Von Olga Samofalowa
Die Spannungen im Nahen Osten setzen die globale Automobilbranche massiv unter Druck. Steigende Materialkosten und Lieferengpässe belasten die Hersteller. Die drei großen US-Konzerne General Motors (GM), Ford und Stellantis (u.a. Jeep) rechnen in diesem Jahr mit Verlusten von umgerechnet fünf Milliarden US-Dollar. Grund sind die gestiegenen Preise für Rohstoffe wie Aluminium, Kunststoffe und Lacke. Wegen der ohnehin geringen Margen könnten diese Kosten laut ihren Quartalsberichten an die Kunden weitergegeben werden.
In Deutschland sorgt ein Mangel an Helium für Probleme. Das Edelgas wird in der Herstellung von Halbleitern, Batterien, Chips und Airbags benötigt, ebenso in der Metallverarbeitung und bei Dichtigkeitstests. Rund 40 Prozent des EU-Bedarfs kamen zuletzt aus Katar. Diese Lieferungen stocken jedoch wegen der Blockade der Straße von Hormus.
Die japanischen Hersteller Toyota und Mazda kämpfen mit Engpässen bei Aluminium und Autoteilen. Inoffiziellen Quellen zufolge sollen sie sogar beim russischen Unternehmen Rusal um Hilfe gebeten haben.
Wladimir Tschernow, Analyst bei Freedom Finance Global, gibt eine Einschätzung zur Lage:
„Am schwierigsten sieht die Situation für die japanische Automobilindustrie aus, da für Toyota, Mazda und ihre Zulieferer das Problem nicht nur in der Preissteigerung liegt, sondern auch im Risiko einer physischen Verknappung von Aluminium, petrochemischen Erzeugnissen, Lösungsmitteln und bestimmten Automobilkomponenten.“
Wie die Japan Times und Bloomberg unter Berufung auf die japanische Autolobby berichten, beziehen die Hersteller rund 70 Prozent ihres Aluminiums aus dem Nahen Osten. Tschernow ergänzt:
„Am Beispiel von Toyota wird deutlich, dass das Risiko bereits die Zuliefererebene erreicht hat. Aisin beziffert die Belastung durch steigende Aluminiumpreise auf rund 15 Milliarden Yen, während Denso die potenziellen Verluste infolge von Rohstoffknappheit und -inflation auf bis zu 45 Milliarden Yen veranschlagt. Zugleich berichten die Zulieferer, dass die Produktion zwar vorerst weiterläuft, sie jedoch nicht abschätzen können, wie lange die Produktionskette stabil bleiben wird. Ein besonders kritischer Faktor sind die Lösungsmittel für die Lackierung: Wenn ein Automobilwerk die Karosserien nicht lackieren kann, kommt die Produktion praktisch zum Stillstand.“
Demgegenüber befinden sich die US-Hersteller in einer etwas komfortableren Situation, was die physische Verfügbarkeit von Rohstoffen betrifft. Der Druck kommt hier vorerst vor allem über die gestiegenen Kosten. Tschernow erläutert:
„Ford hat für das Jahr 2026 offiziell rund 2 Milliarden US-Dollar an Rohstoffkosten eingeplant – etwa 1 Milliarde US-Dollar mehr als zuvor veranschlagt, wobei Aluminium den größten Anteil ausmacht. GM weist in seiner Präsentation eine Belastung von 1,5 bis 2 Milliarden US-Dollar durch Rohstoff-, Logistik- und DRAM-Inflation aus. Das ist schmerzhaft, wirkt derzeit aber eher wie ein Margendruck als wie das unmittelbare Risiko eines Produktionsstillstands.“
Wie lange die Unternehmen durchhalten können, lässt sich aus öffentlichen Daten nicht genau ableiten. Die Lagerbestände von Toyota, Mazda, Volkswagen, BMW, Mercedes, GM, Ford und Stellantis sind nicht bekannt. Der Experte schätzt:
„Meiner Einschätzung nach können japanische Hersteller und ihre Zulieferer noch einige Wochen ohne größere Produktionsausfälle überstehen, sofern sich die Engpässe nicht verschärfen. Sollten die Probleme bei Aluminium, petrochemischen Erzeugnissen und Lösungsmitteln jedoch anhalten, steigt das Risiko von punktuellen Produktionsausfällen oder Schichtkürzungen in den Werken bereits in ein bis zwei Monaten deutlich an. Deutschland könnte sich dank seiner Vorräte an Industriegasen und der prioritären Verteilung von Helium länger über Wasser halten, doch sollte sich der Mangel auf Chips und Batterien ausweiten, werden die Folgen ebenfalls innerhalb weniger Monate spürbar.“
Die US-Hersteller könnten länger durchhalten, so Tschernow:
„GM erzielt in Nordamerika weiterhin eine hohe Marge, die im ersten Quartal bei 10,1 Prozent lag. Ford hat seine Prognose für das bereinigte EBITDA sogar auf 8,5 bis 10,5 Milliarden US-Dollar angehoben. Wichtig ist jedoch, dass Ford ausdrücklich darauf hinweist, dass diese Prognose die Folgen eines langwierigen Konflikts im Nahen Osten nicht berücksichtigt. Das heißt, es besteht zwar eine gewisse Sicherheitsreserve, doch sollte der Konflikt länger als sechs Monate andauern, werden die Unternehmen die Kosten stärker auf die Preise umlegen müssen.“
Massenhafte Werkschließungen weltweit seien nicht zu erwarten. Vereinzelte Stillstände schließt der Experte jedoch nicht aus:
„In erster Linie betreffen diese Risiken Modelle mit hohem Aluminiumanteil, komplexer Elektronik, Batteriepaketen und importierten Teilkomponenten. Dabei handelt es sich um Hybridfahrzeuge, Elektroautos, Premiumfahrzeuge, Geländewagen und ausgewählte Nutzfahrzeugmodelle. Für Autohäuser bedeutet dies geringere Lagerbestände, längere Wartezeiten und weniger Preisnachlässe.“
Eine offizielle Prognose zu einem Anstieg der Endkundenpreise gibt es nicht. Nach Einschätzung von Tschernow könnte sich der Anstieg bei Massenmodellen auf 1 bis 3 Prozent beschränken, wenn sich die Lage in der Straße von Hormus in den kommenden Wochen beruhigt. Er ergänzt:
„Sollten sich die Engpässe über ein halbes Jahr hinziehen, könnte der Preisanstieg bei den besonders gefragten Modellen 5 bis 10 Prozent betragen, wobei einzelne Hybrid- und Elektrofahrzeuge sowie Modelle der Premiumklasse noch stärker betroffen sein könnten. Für die Kunden bedeutet dies nicht nur höhere Preise, sondern auch den Wegfall von Rabatten, eine geringere Auswahl an Ausstattungsvarianten und längere Lieferzeiten.“
In einer besseren Position seien chinesische Hersteller, einige US-Firmen mit starker lokaler Präsenz sowie Rohstofflieferanten außerhalb des Nahen Ostens. Ein potenzieller Profiteur könnte Rusal sein, sofern asiatische Käufer tatsächlich Alternativen suchen. Sanktionen, logistische und vertragliche Hürden seien hier jedoch gesondert zu beachten. Tschernow fasst zusammen:
„Bei Elektrofahrzeugen und Massenhybriden werden chinesische Marken an Stärke gewinnen, während europäische Hersteller aufgrund schwacher Nachfrage, hoher Energiekosten, Heliumknappheit und geringer Margen bei einzelnen Modellen unter dem größten Druck stehen dürften.“
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 5. Mai 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung “Wsgljad”.