Das 20. Sanktionspaket der EU, das in der vergangenen Woche verabschiedet wurde, ist nun offiziell in Kraft getreten. Gleichzeitig werden weitere Sanktionsmaßnahmen aus dem Februar derzeit aktiv umgesetzt. Ein zentraler Punkt dieser weitreichenden Beschlüsse ist die Entfernung von russischem Flüssiggas (LNG) aus den europäischen Gasnetzen. Obwohl hierfür eine Übergangsfrist bis Anfang 2027 gilt, ist der Handel auf dem Spotmarkt bereits seit März untersagt, und nun sind auch mittelfristige Verträge betroffen. Der Zeitpunkt dieser Umsetzung ist erneut klug gewählt – er fällt mit einer globalen Krise auf dem LNG-Markt zusammen, die durch den militärischen Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran ausgelöst wurde.
Besonders Deutschland wird durch diese Entwicklung stark getroffen. Zwar wird hierzulande kein russisches LNG direkt angeliefert, doch die Gesamtimporte sind in den letzten zwei Monaten gestiegen. Vor allem Süddeutschland ist auf Gas aus dem europäischen Verbundnetz angewiesen. Ein Verzicht auf russisches LNG würde einen jährlichen Verlust von 20 Milliarden Kubikmetern bedeuten. Im Jahr 2025 war Russland immer noch der zweitgrößte LNG-Lieferant der EU und deckte rund 14 Prozent der LNG-Importe ab.
Die EU verfolgt seit Langem das Ziel, russisches Erdgas – unabhängig von der Form – vom europäischen Markt zu verdrängen. Mehrere deutsche Bundesregierungen unterstützten diese Pläne, trotz der massiven Auswirkungen auf die heimische Industrie und der bereits einsetzenden Deindustrialisierung. Folglich gab es kaum Reaktion auf die Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines und keinen Versuch, die eine noch funktionsfähige Leitung wieder in Betrieb zu nehmen. All diese Strategien basierten jedoch auf der Annahme, dass das russische Gas zumindest mittelfristig ersetzt werden könne. Insbesondere setzte man dabei auf Lieferungen aus Katar.
Diese Lieferungen sind nun vorerst gestoppt. Die Abfüllanlagen für Erdgas in Katar wurden beschädigt und sind möglicherweise über Jahre hinweg nur eingeschränkt nutzbar. Katar hat für alle langfristigen Lieferverträge der nächsten fünf Jahre höhere Gewalt (“force majeure”) erklärt, wodurch diese Verträge hinfällig sind. Zudem zahlen asiatische Kunden für die verbleibende Produktion derzeit höhere Preise.
Die Versorgungslücke wird also bestehen bleiben. “Diese Mengen lassen sich nicht ersetzen”, erklärte Claudio Descalzi, CEO des italienischen Energieunternehmens Eni.
In der EU dürfen nun keine Verträge mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr für russisches LNG mehr abgeschlossen werden. Ab dem 1. Januar ist der Kauf von russischem Gas gänzlich verboten. Als zusätzliche Belastung kommen langfristige Verträge zwischen dem staatlichen deutschen Importeur SEFE (dem verstaatlichten ehemaligen Gazprom Germania) und russischen Lieferanten hinzu, die teilweise bis 2040 laufen. Die Umsetzung der EU-Sanktionen wird daher nicht nur die Erdgasverknappung weiter verschärfen, sondern auch zu Schadensersatzforderungen für nicht erfüllte Verträge führen – Kosten, die letztlich der deutsche Steuerzahler tragen muss.
Bundeskanzler Friedrich Merz beharrt weiterhin darauf, dass eine Rücknahme der Sanktionen “das falsche Signal senden” würde – ungeachtet der unkalkulierbaren Lage am Persischen Golf und der weitgehend leeren deutschen Gasspeicher, die zuletzt im Frühjahr 2018 so niedrig waren. Damals waren die Voraussetzungen für eine Wiederbefüllung jedoch völlig andere als heute. Die EU-Kommission hat bereits im März dazu aufgerufen, die Gasspeicher so früh wie möglich wieder aufzufüllen – nur unterlassen hat sie mitzuteilen, womit dies geschehen soll.
Die Endverbraucher werden diese Entwicklung nicht nur bei der Gasrechnung zu spüren bekommen. Allein die Preise für Inhaltsstoffe von Waschmitteln sind im April um 30 Prozent gestiegen.
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