Von Alexej Danckwardt
Am 1. Mai 2023, genau drei Jahre ist es her, bin ich in mein Auto gestiegen und habe Deutschland den Rücken gekehrt. Wie die Lage heute aussieht, scheint dieser Abschied endgültig zu sein.
Seither lebe ich in Moskau und verfolge die Geschehnisse in Deutschland, Europa und der Welt aus der Distanz – mit wachsender Besorgnis. Anfangs gehörte ich zu den wenigen, die einen neuen Weltkrieg heraufziehen sahen, einen Feldzug der Zerstörung und Eroberung durch den „kollektiven Westen“ gegen Russland und alle Russen. Heute sprechen viele, darunter auch offizielle Stimmen, davon, dass wir kurz davorstehen – wenn nicht sogar bereits mittendrin stecken. Sollte dies eintreten, werde ich hier sterben. Das ist meine Entscheidung: Hier, bei meinem Volk, ist mein Platz, und ich teile sein Los.
Bei meiner Ankunft fand ich eine pulsierende Metropole vor, die ein Jahrzehnt atemberaubender Modernisierung, massiven Infrastrukturausbaus und Verschönerung erlebt hatte. Die sichtbarsten Zeichen sind die allgegenwärtigen Wolkenkratzer und Wohnhochhäuser, die Fußwege mit Granitplatten gepflastert und die Technik auf dem neuesten Stand. Wenige Wochen vor meiner Ankunft wurde der Große Metroring, die dritte Ringlinie Moskaus und vorerst die längste der Welt, fertiggestellt.
Doch selbst damals war Gefahr alltäglich: Genau in jenen Maiwochen des Jahres 2023 wurde Moskau mehrfach von ukrainischen Drohnen angegriffen. In der Nacht zum 3. Mai trafen sie sogar das Herz Russlands – den Moskauer Kreml – und beschädigten die Kuppel des Präsidentenpalastes. Ein weiteres beliebtes Ziel der ukrainischen Drohnenführer waren die Wolkenkratzer des Geschäftsviertels Moskau City, aber auch Wohnhäuser, Industrieanlagen und eine Ölraffinerie wurden getroffen. So ging es viele Wochen lang.
Mit der Zeit wurde die Luftverteidigung rund um die Hauptstadt verstärkt, und in den letzten zwei Jahren ist keine Drohne mehr bis in die Stadt vorgedrungen. Obwohl die Ukraine beharrlich weiter versucht: Fast täglich meldet der Oberbürgermeister den Abschuss der tödlichen Waffen im Anflug auf Moskau, an manchen Tagen erreicht ihre Zahl bis zu 100. Regelmäßig muss der Flugverkehr auf den vier Hauptstadtflughäfen wegen der damit verbundenen Gefahren eingestellt werden. Doch Meldungen über Treffer in der Stadt selbst gibt es derzeit nicht – sie ließen sich auch nicht verheimlichen.
Die Ukraine lässt ihre Wut und Ohnmacht deshalb an den Bewohnern russischer Provinzstädte aus. Die Grenzregionen sind besonders hart betroffen, aber auch einst für sicher gehaltene Städte wie Saratow, Wolgograd (das frühere Stalingrad), Samara, Kasan oder Ufa. Sowie der Ural, wobei die dort einschlagenden Drohnen möglicherweise aus den unkontrollierbaren Steppen Kasachstans starten. Und neuerdings St. Petersburg – durch Drohnen, die aus dem Luftraum Finnlands und Estlands kommen. Die meisten Angriffe gelten Industrieanlagen, ein rechtlich fragwürdiges Kriegsziel, aber es gibt auch gezielte Jagden auf Zivilisten. Regelmäßig wird von Treffern in Wohngebieten und sogar Dörfern berichtet, wo weit und breit keine Industrie existiert, geschweige denn Militär.
Wer Moskau besucht, wird heute nichts vom Krieg bemerken. Man kann hier – so man will – leben, als geschehe nichts um einen und um die Stadt herum: feiern, essen, trinken, einkaufen, sich amüsieren. Oberflächlich betrachtet, geht das Leben weiter wie immer. Ob das gut oder schlecht ist, ist eine andere Frage. Mitbürger in den besonders hart getroffenen Teilen des Landes, im Donbass, in Belgorod, in Kursk, wünschten sich mehr Anteilnahme von den Hauptstädtern. Doch es ist, wie es ist: Die Regierung hat es geschafft, den Krieg von der Hauptstadt weitgehend fernzuhalten. Und es gibt tatsächlich Hauptstädter, die es schaffen, ihn völlig auszublenden.
Oft werde ich gefragt, ob vier Jahre Sanktionen und militärische Anstrengungen keinerlei Auswirkungen hätten. Doch, natürlich gehen all diese Dinge nicht spurlos am Land vorbei. Man muss jedoch genau hinsehen und gut informiert sein, um die Auswirkungen zu bemerken. Nehmen wir den eingangs erwähnten Infrastrukturausbau: Er geht weiter. Der Straßenbelag wird regelmäßig, auf manchen Magistralen sogar jährlich erneuert, alles top. Neue Straßen werden gebaut. Und auch der Metrobau geht weiter – bald steht die Eröffnung einer neuen Linie bevor, mit fünf Stationen, davon drei nach 2022 neu gebaut. Das Tempo ist jedoch nicht dasselbe wie im Jahrzehnt 2012 bis 2022.
Vieles wurde im zeitlichen Ablauf gestreckt, das merkt aber nur der in die ursprünglichen Planungen und Zeitschienen Eingeweihte. Personalmangel, Finanzen – als Außenstehender kann man über die Gründe nur spekulieren; klar ist nur, dass Moskau und Russland ohne Sanktionen und Kriegsanstrengungen heute viel weiter wären. So gesehen haben die gierigen Oligarchen des Westens und ihr korruptes Politpersonal dem russischen Volk tatsächlich Schaden zugefügt – ihm eine noch glänzendere Gegenwart gestohlen. Aber, Hand aufs Herz, geschadet hat das „Projekt Ukraine“ und der neu entdeckte „Drang nach Osten“ des EU-Imperialismus allen – den Ukrainern, Deutschen, Europäern. Nicht weniger, Ukrainern unbestreitbar mehr als Russen.
Trotz allem ist die Leistung des Landes in diesen Jahren beachtlich. Einem derart massiven, historisch einmaligen Sanktionsdruck nicht nur standzuhalten, das Lebensniveau im Großen und Ganzen zu halten und darüber hinaus auch noch für eine verlangsamte, aber anhaltende Entwicklung zu sorgen, ist eine Errungenschaft, wie sie sich niemand vorstellen konnte. Anders als die Ukraine führt Russland seine militärischen Anstrengungen aktuell noch ohne totale Mobilmachung durch. Welche Reserven an Kraft da noch im Verborgenen lauern, kann man sich kaum ausmalen.
All das ist natürlich nur ein Zwischenfazit. Wir sind mitten im Geschehen, und in den letzten Monaten spürt man, dass der Wind weltweit rauer wird. Meine Grundstimmung aktuell ist pessimistisch: Zu deutlich klopft der Weltkrieg an die Tür. Diplomatie versagt, der Iran-Krieg zeigt, dass der Westen keine Grenzen mehr kennt und sich zu allem befugt fühlt. Kein Verbrechen gibt es, vor dem seine gierigen Eliten zurückschrecken würden.
Das Schlimmste aber: Ich sehe keinerlei Bewegung in den Köpfen der Deutschen und der sonstigen Europäer. Nichts wurde in diesen drei Jahren begriffen, nichts neu bewertet, über nichts wird nachgedacht. Einzelstimmen, die RT DE gern aufgreift, bleiben Einzelstimmen.
Die westlichen Eliten ziehen ihren teuflischen Plan durch – und die Massen sind erstarrt wie ein Reh im Scheinwerferlicht des auf es zurasenden Autos. Bleibt es so, sind wir alle geliefert, ob in Moskau, ob in Berlin. Die Uhr tickt.
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