Berliner Grundschulen in der Krise: Alarmierende VERA-Ergebnisse befeuern die Debatte um eine Vorschulpflicht
Die jüngsten Auswertungen der bundesweiten Vergleichsarbeiten (VERA) bestätigen einen besorgniserregenden Trend: In Berlin offenbaren die Ergebnisse bei den Drittklässlern eine deutliche Verschlechterung ihrer Basiskompetenzen. Dies befeuert nun die Forderung vieler Grundschulleitungen nach einer verpflichtenden Vorschule. Die Tests, an denen alle Bundesländer teilnehmen und die auf den jeweiligen Bildungsstandards basieren, machen deutlich: Die sogenannte “Abwärtsspirale” des Lernniveaus setzt sich fort.
Drastischer Einbruch bei Lese- und Rechenfähigkeiten
Die Resultate sind laut übereinstimmenden Medienberichten als “alarmierend” einzustufen. Insbesondere in den Kernfächern Deutsch und Mathematik zeigen sich dramatische Defizite. Laut der Morgenpost gelangt das Institut für Schulqualität (ISQ) zu einem “vernichtenden Urteil”:
“Hier fehlen den Schülerinnen und Schülern basale Kenntnisse, um ein selbstbestimmtes und beruflich erfolgreiches Leben bestreiten zu können.”
Die sogenannten “VERA 3-Tests” fanden in Berlin zwischen dem 22. April und 8. Mai statt und umfassten drei Prüfungen in den Fächern Deutsch und Mathematik. Anders als herkömmliche Klassenarbeiten prüfen diese Tests nicht kürzlich gelernten Stoff, sondern die längerfristig erworbenen Kompetenzen. Eine Benotung erfolgt nicht. Die veröffentlichten Daten zeichnen ein ernüchterndes Bild:
- Rund 47 Prozent der Drittklässler erreichten beim Lesen nicht den Mindeststandard.
- In Mathematik blieben etwa 45 Prozent unterhalb dieser Schwelle.
- Besonders gravierend ist die Lage in der Rechtschreibung: Hier verfehlten knapp zwei Drittel der Kinder den Regelstandard.
- Im Bereich Sprachgebrauch (Deutsch) scheiterten sogar 54 Prozent der Schüler an den Mindestanforderungen. Vor drei Jahren lag dieser Wert noch bei 46 Prozent.
Der Tagesspiegel (Paywall) kommentiert die desaströsen Ergebnisse und betont die Dramatik der Situation.
Politik zeigt sich alarmiert, verweist aber auf laufende Maßnahmen
CDU-Bildungsstaatssekretärin Christina Henke räumte in einer parlamentarischen Antwort des Berliner Senats ein, dass der Anteil der Kinder, die die Mindeststandards verfehlen, “weiterhin zu hoch” sei. Gleichzeitig hob sie hervor, dass VERA in erster Linie ein Instrument der Unterrichts- und Schulentwicklung darstelle und nicht für Ländervergleiche konzipiert sei. Sie verwies auf die “bereits begonnene Qualitätsstrategie für Berliner Schulen”, die insbesondere “verbindliche Lese- und Mathebänder mit täglichen Übungszeiten sowie stärkere datengestützte Unterrichtsentwicklung” umfasse.
Die Ergebnisse wurden auf Anfrage des Abgeordneten Alexander King (BSW) veröffentlicht. Gegenüber dem Tagesspiegel zeigte er sich ernüchtert: “Die kleinen Lichtblicke bei den Drittklässlern fehlen vollständig.” Die Daten belegen dies eindrucksvoll: Den Optimalstandard (Kompetenzstufe fünf) erreichten im Lesen gerade einmal sechs Prozent der Drittklässler, im Sprachgebrauch fünf Prozent und in Mathematik nur vier Prozent.
Ein etwas positiverer Trend zeichnet sich bei den Achtklässlern (VERA 8) ab. Während in den Jahren seit 2022 zwischen 52 und 61 Prozent der Schüler an Sekundar-, Gemeinschafts- und Förderschulen in den unteren Leistungsbereichen lagen, sind es in diesem Jahr immerhin nur 44 Prozent. Dennoch bleiben auch diese Werte auf einem kritischen Niveau.
Die Wurzeln des Problems: Sprachdefizite und mangelnde Förderung
Die aktuellen Entwicklungen waren laut Medienberichten absehbar. Der Tagesspiegel verweist auf die Einschulungsuntersuchungen von 2023, deren Ergebnisse in eine ähnliche Richtung deuteten. Bei den damals untersuchten Kindern handelte es sich größtenteils um die Jahrgänge, die nun getestet wurden. Die Untersuchungen und die begleitende Befragung der Eltern offenbarten, dass 54,5 Prozent der Kinder in diesem Jahrgang zu Hause kein Deutsch sprechen. Zudem wurde festgestellt, dass zwar 90 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland geboren wurden, aber die Hälfte von ihnen mehrere Sprachdefizite aufweist.
Ein weiteres Problem offenbart sich, wenn man die Vorgeschichte betrachtet: Vor vier Jahren wurden 2.995 Kinder, die keine Kita besuchten, von den bezirklichen Schulämtern zur Sprachstandsfeststellung eingeladen. Zu diesem Termin erschien jedoch nur rund ein Drittel der Kinder (1.058). Bei 891 von ihnen wurde ein sprachlicher Förderbedarf diagnostiziert. Obwohl der Berliner Bildungssenat bereits seit 18 Jahren eine “gesetzliche Förderpflicht in den 18 Monaten vor der Einschulung” für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen vorschreibt, wird diese in der Realität nur “lückenhaft umgesetzt”, wie der Tagesspiegel kritisiert. Grund dafür sei, dass die Schul- und Jugendämter der Verfolgung säumiger Eltern nicht nachkämen.
Wenige Wochen vor den Abgeordnetenhauswahlen in Berlin mehren sich daher die politischen Stimmen, die eine verpflichtende Vorschule fordern, um die sprachlichen und kognitiven Defizite der Kinder bereits vor der Einschulung gezielt anzugehen. Die aktuellen VERA-Ergebnisse verleihen dieser Forderung neuen Nachdruck.
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