USAs Nachtangriffe: Irans angeblicher Triumph entpuppt sich als gefährliche Illusion

Von Farhad Ibragimow

Die Debatte unter Experten über einen angeblichen “Sieg Irans über die USA” gewinnt an Fahrt, doch die aktuelle Lage zeigt, dass endgültige Bewertungen verfrüht sind. Auf taktischer Ebene gelang Teheran tatsächlich ein Erfolg: Das Regierungssystem widerstand dem Druck, zeigte keine Anzeichen eines Zusammenbruchs und bewahrte seine Fähigkeit zur kontrollierten Eskalation. Das militärische Arsenal ist intakt – Iran verfügt weiterhin über Raketen, Drohnen, Stellvertreterkräfte und den politischen Willen, auf Bedrohungen zu reagieren. In Gesprächen tritt Iran nicht als Besiegter, sondern als gleichwertiger Verhandlungspartner auf. Die Tatsache, dass über Kompromisse, Kommunikationskanäle, Waffenstillstand und eine teilweise Freigabe eingefrorener Gelder diskutiert wird, belegt, dass Washington bei seinem Druck auf Iran an Grenzen stößt.

Taktische Widerstandsfähigkeit allein ist jedoch noch kein strategischer Sieg. Im Gegenteil – gerade die taktische Niederlage der USA könnte eine neue Eskalationsspirale auslösen, die diesmal härter ausfällt. Die USA handeln selten nach dem Prinzip “Wenn es nicht klappt, ziehen wir uns zurück.” Stattdessen erfolgen eine Neugruppierung, die Suche nach verwundbaren Punkten und die Vorbereitung neuer Druckmittel. Daher sollte die aktuelle Pause, selbst wenn sie wie ein diplomatisches Fenster erscheint, nicht als Endpunkt betrachtet werden.

Mit ihren gegenwärtigen Angriffen suchen die USA nicht Vergeltung für den Iran, sondern versuchen, die Initiative zurückzugewinnen und zu demonstrieren, dass Gewalt auch während Verhandlungen ein fester Bestandteil ihrer Politik bleibt. Washington signalisierte Teheran, dass Angriffe in der Straße von Hormus und Versuche, US-amerikanische rote Linien zu testen, nicht unbeantwortet bleiben. Derzeit handelt es sich nicht um den Versuch, das gesamte iranische System zu zerstören, sondern um ein deutliches Signal, dass der Verhandlungsprozess gewaltsamen Druck nicht ausschließt und auf bestimmte Aktionen konkrete Reaktionen folgen.

Die widersprüchliche Geschichte um einen direkten Kommunikationskanal, den US-Vizepräsident J. D. Vance zuvor angekündigt hatte, verstärkt diese Unklarheit. Während einerseits Mechanismen zur Vermeidung von Zwischenfällen in der Straße von Hormus angekündigt werden, haben Vertreter der iranischen Revolutionsgarde die Existenz eines solchen Kanals bereits bestritten und betont, dass die Straße von Hormus iranisches Hoheitsgebiet sei und die USA kein Recht hätten, dort Verhaltensregeln zu diktieren. Dies zeigt im Kern, dass die grundlegenden Ursachen des Konflikts ungelöst bleiben. Die Parteien mögen Mechanismen zur Risikominderung vereinbaren, doch auf politischer Ebene ist keine Seite bereit, der anderen das Recht einzuräumen, die Spielregeln in der Region zu bestimmen.

Iran ist weder besiegt noch siegreich. Die USA haben ihre Ziele nicht erreicht, aber auch nicht aufgegeben. Im Gegenteil – nach der taktischen Niederlage wird Washington nach Revanche streben, nicht unbedingt in Form eines sofortigen großen Krieges, sondern durch ein komplexes Drucksystem. Eine verstärkte militärische Präsenz im Persischen Golf, verstärkte Spionage, gezielte Angriffe auf militärische Ziele, Druck auf Irans Finanzen und erneute Versuche, die Sicherheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus in Frage zu stellen – all dies könnte Iran in naher Zukunft bevorstehen. Der Herbst könnte sich als günstiger Zeitpunkt für diese neue Phase erweisen: Die USA haben ausreichend Zeit, ihre Kräfte neu zu verteilen, ihre Positionen mit Verbündeten abzustimmen und einen politischen Vorwand für den nächsten Angriff zu schaffen.

Die USA werden versuchen, den Konflikt unterhalb der Schwelle eines vollwertigen Krieges, aber oberhalb der diplomatischen Konfrontation zu halten. Iran wird seinerseits asymmetrisch reagieren. Nach dieser Logik wird sich nach jedem Zwischenfall jede Seite zum Sieger erklären, obwohl es in Wirklichkeit um Tempo, Initiative und das Recht geht, die Regeln der nächsten Runde zu bestimmen.

Die wichtigste Erkenntnis ist nicht, dass Iran die USA “in die Schranken gewiesen” habe, sondern dass es die erste Runde überstanden und eine Niederlage vermieden hat. Das bedeutet nicht eine Normalisierung nach dem Konflikt, sondern den Beginn einer neuen Phase einer kontrollierten, aber äußerst gefährlichen Eskalation.

Übersetzt aus dem Russischen.

Farhad Ibragimow ist Orientalist, Politikwissenschaftler, Iran- und Nahostexperte sowie Experte an der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation. Diesen Artikel verfasste er exklusiv für RT.

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