgliederkartei eröffnen, nutzt das MDR-Kulturdesk umgehend die Chance, daraus eine Erzählung gegen die DDR zu konstruieren. Ausgerechnet.

Als Kronzeugin fungiert Ines Geipel, die selbst als Kind gut integrierter Eltern in der DDR aufwuchs und es schaffte, als „Kronzeugin“ über Doping in der DDR ihre Karriere im Westen zu sichern. Ihr scheint jedoch jegliches Wissen über die westdeutsche Historie zu fehlen. Das ist natürlich praktisch, wenn jemand als Brecheisen gegen die DDR dienen soll, die angeblich den Antifaschismus nur oberflächlich zelebriert habe (im Gegensatz zur Bundesrepublik, die ernsthaft aufgearbeitet haben soll).

Geipel, die längst ihren Ruhestand genießen könnte (dank Verrat und Professur bestens abgesichert), kann es nicht lassen, dem MDR die gewünschten Schlagworte zu liefern. Der MDR startet mit der Behauptung, die SED habe in den 1950ern so viele Mitglieder gehabt, wie es NSDAP-Mitglieder unter den DDR-Bürgern gab.

Diese These ist jedoch bereits geschönt. Denn der Anteil der NSDAP-Mitglieder in der BRD entspricht nicht einfach dem Anteil an der deutschen Gesamtbevölkerung. Es gab Wanderungsbewegungen: Nazis zog es in den Westen. Auch Absprachen spielten eine Rolle, die noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem US-amerikanischen OSS oder den Briten getroffen wurden. Andererseits zog es die überlebenden KPD-Mitglieder in den Osten – so sehr, dass drakonische Strafen verhängt wurden, um die Parteistruktur im Westen zu erhalten. Wer in den Osten ging, wurde aus der Partei ausgeschlossen. Das tut man nicht, wenn kein ernstes Problem besteht. Nach dem Verbot der KPD im Westen 1956 wurde das etwas gelockert – wem eine Gefängnisstrafe drohte, durfte in die DDR kommen.

Man muss es nüchtern betrachten: Die Wahrscheinlichkeit für Nazis, völlig ungestraft davonzukommen, war im Westen deutlich höher. Selbst für SS-Offiziere und Kriegsverbrecher. US-Soldaten erschossen zwar in den ersten Wochen nach Kriegsende jeden, den sie mit einer Blutgruppentätowierung erwischten, aber nach Franklin Roosevelts Tod sorgte Harry Truman schnell für eine Kursänderung.

Doch schauen wir auf Geipels Antwort. Die Zahl der NSDAP-Mitglieder sage etwas darüber aus, „wie instrumentell Geschichtspolitik in der DDR betrieben wurde – all das wurde ja massiv überdeckt. Die DDR war ein einziges Widerstandsland mit ausschließlich Opfern“.

Eine Aussage, die, ehrlich gesagt, auf die Niederlande oder Österreich besser zuträfe. Denn dort wurde tatsächlich viel zugedeckt.

Nun, es gibt statistische Daten, die den realen Umgang bezeugen. Den mit den Naziverbrechern. Die viermal so große BRD eröffnete 140.000 Verfahren, verurteilte aber nur 6.600 Personen und stellte 91.000 Verfahren ein. Die DDR eröffnete bis zu 30.000 Ermittlungsverfahren (noch 1989 liefen viele davon), verurteilte 12.890 Personen und stellte nur 3.700 Verfahren ein.

Zuvor gab es jedoch die Justiz der Besatzungsmächte, die unter anderem die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse führten. Auch hier gab es denselben massiven Unterschied: Im Westen wurden 5.025 Personen verurteilt, 486 hingerichtet – allerdings kamen viele Verurteilte Anfang der 1950er wieder frei, wie unter anderem die Angeklagten in den Prozessen gegen die deutsche Industrie. Die sowjetischen Militärtribunale (die bereits während des Krieges Informationen über die Kriegsverbrechen im Osten sammelten) verurteilten 45.000 Menschen. Weitere 26.000 Verfahren fanden in der Sowjetunion statt.

Wo also wurde überdeckt?

Was das „Widerstandsland“ betrifft: Der Anteil der Exilanten und Widerstandskämpfer in den Regierungen der DDR betrug zu Beginn fast 100 Prozent; selbst Erich Honecker als letzter Regierungschef hatte zehn Jahre in Nazihaft verbracht. In der BRD war der einzige Kanzler, der wirklich Widerstand geleistet hatte, Willy Brandt, der dafür von der Westpresse massiv angegriffen wurde. Ich habe die Bild-Schlagzeilen über den „Verräter Herbert Frahm“ noch selbst gesehen. Weniger als zehn Prozent der Minister unter Adenauer waren irgendwie von den Nazis verfolgt. Konrad Adenauer selbst hatte nur einige Tage in Haft verbracht. Es ist belegt, dass er 1935 auf ein Angebot eines illegalen KPD-Vertreters zur Zusammenarbeit gegen Hitler erklärte, mit den Nazis könne man noch gute Geschäfte machen.

Ein Unterschied? Ja, dazu muss man aber Minister wie Theodor Oberländer nehmen, der einst Verbindungsoffizier der Wehrmacht zum Bataillon Nachtigall war und damit das Pogrom in Lemberg kommandierte … Vertriebenenminister unter Adenauer. Nur so als Beispiel.

Das lässt sich alles nachlesen, im Braunbuch. 1965 in der DDR erschienen und noch immer eine Sammlung, die zumindest eine Ahnung vermittelt, wie der Apparat in der BRD wirklich aussah.

Aber zurück zum MDR. Die Konvertitin Geipel bekommt die Häppchen natürlich mundgerecht vorgelegt. Etwa mit der Bemerkung, „mehr als ein Viertel der frühen SED-Mitglieder“ sei „vorher in der NSDAP“ gewesen. Und Geipel erwidert scheinheilig: „Wir sollten schauen, dass es zu einer inneren Demokratisierung kommen kann und nicht einfach eine Skandalgeschichte nach der anderen hier sozusagen die Oberflächenphänomene bedient.“ Gefragt sei „Biografiearbeit“.

Ja, schon witzig, wenn diese West-Überläuferin einen Effekt herbeifabuliert, ohne die mindeste Ahnung zu haben, wie bedeutsam der Zugang zu diesen Informationen einst im Westen gewesen wäre und wie lächerlich die Wirkung heute noch ist. Die gesamte NSDAP-Mitgliedskartei befand sich jahrzehntelang in US-amerikanischen Händen und gelangte erst nach 1989 in bundesdeutsche Archive. Trotz Forderungen wurde sie noch lange nicht freigegeben. Schließlich trat der letzte bundesdeutsche Minister mit bekannter NSDAP-Vergangenheit, der bayerische Justizminister Alfred Seidl, erst 1981 zurück.

Geipel hat ihrer profitablen Karriere jede Wahrnehmung der Schattenseiten der Westrepublik geopfert. Sie spricht davon, die „Gedächtniskorridore des Landes“ würden sich „noch mal neu sortieren“, vor allem im Verhältnis Ost-West. „Dass wir endlich aufhören, uns die Dinge rüberzuschieben, sondern sagen: Hitler war eine Geschichte aller Deutschen. Wir sind eine Tätergesellschaft.“

Nein. Da muss ich mich deutlich verweigern. Denn die Nachgeborenen haben die Wahl; sie müssen nicht den Pfaden ihrer Vorväter folgen. Ich habe nachgesehen; meine beiden Großväter waren bereits 1932 in der NSDAP. Aber ich habe mit zwölf in München kommunistische Flugblätter verteilt und mir dafür hundertfach anhören müssen, ins Arbeitslager oder ins Gas zu gehören.

Der Osten, behauptet Geipel, habe „immer noch einen längeren Weg“ und das habe „mit diesem stillgestellten DDR-Narrativ zu tun“.

Ein längerer Weg wohin? Zur Kriegslüsternheit, zum Russenhass und all den anderen Dingen, die gerade wieder hochschwappen? Auch institutionell –

man vergleiche einmal die Änderungen des Beamtenrechts, die Nancy Faeser einführte, mit dem “Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” von 1933. “Der Osten hat hier noch mal andere Hürden abzuräumen”?

Nichts da. Ich machte 1981 in Bayern Abitur; das Geschichtsbuch endete damals im Jahr 1918. Alles, was ich über die Zeit zwischen 1933 und 1945 weiß, musste ich mir selbst suchen, weiß ich aus Erzählungen ehemaliger Häftlinge oder deren Angehöriger, aus dem, was es im Westen so an Literatur über Widerstand und Verfolgung oder die Kontinuität gab. Aus Büchern von Autoren wie Bernt Engelmann. Die, auch das sollte man sagen, viele Informationen aus der DDR erhielten. Über Personen wie Oberländer beispielsweise.

“Wir können die Massenmörder im Osten nicht mehr befragen, sie sind tot”, meint Geipel. Das stimmt sicherlich. Die im Westen sind es auch, allerdings weitaus seltener, weil sie verurteilt wurden, die vergingen eher an Altersschwäche, unter Genuss einer großzügigen Pension. Aber die Daten über Verurteilungen zeigen, dass das Angebot an “Massenmördern im Osten” weitaus geringer gewesen sein dürfte. Ganz anders im Westen. Gerade erst hat die Journalistin Gaby Weber, die seit vielen Jahren unter anderem an der Geschichte arbeitet, wie Adolf Eichmann etwa vom BND gedeckt wurde (selbst eine erlesene Sammlung von Kriegsverbrechern), einen weiteren Prozess um die Freigabe der BND-Akten verloren, weil die Akten immer noch der Bundesrepublik schaden könnten.

“Verbunkerung”, “Geschichtsvakuum” – solche wie Geipel haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die kurze klare Sicht auf die NS-Traditionen der Bundesrepublik (etwa von 1981 bis 1990) mit Vorwürfen gegen die DDR wieder zuzukleistern. Ohne auch nur ansatzweise wahrzunehmen, dass die Bundesrepublik als Staat begann, in dem Nazirichter Recht sprachen, Nazigeneräle eine Armee aufbauten, Nazipolizisten (die übrigens alle in die Morde im Osten involviert waren) die Staatsmacht sicherten, Naziindustrielle über die Wirtschaft entschieden (nur zwei Stichworte: Hermann Josef Abs und Hanns Martin Schleyer). Selbst die reichlich perversen Erziehungsvorstellungen der Nazis blieben mit dem Buch “Die deutsche Mutter” über Jahrzehnte prägend.

Egal, im Osten war das alles schlimmer, behauptet Geipel. Mit solcher Verve kann man das nur behaupten, wenn man nicht den leisesten Schimmer hat, welche Verwerfungen und welchen Schmerz dieser elende Zustand in der Geschichte der Bundesrepublik ausgelöst hat. Die RAF war das Produkt dieses entsetzlichen Schweigens. Und der Naziparagraf 175 im Strafgesetzbuch verschwand in der BRD erst nach der Wiedervereinigung, weil das Nazirecht nur in kleinen Dosen aus den Gesetzbüchern entfernt wurde.

Und seit es die Legende von den “zwei Diktaturen” gibt, der Adenauersche braune Sumpf also gewissermaßen die Absolution erhalten hat, schwindet auch das Wissen um die wahre Geschichte der Bundesrepublik. Darum muss man dann solch dummes Geschwätz lesen wie das von Geipel und zusehen, wie das bundesrepublikanisierte Deutschland immer mehr Puzzleteile der alten Gesinnung wieder hervorkramt.

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