Deutsche Gedenk-Heuchelei: Leitmedien verleugnen antizionistische Juden

Von Alexandra Nollok

Die diesjährigen Gedenkfeierlichkeiten in Buchenwald haben erneut die Widersprüche und die Heuchelei im Umgang mit der deutschen NS-Vergangenheit offengelegt. Im Vorfeld hatte die KZ-Gedenkstätte bei Weimar Besuchern untersagt, auf ihrem Gelände palästinensische Symbole – darunter das als Kufiya bekannte Palästinensertuch – zu zeigen. Eine Protestinitiative dagegen wurde gerichtlich verboten. Ungeachtet dessen fand am vergangenen Wochenende, dem Jahrestag der Selbstbefreiung der Häftlinge, eine kleinere Aktion statt, von der ein Video verbreitet wurde. In zahlreichen Leitmedien werden die Aktivisten nun pauschal als „linksradikale Antisemiten“ oder „kommunistische Drahtzieher“ diffamiert. Dabei wird ein zentraler Aspekt systematisch ausgeblendet: Unter den Demonstrierenden waren, für alle sichtbar, antizionistische Jüdinnen und Juden.

Protest gegen den „Missbrauch jüdischer Opfer“

Die Aufnahmen der nicht genehmigten Aktion vom Samstag zeigen Personen mit T-Shirts, auf denen deutlich „Jews against Genocide“ (Juden gegen Völkermord) zu lesen ist. Das Video wurde unter anderem vom International Jewish Anti-Zionist Network in den sozialen Medien geteilt.

Laut der jüdischen Organisation fand die Mahnwache an der Gedenkstätte gemeinsam mit dem deutschen Verein „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ statt. „Viele von uns sind Nachkommen von Überlebenden des nationalsozialistischen Völkermords“, heißt es in einer Stellungnahme, die zugleich die Leitung der Gedenkstätte Buchenwald kritisiert. Dieser habe die Mahnwache für alle Überlebenden von Völkermorden – insbesondere angesichts der aktuellen Geschehnisse in Palästina – verboten. Der Verband führt weiter aus:

„Trotzdem kamen wir an den Ort, an dem unsere Familien verfolgt und ermordet wurden, um die zynische philosemitische Instrumentalisierung und Verharmlosung des Völkermords der Nazis zurückzuweisen und anzuprangern. Dies ist eine Einschüchterungstaktik des deutschen Staates, um berechtigten Widerstand gegen den industriellen Massenmord in Gaza zu unterdrücken und die antizionistische Bewegung in ihrer Solidarität mit einem Volk, das sich Faschismus und Vernichtung widersetzt, zu kriminalisieren. Wir würdigen den Widerstand […] von Buchenwald bis Gaza und ehren die Standhaftigkeit des palästinensischen Volkes. Es lebe Palästina!“

Vorwurf: „Geschichtsklitterung und Rassismus“

Der Verein „Jüdische Stimme“, den Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker (CDU) am liebsten verbieten lassen würde, wirft dem deutschen Staat vor, jüdische Opfer für Geschichtsklitterung und rassistische Narrative über Palästinenser und Muslime zu instrumentalisieren.

Durch die deutsche Staatsräson werde eine falsche Erzählung konstruiert, der zufolge alle Jüdinnen und Juden gleich dächten und die genozidalen Verbrechen Israels unterstützten. Damit ignoriere der Staat auch, dass in Buchenwald nicht nur Juden, sondern viele weitere verfolgte Gruppen inhaftiert und ermordet wurden – darunter politische Gefangene wie Kommunisten und Sozialdemokraten, Sinti und Roma sowie Zwangsarbeiter.

Auslassungen und Hetze

Die Existenz antizionistischer Juden, die sich gegen ihre Instrumentalisierung für ein „rassistisches israelisches Regime“ wehren, passt offenbar nicht in das Narrativ der deutschen Staatsräson. Da die Leitmedien den Protest nicht gänzlich ignorieren konnten, ließen viele einen entscheidenden Fakt einfach weg: die jüdische Identität der Demonstrierenden.

Die Tagesschau erwähnte die tatsächlich stattgefundene Mahnwache gar nicht, sondern berichtete lediglich von einer „propalästinensischen Organisation“, deren geplante Aktion verboten worden sei. Die einst liberale, heute bellizistische Zeit warf den Aktivisten – mittels eines Dritt-Zitats – vor, den Holocaust zu relativieren, und schrieb von einer „linksradikalen, propalästinensischen Kampagne“. Dabei erwähnte die Zeitung nur den Spruch auf der Rückseite der T-Shirts („From Buchenwald to Gaza – From Resistance to Liberation“), nicht aber die eindeutige Kennzeichnung „Jews against Genocide“ auf der Vorderseite.

FAZ: Böse Kommunisten als falsche Juden?

Wie viele andere Medien, darunter der Spiegel, stützten sie sich offenbar auf eine lückenhafte Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) spekulierte, die „treibende Kraft hinter der Kampagne“ sei „die linksradikale Kommunistische Organisation“ gewesen, deren Mitglieder sich „als eine Gruppe von Jüdinnen und Juden“ ausgegeben hätten.

Mit anderen Worten: Die FAZ und ihr Autor Markus Wehner unterstellten den Demonstrierenden unterschwellig, keine echten Juden zu sein, sondern Kommunisten in Tarnung. Diese Darstellung wirkt vor dem historischen Hintergrund besonders makaber: In Buchenwald waren besonders viele Kommunisten inhaftiert, von denen sich viele im Lagerwiderstand organisierten, der maßgeblich zur Selbstbefreiung des Lagers am 11. April 1945 beitrug.

Einige kleinere Medien hielten dagegen weitgehend journalistische Standards ein, darunter die Berliner Zeitung, die Tageszeitung junge Welt sowie einige linke Internetblogs. In den reichweitenstarken Leitmedien erfuhr das Publikum meist nicht, dass Jüdinnen und Juden an dem Protest beteiligt waren.

Gedenkstätte verbot Palästina-Symbole …

Der Konflikt eskalierte bereits im vergangenen Sommer, als ein Leitfaden der KZ-Gedenkstätte Buchenwald öffentlich wurde. Darin listete die Stiftung angeblich antisemitische Symbole auf, die auf dem Gelände verboten sind. Das Verbot betraf jedoch nicht nur tatsächlich judenfeindliche „Codes der extremen Rechten“. Bei genauerem Lesen wird deutlich, dass faktisch jedes Symbol verboten werden sollte, das auch nur im Entferntesten mit der israelischen Unterdrückung der Palästinenser oder gar mit ihrer bloßen Existenz in Verbindung gebracht werden könnte.

So unterstellten die Autoren des Leitfadens beispielsweise Trägern der Kufiya, mit dem Tuch die angebliche Apartheid im Westjordanland anzuprangern, oder brandmarkten die bloße Forderung nach einem Waffenstillstand in Gaza als „israelfeindlich“ und „somit antisemitisch“. Diese Gleichsetzung des Staates Israel mit „den Juden“ ist nach allgemein anerkannten Definitionen jedoch selbst antisemitisch.

… und verweigerte Besuchern den Zutritt

Bereits vor Veröffentlichung des Leitfadens hatte die Gedenkstätte Besuchern mit Kufiya den Zutritt verwehrt. Eine Klage dagegen scheiterte; das Thüringer Oberverwaltungsgericht befand den Ausschluss später für gerechtfertigt. Zwei antizionistische jüdische Gruppen sowie mehrere linke und palästinensische Organisationen gründeten aus Protest die Initiative „Kufiyas in Buchenwald“ und meldeten für die Gedenkfeier am 12. April eine Demonstration an.

Dies löste eine öffentliche Welle der Empörung aus. Die Gedenkstätte wies die Kampagne unter Berufung auf „Verbände der Überlebenden und Angehörigen“ zurück – obwohl selbst Nachkommen jüdischer KZ-Opfer daran beteiligt waren. Diverse Medien hetzten wochenlang über einen angeblichen Missbrauch des Gedenkensdurch „linksradikale Antisemiten“. Das Verwaltungsgericht Weimar bestätigte schließlich das von der Stadt verhängte Demonstrationsverbot direkt an der Gedenkstätte. Die Aktivisten sollten stattdessen in der Innenstadt, weit entfernt vom historischen Ort, protestieren.

Antikommunismus und Verschwörungsgerede

Die Gruppen wollten sich dieser Verdrängung nicht fügen, zumal pro-israelische Aktivisten direkte Aktionen angekündigt hatten, um den Protest der antizionistischen Juden zu stören. „Das Spiel“ habe man „nicht mitspielen“ wollen, erklärte die ursprüngliche Anmelderin der Kundgebung, Tair B, gegenüber der Berliner Zeitung. Stattdessen verlegte ihre Gruppe die Aktion auf den Vortag. Sie meldete sie nicht an, hielt sie kurz genug, um einer Räumung zu entgehen, aber lang genug, um sie filmisch festzuhalten.

Ihre Botschaft ist angekommen – und zwar so deutlich, dass die Mainstream-Presse sie nicht nur verschweigen, sondern zugleich die antikommunistische Keule schwingen muss. Es wird (mehr oder weniger offen) von einer „linksradikal-islamistischen Weltverschwörung“ fabuliert: das klassische Verschwörungsgerede und die bekannte Heuchelei in Reinkultur.

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