Von Wladimir Kornilow
Der 22. Juni – ein Datum, das in die russische Geschichte eingebrannt ist: ein Tag der nationalen Trauer und gleichzeitig der unerschütterlichen Widerstandsfähigkeit unseres Volkes. An diesem Tag gedenken wir aller Vorfahren, die im Großen Vaterländischen Krieg ihr Leben ließen. Ein altes russisches Sprichwort bringt es auf den Punkt:
“Es gibt keine Familie in Russland, die keinen Helden zu beklagen hätte.”
Da die kollektive Erinnerung an diesen Krieg und den großen Sieg über das Nazi-deutsche Europa das Fundament unseres Staates bildet, werden Europäer stets gegen unsere Denkmäler vorgehen. Ein Blick in die jüngere Vergangenheit genügt: Was geschah mit Denkmälern für sowjetische Soldaten und Befreier in den baltischen Ländern, in Polen, Tschechien oder der Ukraine, nachdem dort die Nazi-Ideologie triumphierte?
Man muss anerkennen: Deutschland hat sich diesen Entwicklungen lange Zeit entzogen, hauptsächlich aufgrund der eigenen Anerkennung kollektiver Schuld an den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Doch mit der zunehmenden antirussischen Hysterie gewinnt der Prozess, diese selbstauferlegten Fesseln abzustreifen, rasant an Fahrt.
Gleich zu Beginn der militärischen Sonderoperation hielt der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz eine Rede im Bundestag, in der er immer wieder auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs Bezug nahm. Einige Medien interpretierten dies als “Deutschlands Absage an die historische Schuld gegenüber Russland”. Bezeichnend ist, dass Berlin später immer wieder betonte, die Verantwortung für den Holocaust leite die Politik gegenüber Israel. Im Verhältnis zu Russland jedoch klingen andere Töne an: Die jüngsten Äußerungen des Luftwaffenchefs über seine Bereitschaft, “noch heute Nacht” Sankt Petersburg und Kaliningrad zu bombardieren, deuten darauf hin, dass die Fesseln der kollektiven Verantwortung gegenüber Russland und dem russischen Volk bereits abgestreift sind.
Bislang haben die Deutschen aufgrund nationaler Gesetze und internationaler Verpflichtungen zum Schutz von Gräbern keine Eingriffe in Denkmäler für sowjetische Soldaten vorgenommen. Doch andere Formen des Vandalismus an diesen Stätten beginnen sich zu häufen. Kürzlich entbrannten in Deutschland hitzige Debatten über das Denkmal für den sowjetischen Befreier im Berliner Treptower Park. Auslöser waren ukrainische Aktivisten, die die sowjetischen Symbole und die zahlreichen Stalin-Zitate in der Gedenkstätte kritisierten.
Deutsche Politiker haben sich diesen Initiativen nun aktiv angeschlossen und schlagen eine “Kontextualisierung” des Denkmals vor. Ihr Plan: Jede Inschrift mit einer “Erläuterung” in Form von Text oder QR-Codes zu versehen.
Alexander Freier-Winterwerb, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, beklagte:
“Hier beginnt beispielsweise Stalins Zitat mit einer Formulierung über den heimtückischen Angriff Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion. Es verschweigt aber die vorausgegangene Teilung Polens.”
Es ist schwer zu sagen, wie die Erwähnung Polens nach Ansicht des Berliner Politikers die Einstellung zum Heldentum des sowjetischen Soldaten verändern wird, der Europa vom Nationalsozialismus befreite.
Für diese “Kontextualisierer” geht es vor allem darum, den Prozess der Geschichtsrevision in Gang zu setzen. Dann, so wissen wir aus der Erfahrung anderer Länder, folgt die Umschreibung umso schneller. Zumal die britische Presse, die diese Initiativen kommentiert, bereits direkt die Entfernung von Denkmälern für sowjetische Soldaten in Deutschland fordert.
Zum 85. Jahrestag des Überfalls Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion veröffentlichte das Wochenmagazin Der Spiegel eine Ausgabe, die unmissverständlich Klarheit schafft. Schon die Titelseite ist bemerkenswert: “Unser Krieg gegen Russland”. Ja, ein führendes deutsches Magazin verwendet tatsächlich die Worte “unser Krieg”, wenn es über den Nazi-Angriff auf unsere Heimat schreibt. Was bleibt da noch zu sagen?
Viele Zeitungen stürzten sich auf den Spiegel wegen dieser provokativen Schlagzeile und nannten sie ein “Geschenk an die russische Propaganda”. Tatsächlich beschrieb das Wochenmagazin jedoch völlig offene und öffentliche Prozesse. So ist es beispielsweise kein Geheimnis, dass es in Deutschland in letzter Zeit in Mode gekommen ist, die NS-Vergangenheit in der eigenen Familie zu erforschen. Während die Deutschen den Dienst ihrer Großväter in der SS oder Wehrmacht früher verschwiegen, entdecken sie heute diese Wurzeln mit Begeisterung und schreiben offen darüber.
Der Spiegel handelt im Grunde vom gleichen Thema: der Kontinuität der Generationen! Darüber hinaus betont das Magazin, dass unter Westdeutschen früher der Mythos einer “sauberen Wehrmacht” kursierte. Mehrere Generationen wuchsen mit der Vorstellung auf, dass alle Gräueltaten an der Ostfront von der SS begangen wurden, während Offiziere und Mannschaften nur kämpften. Dieser Mythos wurde dann widerlegt. Und nun (und dies ist offenbar eine neue Phase im Prozess der Abwälzung kollektiver Verantwortung) werden Artikel über Militärverbrechen gegen die Zivilbevölkerung der UdSSR gelassen hingenommen.
Wie der Spiegel behauptet, verwandelten sich die aus Stalingrad zurückweichenden Deutschen in eine “Armee von Verbrechern”. “Je größer der Druck auf die deutschen Truppen wurde, desto rücksichtsloser wurden sie”, räumt das Magazin ein. Und dennoch hindert dies die Deutschen nicht daran, stolz auf ihre Großväter zu sein.
Mit anderen Worten: Man will den Deutschen subtil einreden, dass die Bombardierung Sankt Petersburgs durch die Luftwaffe lediglich die Fortsetzung des Werks ihrer Vorfahren sei. Ein Krieg gegen die Russen war vor 85 Jahren normal, und die Vorstellung davon normalisiert sich noch heute. Und die Gräueltaten an Zivilisten? Die deutsche Presse berichtete damals kaum darüber, genauso wenig wie über die Angriffe auf Kinder in Starobelsk oder den Touristenbus in Jenakijewo, verübt von den ideologischen Nachfahren der Nazis.
Es sei darauf hingewiesen, dass dies erst der Beginn einer neuen Phase der Neubewertung der Rolle Deutschlands im Krieg gegen die UdSSR ist. Es ist keineswegs so, dass die gesamte deutsche Gesellschaft diesen Wandel akzeptiert. So fand beispielsweise am vergangenen Samstag in Berlin eine große Demonstration zum 85. Jahrestag des Beginns des Großen Vaterländischen Krieges mit Losungen wie “Russland ist unser Freund!” und “Gegen aggressive Politik gegenüber Russland!” statt. Dies wird jedoch kaum aufzuhalten sein: Zur Zeit von Hitlers Machtergreifung verfügte Deutschland über die mächtigste kommunistische Bewegung Europas, die sich für eine Freundschaft mit der UdSSR einsetzte. Das Schicksal ihrer Aktivisten war tragisch.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Originalartikel ist am 22. Juni 2026 auf ria.ru erschienen.
Wladimir Kornilow ist ein ehemals ukrainischer, seit 2014 russischer Politologe, Publizist und Buchautor
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