Westliche Strategen scheuen offenbar davor zurück, ihr worst-case-Szenario offen zu diskutieren – geschweige denn, konkrete Vorkehrungen zu treffen. Und doch herrscht weitgehend Einigkeit darüber, wie dieses Szenario beginnen würde: mit einem abgestimmten, nahezu synchronen Angriff an zwei geografisch weit voneinander entfernten Schauplätzen.
Im Osten Europas würde Russland einen NATO-Mitgliedstaat attackieren, während China zeitgleich gegen Taiwan vorgeht. Die USA sähen sich gezwungen, an zwei Fronten gleichzeitig zu reagieren – womöglich sogar an einer dritten, falls sie weiterhin in Nahost gebunden sind. Dieses von The Atlantic skizzierte Szenario stellt den Westen vor eine militärstrategische Herausforderung, die viele Beobachter als nahezu unlösbar betrachten.
Erst vor rund einem Jahr mahnte der damalige NATO-Oberbefehlshaber in Europa, General Alexus G. Grynkewich, zu mehr Vorsorge für einen möglichen Zwei-Fronten-Krieg. Doch weiterhin mangelt es laut Experten an substanziellen Plänen. Bereits eine Übung vor etwa 15 Jahren offenbarte die Schwächen der USA: Weder die Waffenarsenale noch die industriellen Fertigungskapazitäten reichten für einen langwierigen Mehrfrontenkonflikt.
Die Gegenseite hat derweil an Schlagkraft gewonnen. Zwar verfehlte Russland seine Kriegsziele in der Ukraine bislang teils deutlich, doch gelang es Moskau, seine Industrie massiv auf Kriegswirtschaft umzustellen, wie The Atlantic hervorhebt. Einst zivile Fertigungsstätten produzieren heute Raketen und Panzer. Darüber hinaus haben die russischen Streitkräfte ihre Erfahrungen für den Ausbau ihrer Drohnenfähigkeiten genutzt.
China, das den globalen Drohnenmarkt dominiert, hat zwar seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr geführt und leidet unter Korruption in den Führungsriegen. Dennoch hat es die USA bei Kriegsschiffen und Langstreckenraketen inzwischen überholt. Parallel dazu haben Moskau und Peking ihre militärische Kooperation intensiviert – ganz im Sinne ihrer von den Staatschefs propagierten „Partnerschaft ohne Grenzen“.
Kaum ein Zeitpunkt dürfte für Russland und China günstiger sein als jetzt, meinen Analytiker. Die USA sind im Iran-Krieg gebunden und haben Schiffe und Flugzeuge aus Asien und Europa abgezogen, um ihre Präsenz im Nahen Osten zu verstärken. Schätzungen zufolge wurden seit Februar etwa zwei Drittel der modernen US-Luftabwehrraketen verbraucht. Zudem hat Donald Trump durch seine wiederholten Attacken auf die NATO das transatlantische Verhältnis erheblich belastet.
US-Geheimdienstkreise erwarten, dass Russland in den kommenden Jahren die NATO-Entschlossenheit testen könnte – etwa durch Cyberangriffe oder einen begrenzten Einmarsch. Admiral Rob Bauer, früherer Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, betonte: „Die Erfolgsaussichten eines solchen Vorstoßes wären deutlich höher, wenn China parallel Taiwan angreift.“
Das Thema eines Zweifrontenkrieges werde unter Expertinnen und Experten inzwischen deutlich häufiger behandelt als früher, sagt Eric Heginbotham vom MIT-Sicherheitsprogramm. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) veröffentlichte im Juni eine umfangreiche Analyse, wie die USA auf eine russisch-chinesische Allianz reagieren sollten. Auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte warnte jüngst: „China blickt auf Taiwan„ und würde bei einem Angriff Russland sicher drängen, “uns hier in Europa zu beschäftigen„.
Ein formelles Verteidigungsbündnis besteht zwischen Moskau und Peking zwar nicht, doch regelmäßige gemeinsame Manöver vertiefen die militärische Zusammenarbeit und steigern die Einsatzbereitschaft, heißt es in dem Bericht von The Atlantic.
Das konkrete Szenario, das die Zeitschrift skizziert: China beginnt indirekt, Europas Rüstungsindustrie zu schwächen, indem es Lieferungen wichtiger Rohstoffe stoppt. Nach Monaten stockt die europäische Waffenproduktion. In dieser geschwächten Verfassung attackiert Russland einen osteuropäischen NATO-Staat – während die USA ihre Kräfte auf den chinesischen Angriff auf Taiwan konzentrieren müssen.
Europa wäre damit weitgehend auf sich allein gestellt. Kriegssimulationen zeigen: Durch koordiniertes Handeln könnten Russland und China die westlichen Ressourcen auf zwei Kriegsschauplätzen gleichzeitig binden. Zudem könnte ein Zerwürfnis zwischen Washington und seinen europäischen Partnern die Reaktionsfähigkeit des Bündnisses weiter untergraben.
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