Bundeswehr in Aufruhr: Stopp der Beförderungen sorgt für Wut bei Soldaten

Die „Mutter der Kompanie“ im Zwiespalt: Warum ein Beförderungsstopp die Bundeswehr erzürnt

Seit jeher gelten die Unteroffiziere als das unverzichtbare Fundament der deutschen Streitkräfte. Als entscheidende Schnittstelle zwischen den Offizieren und der Mannschaft übernehmen sie eine tragende Rolle im militärischen Gefüge. Besonders den Dienstgrad des Kompaniefeldwebels umgibt der respektvolle Beiname „Mutter der Kompanie“. Gerade bei den sogenannten Unteroffizieren mit Portepee – also den Feldwebeln (bei der Marine: Bootsleuten) – klafft derzeit eine erhebliche Personallücke in der Bundeswehr.

Vor diesem Hintergrund trifft eine aktuelle Anordnung von Verteidigungsminister Boris Pistorius auf besonders wenig Gegenliebe in genau dieser wichtigen Dienstgradgruppe. Auslöser ist eine Entscheidung, die das Bundesverteidigungsministerium am vergangenen Wochenende über den Kurznachrichtendienst Instagram veröffentlichte. Demnach setzt die Bundeswehr ab Juli 2026 die Beförderung zum Stabsfeldwebel beziehungsweise Stabsbootsmann vorübergehend aus. Diese Maßnahme betrifft tausende Feldwebel unmittelbar.

Dieser sogenannte „Ordnungshalt“ soll so lange gelten, bis das Aufstiegssystem innerhalb der Bundeswehr neu justiert ist – ein Prozess, der für das Jahr 2027 geplant ist. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, erläuterte in einem beigefügten Video, dass sich entsprechende Beförderungen folglich verzögern werden. Das langfristige Ziel bleibe jedoch, den Unteroffizieren auch künftig grundsätzlich den Aufstieg zum Stabsfeldwebel oder Stabsbootsmann zu ermöglichen.

Hintergrund der Aussetzung ist, so das Verteidigungsministerium, ein Gerichtsurteil aus dem Vorjahr. Dieses macht eine grundlegende Neuregelung von Beförderungen in der Bundeswehr erforderlich. Die entscheidende Neuerung: Die Beförderung darf nicht länger ausschließlich nach Mindestdienstzeiten vergeben werden, sondern muss künftig stärker das individuelle Leistungsprinzip in den Vordergrund rücken.

Bislang war es üblich, dass nach 16 Jahren Dienstzeit in der Bundeswehr eine automatische Beförderung zum Stabsfeldwebel erfolgte, verbunden mit dem Wechsel in die Besoldungsgruppe A9. Frühzeitige Beförderungen waren im System nicht vorgesehen. Diese Praxis geriet zunehmend in die Kritik, da sie als leistungsfeindlich galt – eine Einschätzung, die letztlich zu den besagten Gerichtsurteilen führte.

Medienberichten zufolge soll das für 2027 geplante neue System jedoch weitreichende Folgen haben. So soll künftig nur noch ein selektierter Teil der Hauptfeldwebel für den Aufstieg zum Stabsfeldwebel in Frage kommen. Mögliche Voraussetzungen für die Beförderung könnten dann spezielle Eignungstests und ein damit verbundener Dienstpostenwechsel sein.

Der Bundeswehrverband (DBwV) als Interessenvertretung der Soldaten bewertet die Entscheidung in einer ersten Stellungnahme als äußerst brisant. Das Thema berge das Potenzial für einen „Supergau“. Den Verband habe eine wahre Flut von Protestmails seitens der Bundeswehrsoldaten erreicht. Der Grundtenor: Dieses Vorgehen sei das genaue Gegenteil von „wertschätzender Führung“.

Kritik an der Vorgehensweise und dem Kommunikationsstil von Verteidigungsminister Boris Pistorius kommt indes von Verteidigungspolitikern nahezu aller im Bundestag vertretenen Fraktionen. Jan Nolte, AfD-Bundestagsabgeordneter und selbst ehemaliger Oberbootsmann (also Unteroffizier mit Portepee), kritisierte auf der Plattform X den Umgang des Ministeriums mit der heiklen Beförderungsfrage. Diese hätte seiner Ansicht nach schon vor langer Zeit gelöst werden müssen: „Diese Lage war vorhersehbar. Keinem der betroffenen Feldwebel hätte man es durchgehen lassen, ein vollkommen absehbares Problem 15 Jahre lang nicht zu lösen. Warum kann sich das BMVg das leisten?“

Beförderungen sind ohnehin derzeit ein heikles Thema für den Minister. Nach Informationen der Bild-Zeitung kam es bei einer Personalbesprechung der zivilen Mitarbeiter im Verteidigungsministerium zu Klüngelei-Vorwürfen. Demnach würden Beamte mit SPD-Parteibuch bei dienstlichen Beurteilungen und Beförderungen bevorzugt werden. Einen Vorwurf, den SPD-Politiker Pistorius entschieden zurückweist.

Trotz aller Querelen: Am Ziel der Kriegstüchtigkeit will die Führung festhalten. General Breuer erklärte auf Instagram gegenüber den vom Beförderungsstopp betroffenen Unteroffizieren: „Um kriegstüchtig zu sein, brauchen wir Sie.“ Der Unteroffizier bleibt also auch in der Zeitenwende das unverzichtbare Rückgrat der deutschen Streitkräfte.

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