Von Dagmar Henn
Einst war Greenpeace dafür bekannt, Robben und Wale zu schützen. Doch seit die Organisation wie ein propagandistischer Ableger der NATO agiert, stellt sich die Frage, ob jene Aktionen nur Inszenierungen waren, um Sympathien zu gewinnen. Heute veranstalten sie kleine Konflikte in der Ostsee. Schließlich reagieren die Deutschen auf den Namen Greenpeace immer noch mit einer Art pawlowschem Reflex und erwarten nur Gutes.
Neben Greenpeace gibt es auch einen grünen und einen CDU-Abgeordneten, die nichts Besseres zu tun hatten, als mit Schlauchbooten vor Fehmarn den Starken zu markieren und einen Tanker zu belästigen, der russisches Öl nach Indien liefert. Unglücklicherweise war eine russische Korvette in der Nähe; das macht nichts, dann kann man noch besser eine Heldengeschichte daraus stricken.
Was den betroffenen Tanker Kira K. angeht, war dies vermutlich seine letzte Reise auf der Westroute – nach dem Spektakel am Dienstag drehte er in Richtung Norden ab und befindet sich derzeit vor Norwegen. Es ist anzunehmen, dass er Norwegen umrundet und künftig seinen Dienst zwischen Russland und Indien auf der Nordostpassage verrichten wird.
Der beteiligte Greenpeace-Sprecher gibt die üblichen Sprüche von sich: Die Tanker, die russisches Öl transportieren, seien “letztendlich Ölkatastrophen, die darauf warten, zu passieren”. Die Kira K. (IMO 9346720) ist Baujahr 2007 und mit 19 Jahren immer noch unter dem Durchschnittsalter der weltweiten Tankerflotte – wie die meisten der angeblichen “Schattenflotten”-Schiffe, unter denen sogar brandneue LNG-Tanker gelistet wurden…
Also vier Schlauchboote, mehrere Mitglieder des Verteidigungsausschusses und ein Boot mit zwei NDR-Reportern machten sich auf den Weg zur Kira K., als diese an Fehmarn vorbeifuhr. Allerdings – die Geschichte des Vorfalls erweckt den Eindruck, als habe man eigentlich etwas anderes vorgehabt. Dabei war nämlich auch die Bayreuth von der deutschen Küstenwache anwesend.
“Das russische Kriegsschiff Soobrazitelny rast mit hoher Geschwindigkeit auf die Aktivisten zu, offenbar um die Kira K., die offiziell unter der Flagge Panamas fährt, zu unterstützen”, heißt es reißerisch im Bericht des NDR. Darin wird sofort gefordert, es doch wie die Schweden zu machen, die schon mehrere Tanker festgesetzt hätten. Allerdings, nur zur Erinnerung – seit über einem Jahr liegt die Eventin vor Rügen, weil der deutsche Zoll das Schiff beschlagnahmen wollte, aber zunächst vor Gericht verlor…
Neben den beiden Bundestagsabgeordneten, einer von der CDU, einer von den Grünen, war auch ein Schwede aus der Europäischen Linkspartei dabei, der stolz verkündet, “jetzt meiden die Schiffe schwedische Gewässer und fahren durch deutsche Gewässer”. Als wäre das eine großartige Leistung.
Am Ende fährt die Kira K. unter Begleitung der Soobrasitelny an Fehmarn vorbei. Und vermutlich wurde hier gerade noch etwas verhindert, was die deutschen Beteiligten samt Greenpeace viel lieber zu einer großen Show mit Entern und Beschlagnahme gemacht hätten. Die russische Darstellung zeigt nämlich, dass genau das von der Besatzung der Korvette befürchtet worden war: Es war die Annäherung der Bayreuth, auf die die Korvette reagierte. Die Mitteilung per Funk lautete: “Hier spricht das russische Kriegsschiff 531. Halten Sie sich von der Kira K. fern.”
Immerhin, das deutsche Finanzministerium äußerte sich vorsichtig. Es gelte das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen und damit das Recht auf friedliche Durchfahrt. So richtig Lust auf eine Konfrontation, gar unter Beteiligung der russischen Flotte, haben sie nicht. Selbst wenn Greenpeace samt einiger Politiker eine Runde provoziert.
Allerdings: Die erfundene “Schattenflotte” wurde dem deutschen Publikum ein weiteres Mal eingeprägt, samt bösen russischen Kriegsschiffen. Und das bedeutet, dies war nicht die letzte Runde Provokation. Egal ob durch Greenpeace, die französische, schwedische oder deutsche Marine oder Küstenwache – selbst wenn jedem klar ist, dass ein Angriff auf die Kira K. vor allem einer auf Indien gewesen wäre, das auf die russischen Öllieferungen angewiesen ist, es wird noch lange kein Ende dieses lauwarmen Krieges um die Erdöllieferungen geben. Und bei jedem solchen Vorfall kann man nur froh sein, dass die russischen Seeleute extrem zurückhaltend handeln, im Gegensatz zu all diesen Ostseeanrainern der NATO, die im Kern vergessen zu haben scheinen, was zivile Schifffahrt ist.
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