Iran-Berichterstattung enthüllt: Die erschreckende Wahrheit über unterdrückte Trauer und Medienzensur

Von Dagmar Henn

Stellen Sie sich vor, es ginge um einen verstorbenen Papst. „Für Anhänger des Regimes und die iranische Staatsführung sind die Zeremonien mit Zehntausenden Teilnehmern zugleich Abschied von dem langjährigen religiösen Führer und Demonstration politischer Geschlossenheit.“ So formulierte es der Spiegel. „Zugleich könnten die Zeremonien dazu dienen, die Stimmung gegen Israel und die USA neu anzuheizen.“ Die Tagesschau widmete in ihrem Bericht viel Raum der Auflistung, wer alles nicht gesichtet worden sei – als ob man dies bei Abermillionen jemals verlässlich feststellen könnte. Am Samstag hieß es dort immerhin, dass zur Trauer im Iran „internationale Gäste aus rund 30 Ländern“ erwartet würden; der Deutschlandfunk nannte China, Weißrussland, den Irak, Turkmenistan, Dmitri Medwedew aus Russland und den pakistanischen Ministerpräsidenten. Und das ZDF, das erneut nach Lorbeeren strebt, zitierte sogar einen „Experten“, der erklärte: „Das zeigt, wie isoliert das Regime an sich ist.“

Der dabei angewandte Trick besteht darin, nur hochrangige Regierungsvertreter zu zählen und so ganze 70 vertretene Länder unter den Tisch fallen zu lassen. Zum Vergleich: Bei der Beisetzung von Papst Franziskus hieß es, auf dem Petersplatz hätten sich „Delegationen aus mehr als 130 Ländern“ versammelt. In dieser Hinsicht hat Iran also keineswegs schlecht abgeschnitten oder sich isoliert präsentiert – und das trotz ungezählter westlicher Sanktionen.

Tatsächlich sind die beiden Ereignisse – die Beisetzung von Papst Franziskus und jene von Ali Chamenei – durchaus vergleichbar. Beide waren die spirituellen Führer großer, mehr oder weniger weltweit vertretener Religionsgemeinschaften, deren Einfluss weit über beispielsweise die lateinamerikanischen Jesuiten oder die iranischen Schiiten hinausreichte. Doch während die Beisetzung von Franziskus als weltbewegendes Ereignis beschrieben wurde, werden die Trauerfeierlichkeiten für Chamenei kleingeschrieben – obwohl sie jene für Franziskus im Vorjahr weit in den Schatten stellen.

Dies liegt nicht nur daran, dass der letzte Papst, von dem das Gerücht einer Ermordung kursierte, Johannes Paul I., vor fast fünfzig Jahren starb, während sich die Täter, die Chamenei ermordeten, öffentlich dazu bekannten – etwas, das man sich bei einem Papst gar nicht mehr vorstellen kann. Nein, was sich im Iran ereignet, ruft in Erinnerung, wie es aussieht, wenn das Volk wirklich bewegt ist. Die katholische Kirche hat etwa 1,4 Milliarden Mitglieder; die Schia maximal 260 Millionen Anhänger. Die Beisetzung von Papst Franziskus brachte rund 400.000 Menschen in Rom auf die Beine; in Teheran waren es an drei Tagen zusammen mindestens 14 Millionen.

„Selbst wenn man davon ausgeht, dass die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung oppositionell oder indifferent zum Regime ist, bleiben bei zehn bis 20 Prozent, neun bis 18 Millionen Personen übrig, die zu diesem Regime stehen und auch zum Teil finanziell von diesem Regime abhängen“, erklärte der „Experte“ des ZDF, Hans-Jakob Schindler. Die Straßen damit zu füllen sei „noch nie ein Problem“ für das Regime gewesen.

Wenn man wirklich verstehen will, was diese gigantische Versammlung war, sollte man sich eher an jemanden wie den Investigativjournalisten Max Blumenthal halten, der aus Teheran berichtet:

Ja, auch Menschenmassen können inszeniert werden, wie Schindler andeutet. Dieser firmiert normalerweise als „Terrorismusexperte“. Sein Arbeitsplatz ist beim Counter Extremism Project – schon wieder eine NGO, die aus den USA unter anderem vom Milliardär Thomas Kaplan und dem Department for Homeland Security, aber in Europa auch von der EU finanziert wird und im Kern der Bekämpfung Irans dient. Überraschung.

Aber es gibt eine Schwelle, oberhalb derer man anerkennen muss, dass hier tatsächlich das Volk auf der Straße ist. Dass dies nicht angetrieben, organisiert oder gar erzwungen ist. 14 Millionen, die in einer Stadt von vielleicht ebenso vielen Millionen Einwohnern binnen drei Tagen bei den Zeremonien gesehen werden? Eine Menge, für die jeder einzelne Einwohner teilgenommen haben müsste? Nein, da lässt sich nichts mehr verordnen. Es gibt solche Momente in der Geschichte. Was da passiert, ist echt.

Blumenthal berichtet Details rund um die Trauerfeierlichkeiten. Es gibt Videos, die Menschen zeigen, die Vorübergehende mit Wasser oder Süßigkeiten versorgen; Aufnahmen von Teilnehmern, die mit an die Kleidung gesteckten Zetteln erklären, sie seien bereit, Angereiste über Nacht aufzunehmen; allein die Zahl der Freiwilligen, die am Rande des Menschenstroms für dessen Sicherheit sorgen, muss in die Tausende gehen.

In den Jahrzehnten unter Chameneis Führung haben sich Lebenserwartung und Bildungsstand kontinuierlich verbessert, trotz massiver westlicher Sanktionen. Nur in der im Westen vermittelten Sicht blieb Iran ein halbagrarisches Land am Tropf des Erdölvorkommens, das weit hinter der Moderne zurückgeblieben ist. Auch dem spricht die Tatsache dieser riesigen Trauerfeiern Hohn – nachdem die Straßen im weiten Umfeld für den Autoverkehr gesperrt waren, reisten die Millionen per U-Bahn und Bus an; eine Herausforderung selbst für ein gut entwickeltes öffentliches Transportnetz.

Doch dem Westen ist es völlig unmöglich, einzugestehen, dass die Trauer echt ist. Oder auch nur das Oberhaupt der Schiiten mit dem Respekt zu behandeln, der gegenüber dem Oberhaupt des Vatikan selbstverständlich erwartet wird. Nein, man übergibt, wie das ZDF, die „Einordnung“ einem „Terrorismusexperten“. Der selbst angesichts der eindrucksvollen Geschlossenheit der iranischen Bevölkerung noch erklärt: „Alles das heißt, das Regime hält sich jetzt eigentlich nur mit brutaler Gewalt an der Macht.“

Das ist nicht nur platte Propaganda, die selbst im Angesicht ihrer eigenen Widerlegung noch fortgesetzt wird; das ist auch nicht nur die erwartbare Verweigerung, das Volk als handelndes Subjekt wahrzunehmen, das es in diesem Fall ist. Wer dem Gegenstand seiner Berichterstattung die Würde abspricht, wie das in diesem Fall geradezu zelebriert wird, gibt seine eigene preis.

Niemand im gesamten Westen wäre imstande, eine derartige Zahl Menschen auch nur dazu zu bringen, einen Fuß vor die Wohnungstür zu setzen. Selbst wenn man annimmt, dass ein beträchtlicher Teil an mehr als einem Tag vor Ort war, um von Chamenei Abschied zu nehmen – das ist mindestens ein Zehntel der Bevölkerung des Landes. Es gab im letzten Jahrzehnt genau ein ähnliches Ereignis, das diese Beteiligung erreichte – die Beisetzung Fidel Castros 2016, an der ebenfalls mindestens ein Zehntel der Bevölkerung teilnahm, die im Falle Kubas damals elf Millionen betrug, während Iran 95 Millionen Einwohner hat. In beiden Fällen zeigte sich der Respekt, ja die Liebe des Volkes für jemanden, der ihm gut gedient hatte.

Das ist so weit vom alltäglichen Erleben im Westen entfernt wie der Tag von der Nacht. Und das ist der wahre Grund, warum über diese überwältigenden Trauerfeiern keinesfalls die Wahrheit gesagt werden darf. Denn diese Wahrheit schneidet tief.

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