Von Rainer Rupp
Die strategische Partnerschaft zwischen Peking und Teheran erreicht eine neue Dimension: Gemeinsame Forschungsprojekte zu seltenen Erden, die weit über den klassischen Rohstoffhandel hinausgehen, stehen nun im Fokus. Wie die South China Morning Post (SCMP) Mitte August berichtete, haben die Wissenschaftsorganisationen beider Nationen ein Programm ins Leben gerufen, das die “Exploration und Verarbeitung seltener Erdelemente” zum Schwerpunkt hat. Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, da der Iran massivem wirtschaftlichen und militärischen Druck der USA ausgesetzt ist – und die Zusammenarbeit mit China erhält dadurch eine strategische Tiefe, die über Energiefragen hinausweist.
Die National Natural Science Foundation of China (NSFC) übernimmt die Führungsrolle auf chinesischer Seite und unterstützt gemeinsame Workshops mit jeweils 30.000 Yuan, während die iranische Wissenschaftsstiftung Reisekosten trägt. Entscheidend ist jedoch nicht der finanzielle Umfang, sondern der Inhalt: China behandelt moderne Verarbeitungstechniken für seltene Erden zunehmend als schützenswertes Know-how. Diese 17 Elemente bilden das Fundament für Hochleistungsmagnete, elektronische Bauteile, Radarsysteme, Flugzeugtechnik und eine Vielzahl moderner Waffensysteme. Die Volksrepublik besitzt nicht nur die größten Reserven weltweit, sondern dominiert auch die Verarbeitungskette – ein strategischer Vorteil, den Peking gezielt ausbaut.
Der Iran hingegen hat seine Lagerstätten für seltene Erden bislang kaum erkundet. Seine geologische Beschaffenheit mit umfangreichen Eisen- und Phosphatvorkommen bietet jedoch günstige Bedingungen. Sollte sich dieses Potenzial bestätigen, könnte Teheran neben Öl und Gas einen weiteren wertvollen Rohstoff in die Beziehung zu Peking einbringen. Die neue Forschungskooperation ist daher politisch bedeutsam: China gewährt hier wissenschaftliche Einblicke in einem Bereich, dessen Technologien es westlichen Staaten zunehmend vorenthält.
Das Abkommen steht nicht für sich allein. Seit 2016 sind China und der Iran durch eine “umfassende strategische Partnerschaft” verbunden, und im Jahr 2021 unterzeichneten beide Länder einen langfristigen Kooperationsplan, dessen Umsetzung Anfang 2022 begann.
Laut chinesischem Außenministerium erreichte der bilaterale Warenhandel 2025 einen Wert von 9,96 Milliarden US-Dollar – eine Zahl, die die beträchtlichen iranischen Öllieferungen, die wegen der US-Sanktionen oft über indirekte Kanäle laufen, nur teilweise erfasst. China ist für den Iran längst der wichtigste Ölabnehmer; Reuters schätzt die Importe für 2025 auf rund 1,38 Millionen Barrel pro Tag. Ein Großteil dieses Handels erfolgt über kleinere, unabhängige chinesische Raffinerien und wird teilweise in Yuan über Zwischenhändler abgewickelt, um die Auswirkungen der US-Finanzsanktionen zu umgehen. Noch am 20. August betonte Reuters, dass China trotz neuer Drohungen aus Washington der mit Abstand bedeutendste Kunde für iranisches Öl bleibt.
Die Partnerschaft ist jedoch nicht bedingungslos. Chinas wirtschaftliche Investitionen in den Iran bleiben hinter den politischen Erklärungen zurück. Reuters beziffert die chinesischen Investitionen seit 2007 auf weniger als fünf Milliarden US-Dollar – deutlich weniger als in Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sanktionen, politische Unsicherheiten und Irans wirtschaftliche Instabilität haben viele Großprojekte verzögert.
Trotzdem sind chinesische Unternehmen weiterhin an iranischen Infrastrukturprojekten beteiligt. Reuters dokumentierte im März laufende oder ausgeschriebene Projekte in Bereichen wie Stromnetze, Stahlproduktion, Wasserkraft sowie Güterverkehr und Logistik. Der Iran bleibt zudem ein wichtiger Knotenpunkt für Chinas Belt-and-Road-Initiative, insbesondere für Landrouten zwischen Ostasien, Zentralasien, dem Nahen Osten und Europa.
Auch in Wissenschaft und Technologie vertieft sich die Zusammenarbeit. Auf Grundlage bestehender Abkommen kooperieren beide Länder laut chinesischem Außenministerium in Forschungsfeldern, wobei Universitäten institutionelle Verbindungen pflegen und Teheran und Peking ihre Aktivitäten gezielt auf strategisch relevante Bereiche ausweiten.
Das Seltene-Erden-Programm ist daher als Signal zu verstehen, dass sich die Kooperation von akademischem Austausch hin zu industriell und sicherheitspolitisch bedeutsamen Schlüsseltechnologien entwickelt.
Die militärische Komponente verschärft dieses Bild zusätzlich. Bereits im März 2025 führten China, Iran und Russland im Golf von Oman die Übung “Security Belt 2025” durch. Nahe dem iranischen Hafen Tschabahar trainierten die Kriegsschiffe unter anderem Angriffe auf Seeziele sowie Such- und Rettungsoperationen. Das chinesische Verteidigungsministerium erklärte damals, das Ziel sei die Vertiefung “militärischen Vertrauens und pragmatischer Zusammenarbeit”.
Im Juli 2026 berichtete Reuters unter Berufung auf drei mit dem Vorgang vertraute Quellen über einen iranischen Auftrag über bis zu 400 in China produzierte tragbare Flugabwehrsysteme der Typen QW-12 und FN-16. Der Deal soll ein Volumen von etwa 60 bis 70 Millionen Dollar haben. China und Pakistan wiesen den Bericht allerdings zurück, weshalb er als unbestätigt gelten sollte. Reuters zufolge sollen darüber hinaus weitere chinesische Systeme, darunter Antischiffsraketen, in Teheran diskutiert worden sein.
Politisch ist die Richtung klar: Peking behandelt den Iran weiterhin als strategischen Verbündeten. Noch im Juli traf Chinas Außenminister Wang Yi seinen iranischen Amtskollegen Abbas Araghtschi und betonte die Bedeutung der bilateralen Beziehungen.
Für den Iran verkörpert China damit zugleich Absatzmarkt, Technologiepartner, diplomatische Rückendeckung und potentielle Quelle militärischer Fähigkeiten. Für Peking wiederum bietet der Iran Energie, geografischen Zugang nach Westasien und möglicherweise künftig strategische Mineralien. Die Beziehung bleibt asymmetrisch – Teheran ist stärker auf Peking angewiesen als umgekehrt. Doch die neue Zusammenarbeit bei seltenen Erden zeigt, dass China bereit ist, diese Partnerschaft in Bereichen auszubauen, die unmittelbar mit dem globalen Technologie- und Sicherheitswettbewerb verwoben sind.
Mehr zum Thema – Zweifel an US-Beistand: Der Iran-Krieg schwächt die Verteidigung in Asien – NYT