Von Olga Samofalowa
Welche Beweggründe stecken hinter dem Schritt der Vereinigten Arabischen Emirate? In welchem Umfang können die VAE den globalen Ölmarkt beliefern? Welche Auswirkungen ergeben sich daraus für die weltweite Ölindustrie und speziell für Russland? Könnten weitere Nationen dem Vorbild der Emirate folgen? Diese und weitere Fragen beantwortete Murad Sadygsade, Präsident des Zentrums für Nahoststudien und Gastdozent am Lehrstuhl für Auslandsregionskunde der Fakultät für Weltwirtschaft und Weltpolitik der Nationalen Forschungsuniversität „Wirtschaftshochschule Moskau“, gegenüber der Zeitung Wsgljad.
Was veranlasste die VAE, aus der OPEC+ auszutreten?
Der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC+ erfolgte weder spontan noch übereilt. Vielmehr zeichnete sich diese Entscheidung über einen längeren Zeitraum ab.
Bereits 2021 wurde der zugrundeliegende Konflikt erstmals offenkundig. Damals blockierten die VAE ein Abkommen der OPEC+, indem sie eine Erhöhung ihrer Förderbasis von 3,168 Millionen auf 3,8 Millionen Barrel pro Tag forderten. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Ab Mai 2022 wurde die Basisquote der VAE auf 3,5 Millionen Barrel pro Tag angehoben. Doch dieser Kompromiss verschob das Problem lediglich, ohne es endgültig zu lösen.
Die VAE hatten umfangreich in die Modernisierung ihrer Ölfelder, Infrastruktur, Fördertechnologien und Exportkapazitäten investiert. Das Quotensystem der OPEC+ hinderte das Land jedoch daran, diese Investitionen vollständig auszuschöpfen. Für Abu Dhabi bedeutete dies eine wirtschaftliche Ungerechtigkeit. Das Land hatte Mittel für eine Produktionsausweitung bereitgestellt, durfte aber nicht so viel Öl fördern und verkaufen, wie es seine Kapazitäten erlaubt hätten.
Aus Sicht der VAE bestrafte das Quotensystem im Grunde jene Akteure, die in die Weiterentwicklung der Branche investiert hatten.
Saudi-Arabien wiederum fürchtete die Schaffung eines Präzedenzfalls. Würde man die Basis für die VAE anpassen, könnten andere Länder – Irak, Kasachstan, Nigeria und möglicherweise weitere Produzenten – ähnliche Forderungen erheben. Dies würde die gesamte Architektur der OPEC+ gefährden, da jeder Teilnehmer beginnen würde, für sich selbst vorteilhaftere Bedingungen einzufordern. In der Folge könnte das kollektive System der Beschränkungen schnell in einen Kampf aller gegen alle umschlagen.
Zu dem Ölstreit gesellten sich nach und nach umfassendere politische Differenzen. Die Beziehungen zwischen Abu Dhabi und Riad wurden durch den Wettbewerb um Einfluss in der Region beeinträchtigt: im Jemen, im Sudan, in Somalia sowie im Ringen um den Status als wichtigstes Finanz-, Logistik- und Wirtschaftszentrum des Nahen Ostens. Daher war der Austritt der VAE aus der OPEC+ nicht nur ein Signal in Bezug auf Öl, sondern auch ein politisches Signal: Abu Dhabi möchte nicht länger die Rolle des Juniorpartners in einem System spielen, in dem die entscheidenden Weichen faktisch von Saudi-Arabien gestellt werden. Für die VAE war der Austritt aus der OPEC+ ein Mittel, ihre Eigenständigkeit zu betonen und sich als unabhängiger Akteur im Energiesektor zu positionieren.
Wie viel Öl konnten die VAE im Rahmen der OPEC+ fördern, und welche Menge streben sie an?
Vor den militärischen Spannungen und den Störungen der Schifffahrt förderte das Land im Rahmen der OPEC+ etwa 3,4 Millionen Barrel pro Tag. Die tatsächlichen Kapazitäten der VAE liegen jedoch deutlich höher – laut Angaben des Energieministers des Landes bei 4,85 Millionen Barrel pro Tag. Das Ziel für 2027 ist es, ein Niveau von etwa fünf Millionen Barrel pro Tag zu erreichen. Dies bedeutet, das Land hat bereits fast das Kapazitätsniveau erreicht, das ihm einen Platz unter den flexibelsten und einflussreichsten Ölproduzenten ermöglicht.
Folglich hat sich zwischen der Quote und dem tatsächlichen Potenzial eine erhebliche Lücke von 1,4 bis 1,6 Millionen Barrel pro Tag aufgetan. Für den Ölmarkt ist dies ein sehr bedeutendes Volumen. Es ist vergleichbar mit der Fördermenge einiger mittelgroßer Ölförderländer und kann das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage spürbar beeinflussen.
Wie schnell können die VAE ihre Fördermenge und ihre Exporte auf fünf Millionen Barrel pro Tag steigern? Angesichts der Tatsache, dass die Straße von Hormus nach wie vor gesperrt ist, dürfte dies kaum von heute auf morgen geschehen.
Ja, ein realistischeres Szenario ist eine schrittweise Steigerung der Produktion. In den nächsten 12 bis 18 Monaten wird das Land höchstwahrscheinlich auf ein Niveau von über 4,5 Millionen Barrel pro Tag zusteuern, sofern die geopolitische Lage, die Exportinfrastruktur und die Schifffahrt durch die Straße von Hormus dies zulassen.
Es handelt sich also nicht um einen sofortigen Ölschock, sondern um eine schrittweise Freigabe zusätzlicher Mengen, die zuvor durch das OPEC+-System zurückgehalten wurden.
Warum sind die VAE nicht schon früher aus der OPEC+ ausgetreten, sondern haben diesen Schritt gerade jetzt unternommen? Hatten sie Angst vor einem drastischen Einbruch der Ölpreise?
Ja, dieses Risiko war einer der Hauptfaktoren, der die VAE zuvor davon abgehalten hat, auszutreten. Wären die Emirate unter ruhigen Marktbedingungen aus dem Bündnis ausgetreten und hätten sie ihre Fördermenge drastisch erhöht, hätte dies einen Einbruch der Ölpreise provozieren können. Für jedes Ölförderland ist nicht nur die physische Fördermenge wichtig, sondern auch der daraus resultierende Erlös. Wenn der Ölpreis von 80 auf 50 Dollar pro Barrel fällt, kann selbst eine Steigerung der Fördermenge um 20–30 Prozent die Verluste durch den Preisverfall möglicherweise nicht ausgleichen. Abu Dhabi hat kein Interesse an einem chaotischen Zusammenbruch des Marktes. Genau deshalb ist der Zeitpunkt des Austritts aus dem Bündnis so wichtig.
Es ist kein Zufall, dass die VAE gerade in einer Zeit aus der OPEC+ austreten, in der die Ölpreise durch geopolitische Prämien, Lieferengpässe und Probleme bei der Schifffahrt durch die Straße von Hormus gestützt werden. Der Energieminister der VAE hat faktisch zu verstehen gegeben, dass der Zeitpunkt bewusst gewählt wurde.
Die VAE sind physisch nicht in der Lage, den Markt sofort mit zusätzlichen Millionen Barrel zu überschwemmen. Das bedeutet, dass ihr Austritt keinen sofortigen Preisverfall auslöst. Wenn sich der Schiffsverkehr wieder normalisiert, ist das Land bereits von den Quoten befreit und kann die Förderung schrittweise steigern. Dabei werden die Preise wahrscheinlich sinken, doch die Notwendigkeit, strategische und kommerzielle Vorräte nach der Krise wieder aufzufüllen, wird die Nachfrage nach zusätzlichen Barrel stützen. Sollte der Brent-Preis nach den Höchstständen beispielsweise auf 80 bis 90 Dollar fallen, könnte dies für die VAE immer noch ein komfortables Szenario sein.
Inwiefern ist der Austritt der VAE für den Ölmarkt noch gefährlich? Wird dies nicht zum vollständigen Zusammenbruch des OPEC+-Abkommens führen?
Die größte Gefahr liegt nicht so sehr darin
dass zusätzliche Barrel aus den Emiraten auf den Markt kommen. Viel wichtiger ist, dass dieser Schritt das Prinzip der Disziplin innerhalb der OPEC+ selbst untergräbt. OPEC+ funktioniert nur, wenn die Teilnehmer davon überzeugt sind, dass eine kollektive Förderbegrenzung vorteilhafter ist als eine individuelle Produktionssteigerung. Wenn jedoch ein großer Produzent aus dem System ausscheidet, Handlungsfreiheit erhält und dabei profitiert, beginnen sich die anderen dieselbe Frage zu stellen: „Warum sollten wir uns einschränken, wenn wir mehr verkaufen können?”
Der Austritt der VAE könnte für andere Länder ein Signal sein, dass die Quoten nicht mehr unantastbar sind. Selbst wenn andere Teilnehmer nicht formell austreten, könnten sie beginnen, die Beschränkungen weniger strikt einzuhalten, die Förderung über die vereinbarten Niveaus hinaus zu steigern oder eine Überprüfung ihrer eigenen Basis zu fordern.
Besonders schmerzhaft ist dies für Saudi-Arabien. Die VAE sind kein kleiner Produzent und kein Randakteur auf dem Markt. Es handelt sich um ein technologisch starkes, finanziell stabiles Land mit erheblichen Reservekapazitäten und Ambitionen. Der Verlust eines solchen Mitglieds schwächt die OPEC+ nicht nur quantitativ, sondern auch symbolisch.
Zuvor waren bereits Angola, Katar und Ecuador aus der OPEC ausgetreten. Doch die VAE sind ein weitaus bedeutenderer Produzent, weshalb ihr Austritt als schwerwiegenderer Schlag für die Architektur der Ölpolitik erscheint.
Wer ist noch ein potenziell problematisches Mitglied der OPEC+?
Der Irak. Er ist ein großer Produzent mit erheblichen Haushaltsbedürfnissen. Bagdad benötigt die Öleinnahmen zur Finanzierung des Staates, der Infrastruktur und sozialer Verpflichtungen. Gleichzeitig ist der Irak jedoch an stabilen und akzeptablen Preisen interessiert, weshalb ein formeller Austritt aus der OPEC+ für ihn bislang unwahrscheinlich erscheint.
Auch Kasachstan könnte zu einer Quelle von Spannungen werden, obwohl es Mitglied der OPEC+ und nicht der OPEC ist. Seine großen Ölprojekte erfordern eine Auslastung der Kapazitäten, was im Widerspruch zu den Förderbeschränkungen stehen könnte. Selbst ohne einen offiziellen Austritt ist Kasachstan in der Lage, durch die unvollständige Erfüllung seiner Verpflichtungen Probleme für die Disziplin zu verursachen.
Nigeria und Libyen sind theoretisch an einer Steigerung der Fördermengen interessiert, doch ihre Möglichkeiten sind durch innenpolitische und infrastrukturelle Probleme sowie Sicherheitsfragen eingeschränkt. Sie mögen zwar eine Produktionssteigerung anstreben, verfügen jedoch nicht über das gleiche Maß an Steuerbarkeit und technischer Stabilität wie die VAE.
Kuwait hingegen wird sich kaum gegen die saudische Linie stellen. Es ist politisch und strategisch eng mit Riad verbunden, weshalb ein Austritt unwahrscheinlich erscheint.
Auch Russland wird aus der OPEC+ wohl kaum formell austreten. Für Moskau bleibt dieses Format ein wichtiges Instrument zur Stabilisierung der Öleinnahmen und zur Koordinierung mit den größten Exporteuren. Doch Russland wird jeden Preisverfall schmerzlich spüren, insbesondere wenn dieser mit einem Anstieg des Angebots seitens der VAE, der USA oder anderer Produzenten zusammenfällt.
Ist ein Szenario mit einem drastischen Einbruch der Ölpreise vorstellbar?
Wenn die Durchfahrt durch die Straße von Hormus wieder voll funktionsfähig ist, die Lieferungen wieder aufgenommen werden, die strategischen Reserven aufgefüllt sind und die VAE beginnen, ihre Fördermengen zu erhöhen, könnte der Markt schnell von einer Verknappung in einen Überschuss übergehen. Besonders riskant wäre eine Kombination mehrerer Faktoren: steigende Fördermengen der VAE, anhaltend hohe Produktion in den USA, schwache Nachfrage in der Weltwirtschaft und nachlassende Disziplin innerhalb der OPEC+. Wenn all dies zusammenkommt, könnten die Preise deutlich schneller sinken, als der Markt erwartet.
Das härteste Szenario ist ein Preiskampf. Dieser ist möglich, wenn Saudi-Arabien beschließt, keine Marktanteile abzugeben, und auf die steigende Fördermenge der VAE mit einer eigenen Angebotserhöhung reagiert. Dann würde der Preisverfall nicht mehr kontrollierbar, sondern chaotisch verlaufen. In diesem Fall würden die Haushalte der Ölförderländer, Unternehmen mit hohen Förderkosten, Schieferölproduzenten sowie die Währungen der von Rohstoffexporten abhängigen Schwellenländer in Mitleidenschaft gezogen.
Mit anderen Worten: Der Ausstieg der VAE allein löst nicht zwangsläufig sofort eine Krise aus. Aber er erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste Ölpreisverfall tiefer und weniger kontrollierbar ausfällt.
Wird die OPEC+ in ihrer reduzierten Form überleben können, oder sind die Tage des Bündnisses gezählt?
Die OPEC+ wird wohl kaum unmittelbar nach dem Austritt der VAE auseinanderfallen. Saudi-Arabien verfügt nach wie vor über beträchtliche Reservekapazitäten, finanzielle Ressourcen und politischen Einfluss. Ohne die VAE wird die Wirksamkeit der Organisation jedoch abnehmen. Viele OPEC+-Mitglieder haben zwar formal Quoten, können ihre Fördermengen aber faktisch nicht schnell erhöhen oder senken. Die VAE gehören hingegen zu den wenigen Produzenten, deren Kapazitäten für den Markt tatsächlich von Bedeutung sind.
Nun muss die OPEC+ in einem komplexeren Umfeld agieren. Wenn die VAE ihre Förderung steigern und die USA ihr hohes Produktionsniveau beibehalten, muss sich die Allianz zwischen zwei unangenehmen Optionen entscheiden: Entweder müssen Saudi-Arabien und seine Verbündeten ihre Förderung noch stärker drosseln und Marktanteile abgeben, oder sie müssen niedrigere Preise hinnehmen.
Solange die Mitglieder daran glauben, dass kollektive Disziplin mehr Vorteile bringt als individuelle Freiheit, kann die Allianz funktionieren. Doch der Austritt der VAE zeigt, dass diese Logik für einen Teil der Produzenten nicht mehr selbstverständlich ist. Das heißt, Abu Dhabi hat das Modell selbst in Frage gestellt, auf dem die OPEC+ in den letzten Jahren beruhte.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 30. April 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung “Wsgljad”.
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